Umdenken, nicht abreißen Gläserne Manufaktur auf Laerer Industriebrache

Meine Nachrichten

Um das Thema Bad Laer Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Bad Laer. Statt einem Podium sorgte eine stabile Palette für den erhöhten Stand und die gute Sichtbarkeit der Akteure. Der rote Teppich war eher Fußwärmer als Luxus-Läufer. Eine leere Werkshalle an der Warendorfer Straße ist eben kein Konzertsaal. Und doch hat sie ihren ganz eigenen Charme.

Für Marlies und den inzwischen verstorbenen Friedrich Wellmeyer und die Mitarbeiter der Firma Heinrich Wellmeyer war sie fast 90 Jahre lang einfach „die Werkstatt“. Seit dem Umzug des Unternehmens an den Meggerhoff sind die Halle und das alte Betriebsgelände der Fahrzeugbaufirma nur noch eine Industriebrache. Aber nicht mehr lange.

Arbeiten, lernen, forschen und vielleicht auch ein bisschen feiern: Mitten im Dorf entsteht neues Leben. Kernstück bleibt die alte Werkstatt, die zu einem Schulungszentrum und einer Veranstaltungshalle mit dem klangvollen Namen Concello umgebaut wird. „Das Rathaus liegt ja direkt gegenüber. Und Concello heißt Rathaus“, übersetzt Heiko Schulte-Südhoff. Oder Gemeinde. Und solch ein Ort der Zusammenkunft und des Austausches soll die über 600 Quadratmeter große, alte Werkstatt für Bad Laer werden.

Seminare und Produktvorstellungen sind hier schon geplant, aber auch die schönen Künste sollen hier Klangraum finden. „2016 haben wir die Halle schon dreimal vermietet“, freut sich André Schulte-Südhoff, unter anderem an die Bad Laerer Musikkapelle.

Für den Umbau des Industriedenkmals haben die Brüder Heiko und André Schulte-Südhoff auf dem GMHütter Rittergut Osthoff kompetente Unterstützung gefunden. Architekt Christian Kolde hat Erfahrung mit dem Umbau historischer Bauten für eine zeitgemäße Nutzung. Dabei sollen Relikte der Technikgeschichte bleiben. Alte Maschinen, die zum Bau von Kutschenrädern gebraucht werden, eine Rundmaschine, Handhebelscheren oder eine Bohrmaschine mit Riemenantrieb. Glanzstück ist die Krananlage an der Deckenkonstruktion, einem kalt genieteten Metallgerüst. „Zum Glück haben wir in Süddeutschland noch einen alten Ingenieur gefunden, der mit dieser Besonderheit umgehen kann“, freuen sich die Brüder Schulte-Südhoff.

„Wir wollen, dass man uns sieht und auf die Finger schaut“, sagt Heiko Schulte-Südhoff. Das, was man hier in wenigen Monaten sehen soll, ist neben der Concello-Halle eine gläserne Schaltschrank-Manufaktur der 2014 gegründeten Firma LS Automation, ein Gewerbe ohne Dreck und ohne Lärm. 15 bis 20 Mitarbeiter werden hier auf 400 Quadratmetern mit Handschraubern hochwertige Schaltschränke in Einzelfertigung bauen.

„Lean Solutions“, schlanke Lösungen, steht für Industrieautomation, Prozess- und Umwelttechnik, Fernwirktechnik und Steuerungsbau. Kurz gesagt, es geht um vernetzte Maschinen, die beispielsweise den Betrieb einer Filteranlage oder einer Heizung steuern und pünktlich per Mail vermelden, dass in 200 Betriebsstunden eine Wartung ansteht. LS soll in die angebaute Halle mit den hellblauen Toren einziehen. Die alten Rolltore werden dafür durch große Schaufenster ersetzt. „Die Fassade werden wir freistellen“, kündigt Christian Kolde an.

Mit einziehen soll auch der 2012 gegründete Verein „Europäischer Fachverband für Luftreinhaltung“, in dem inzwischen 15 Staaten Mitglied sind. „Wir atmen jeden Tag 8000 Liter Luft, das sind acht Kilo“, berichtete André Schulte-Südhoff. EU-weit stürben jedes Jahr 400000 Menschen an staubbelasteter Luft. Denn die ist nicht nur in China ein Thema. Feinstaub ist lungengängig, dringt in den Körper ein und schadet ihm. Ein Thema, das Schulte-Südhoff spürbar an Herz und Lunge liegt – nicht nur aus beruflichen Gründen. Deshalb ist auch die Gründung einer Akademie geplant. „Wir sorgen für saubere Luft“ hat sich das Familienunternehmen auf die Fahnen geschrieben. Die wehen aber nicht nur für den eigenen Umsatz, sondern auch für den Firmenstandort und Lebensmittelpunkt. „Wir wollen Bad Laer nach vorne bringen.“ Dafür geben die Brüder 1,6 Millionen Euro aus.

Das freut Rat und Bürgermeister, aber auch Vorbesitzerin Marlies Wellmeyer: „Für uns geht eine Ära zu Ende. Belegschaft und Familie sind sehr glücklich über den Neuanfang. Denn die Vorstellung einer Abrissbirne war traurig.“


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN