Senior-Experten für Piepstein Bad Laer: Rentner feilen an der Ortskernsanierung

Von Anne Spielmeyer


Bad Laer. Alt und ausrangiert? Von wegen. Der Arbeitsmarkt braucht diese Männer und ihre Geduld: Herbert Seete (73), Hubert Brune (74) und Reinhard Lechtenfeld (65) könnten im Ruhestand sein. Statt die Füße hochzulegen, haben sie einen Arbeitsvertrag bei der Firma Sandfort Bau und feilen an der Ortskernsanierung in Bad Laer. Piepstein für Piepstein.

Was momentan im Ortskern von Bad Laer anmutet wie eine archäologische Ausgrabungsstätte, ist nichts anderes als die Suche nach dem passenden Stein. In großen Gitterkörben stapeln sich Piepstein-Brocken, Auserwählte haben es bereits auf ein langes Holzbrett geschafft. Hier vor dem Eiscafé an der Iburger Straße, wo jetzt Rentner in Wollpulli und mit Schutzbrille um die Steine herumwuseln, soll eine kleine Mauer entstehen – aus dem ortsüblichen Stein. Kein Hobby, sondern Arbeit.

Herbert Seete (73), Hubert Brune (74) und Reinhard Lechtenfeld (65) sind gelernte Maurer und noch immer im Dienst – jetzt als erfahrene Aushilfen beschäftigt. „Es ist sehr zeitaufwendig, Piepstein zu verarbeiten“, erklärt Chef Burkhard Sandfort, der die drei Rentner nicht ohne Grund angestellt hat. „Man braucht viel Geduld“; sagt er und ergänzt: „Nicht jeder kann Piepstein.“ Als der heute 38-Jährige sich 2004 für den Weg in die Selbstständigkeit entschied, entschied er sich zugleich für eine Kooperation mit den pensionierten Maurern, bei denen er selbst in die Lehre ging.

Der scharfkantige Stein aus dem Laerer Boden, der im Zuge der Ortskernsanierung Tiefbauern und Baggerfahrern mitunter den letzten Nerv raubte, soll sich jetzt von seiner gefälligen Seite zeigen. „Die Spitze muss noch ab, dann passt er“, sieht Herbert Seete hinter der Schutzbrille beim Blick auf einen Brocken, den Lechtenfeld gerade mit dem Meißel bearbeitet. Er schlägt die Spitze ab und streicht mit der Hand über den ei-förmigen Brocken. Alle nicken, so gehts. Kein Stein wird hier einfach so in den Zement gedrückt.

In Handarbeit verlesen die Rentner ihre Abbruch-Sammlung, schleifen und feilen die Steine. „Sie müssen passen wie ein Puzzleteil“, sagt Stefan Menke, der sich als Junior von der Experten-Crew einiges abschauen kann. Mit normalen Hohlblocksteinen oder Klinker wäre die Mauer im Nu fertig, nicht mit Piepstein. Auf einen Tag komme es auch nicht an, sagt Sandfort. Der zweite Bauabschnitt der Ortskernsanierung ist fertig, wurde am vergangenen Wochenende zelebriert, ein dritter auf einem Teil von Bielefelder Straße und Bahnhofstraße folgt noch.

„Keiner der Rentner muss hier eine 40-Stunden-Woche machen“, sagt Sandfort über die Generation 70 Plus. „Sie machen so viel, wie sie können und schaffen.“ Brune hat Spaß an der Arbeit, mit der sich die Oldies noch was dazu verdienen können: „Was sollen wir denn rumsitzen?“, fragt der 73-Jährige und stützt sich auf der Maurerkelle ab. „Gelernt ist gelernt.“


Piepstein: Der Stein ist uralt. Über mehrere Jahrtausende entstanden die Piepsteine, die noch heute im Boden von Bad Laer zu finden sind, heißt es auf der Seite des Heimatmuseums. Die einst in der Sole mitgeführten Minerale lagerten sich mit der Zeit an Wasserpflanzen ab, verkrusteten hier zu porösen Kalken und konservierten so ihre Struktur - zum Beispiel die des Schilfs. Seine Stengel blieben so als Versteinerung erhalten. In seiner originalen Form sieht der Stein pfeifenartig aus - plattdeutsch piepenartig. Daher auch sein Name. Im Mittelalter waren die Piepsteine aus dem Boden beliebtes Baumaterial. Der Turm der Laerer Kirche oder das Gewölbe im Dom zu Münster wurden aus Piepstein errichtet. Als Baumaterial hat der Stein heute weitgehend ausgedient, weil er nur umständlich und langwierig verbaut werden kann.