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Marktführer aus Bad Laer Versandapotheke Sanicare erneuert ihre Marke

Von Christian Schaudwet

Komplexe Logistik hinter der erneuerten Marke: Sanicare-Mitarbeiter bereiten Arzneimittel zum Versand vor. Foto: Elvira PartonKomplexe Logistik hinter der erneuerten Marke: Sanicare-Mitarbeiter bereiten Arzneimittel zum Versand vor. Foto: Elvira Parton

Bad Laer. Die 2012 in die Insolvenz gerutschte und 2013 von dem Apotheker Volkmar Schein übernommene Versandapotheke Sanicare macht nun auch markenstrategisch einen Neuanfang. Experten sehen an dem neuen Beratungsschwerpunkt des Anbieters allerdings einen Haken.

Sie wirkt übersichtlicher, ruhiger, ist leichter zu navigieren, und Eigner Volkmar Schein persönlich in weißem Apothekerkittel empfiehlt lächelnd ein um 37 Prozent reduziertes Erkältungsmittel: Die neue Homepage der Versandapotheke Sanicare unterscheidet sich deutlich von der alten. Das Unternehmen in Bad Laer bei Osnabrück hat seinen Online- und Markenauftritt modernisiert . Seit Oktober steht Apotheker Schein im Mittelpunkt der Außendarstellung. „Vertrauen ist die beste Medizin“ lautet der neue Slogan, Schein tritt als Garant dafür auf.

Sanicare hat das Beratungsangebot erweitert

Veränderung vor und hinter den Kulissen: Die nach eigenen Angaben mit 1,6 Millionen Kunden größte Versandapotheke Deutschlands hat ihr Beratungsangebot erweitert. Sie bietet Kunden nun unter anderem an, schon während der Produktauswahl am Bildschirm einen Rückruf anzufordern . Man wolle im Shop „überall zur Kommunikation einladen – wie wir es in der Offizin vor Ort auch tun“, wird Schein in Sanicares Pressemitteilung zum Marken-Neustart zitiert. Er betreibt auch eine stationäre Apotheke unter der Marke Sanicare.

In Bad Laer betreuen nach Unternehmensangaben 340 Mitarbeiter die Kunden in der Ferne am Telefon oder per E-Mail, einige auch von Angesicht zu Angesicht im Laden . Besonders zu chronisch Kranken wolle man mit eigenen Pharmazeuten Kontakt halten, teilt das Unternehmen mit. Zur Abrundung lädt Sanicare mehrmals im Jahr zu Selbsthilfetagen in Bad Laer ein, an denen Kunden mit Apothekern, Ärzten, Forschern und Vertretern der Pharmaindustrie diskutieren können.

Marken-Neustart angeschoben

Möglicherweise hat Schein den Marken-Neustart angeschoben, weil er ähnlichen Handlungsbedarf erkannt hat wie das Deutsche Institut für Service-Qualität in Hamburg. Vor rund einem Jahr veröffentlichten die Marktforscher eine Bewertung von 21 Online-Apotheken, zu der sie den Versand, den Internetauftritt, den Service und die Preise der Anbieter untersucht hatten. Sanicare landete in der Gesamtwertung auf dem letzten Platz. Auch in einem Ranking der Stiftung Warentest 2014 Jahr schafften es die Bad Laerer nicht unter die vier mit „gut“ bewerteten Versandapotheken – belegten aber immerhin Platz sechs unter den 17 untersuchten. Stationäre Apotheken schnitten in dem Test nicht besser ab als die Versender. Auch von ihnen erhielten nur vier die Note „gut“.

Grundsatzproblem für alle Apotheken

Ob als klassische Ladengeschäfte oder Online-Shops – Apotheken in Deutschland haben nach Einschätzung von Pablo Mentzinis ein grundsätzliches Problem: „Patienten sind für die Apotheker meist unbeschriebene Blätter. Das erschwert ihnen die Beratung“, sagt der Gesundheitsbranchenexperte des deutschen IT-Wirtschaftsverbandes Bitkom in Berlin. Anders als etwa in skandinavischen Ländern gebe es hierzulande keine elektronischen Patientenakten, auf die Apotheker während der Beratung zugreifen könnten.

Generell, sagt Mentzinis, kauften bei Versandapotheken vor allem Patienten mit regelmäßigem Medikamentenbedarf ein, für die der Preisvorteil von Online-Anbietern und die Lieferung nach Hause attraktiv seien. Auch der Handelsexperte Thomas Roeb sieht Sanicares Vorstoß in die Beratung skeptisch: „Beratung war bisher nicht das. was Kunden von Online-Apotheken gesucht haben und womit sich Versandapotheken profilieren konnten“, sagt der Wirtschaftsprofessor an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. „Der Vorteil der Versandapotheke für den Kunden liegt vor allem im niedrigeren Preis.“ Besonders wenig hält Roeb von der E-Mail als Beratungsmedium: „Beratung per E-Mail funktioniert in der Praxis meist nicht zufriedenstellend.“


Grundsätzlich stehen die Zeichen für den Online-Arzneimittelhandel auf Wachstum. Nach einer Bitkom-Studie von 2013 haben 16 Millionen Menschen in Deutschland Medikamente bei Versandapotheken bestellt. Zwei Jahre zuvor waren es noch neun Millionen.