Auf Sole gebau Brigitte Vedder lädt zur Piep(stein)-Show ein

Von Frank Muscheid

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Bad Laer. Selbst Einheimische sehen ihr „steinreiches Bad Laer“ mit neuen Augen, sind sie erst mal mit Brigitte Vedder auf Tour. Sie ist eine von drei neuen Stadtführern.

90 Minuten lang vom Dorfbrunnen vorbei an Heimatmuseum und Kirche bis zum Kurpark unterhält Vedder mit historischen Anekdoten, Auswanderergeschichten oder Hintergründen zum Barockgarten am Heimatmuseum. Ihre „Piep(stein)-Show“ lässt aber vor allem tief blicken in die steingewordene Geschichte des Sole-Heilbads, das schon auf die seit 10000 Jahren sprudelnde Sole gebaut war, bevor es 1975 seinen Kurbad-Status erhielt.

Denn dem „Piepstein“, einem bis in die 1930er-Jahre begehrten, leichten wie stabilen Baumaterial begegnet man nicht nur an der Kirche Mariae Geburt, am Haus Vieth oder an dessen ehemaliger Scheune, die wieder standesamtliche Hochzeiten beherbergen soll. Auch bis in die Ravensburg bei Borgholzhausen, die Pfarrkirche von Füchtorf, ins Kloster Vinnenberg, in die Kirche von Greffen oder in den Turm der Petri-Kirche von Versmold hat es die geologische Besonderheit verschlagen. Sogar das Gewölbe des Hohen Doms zu Münster besteht größtenteils daraus.

„Weil der Stein mit Pferd und Wagen transportiert wurde, ist er meist in einem Umkreis von 30 Kilometern zu finden“, sagt die Stadtführerin. „Piepen ist Plattdeutsch für Pfeifen. Der Piepstein hat sich aus den aus dem Kolk gespeisten Soletümpeln entwickelt, lange bevor es dort Häuser gab. Das Wasser ist verdunstet, die Mineralien haben sich an Schilf, Algen und Gräsern gelagert, die Stängel sind im Sinterkalk versteinert“, erklärt sie. „Die Piepsteinplatte reicht vom Kolk bis unter die Ortsteile Hardensetten und Winkelsetten.“ Logisch also, dass sie ihre lebhafte Tour an der „Loggia“ am Thieplatz beginnt: „Es ist das jüngste Bauwerk mit dem alten Stein“, erläutert Vedder den meist Bad Laerer Zuhörern. Bei Auswärtigen soll sich das erweiterte Entdeckungsreisen-Angebot der Bad Laerer Touristik GmbH noch herumsprechen. Die acht Säulen der „Loggia“ für den Süßwasser-Dorfbrunnen, die „Piepsteinsammler“ Theo Jugas 2006 aus dem Baumaterial des abgerissenen Hofs Bißmeier bei Versmold zusammensetzte, führen eine Tradition fort: „Die schönsten Steine sind für Kirchen verwendet und die Häuser aus dem Bruch gemacht worden“, erklärt Vedder.

Davongemacht

Auf der Spur der Steine gibt es noch mehr zu entdecken: etwa den „Schandpfahl“, nach dem der „Paulbrink“ als ehemalige Richt- und Versammlungsstätte benannt ist, die Leineweberfigur an der „Loggia“, die daran erinnert, dass am Sparkassenstandort einst in der Legge das Leinen geprüft und gehandelt wurde, das auch als Segeltuch Absatz fand.

Über die See davon machten sich rund 1000 Bad Laerer Auswanderer, gründeten in den USA die Stadt „Teutopolis“ mit und stifteten die Kapelle auf dem Kalvarienberg. Wo heute unter einem Giebel das „Tabakmännchen“ – statt der an vielen Häusern üblichen Kreuze und Madonnen – über den Paulbrink schaut, war einst die für Auswanderer zuständige „Ausländerbehörde“.

Ein besonders prächtiger Piepsteinbrocken „bewacht“ heute den Garten des Heimatmuseums, den Ludwig Wahlmeyer vor 28 Jahren mit seinen Schülern aus Loburg anlegte. Ein Maurer beriet bei Wegen und Beeten beim Anlegen rechter Winkel auf Platt: „Sess Acht Teggen megg den Winkel reggen.“

„Ich arbeite im Einkauf bei Sanicare und habe schon immer gern Gäste durchs Haus geführt“, beschreibt Brigitte Vedder, warum sie nach einem Acht-Stunden-Job noch auf Entdeckungstour geht. „Es macht mir Spaß, Ecken zu zeigen, die auch Bad Laerer noch gar nicht kennen – wie den Pfad vom Heimatmuseum zur Kirche. Zahlen sind mir bei so einer Tour nicht so wichtig, aber so etwas Interessantes wie der Piepstein, den ich vorher selbst an vielen Stellen nicht wahrgenommen habe – das möchte ich weitergeben.“

Ihren Kurs rund um Stilepochen, Bauwerke oder Rhetorik bei Rolf Westheider an der Volkshochschule Ravensberg mit dem Zertifikat im Mai 2013 hätten die 18 Teilnehmer aus Bad Laer, Bad Rothenfelde, Versmold und Borgholzhausen genossen – „da hat selten jemand gefehlt“, sagt Brigitte Vedder. Für die nächsten Touren ist sie schon gebucht – darunter ein Kindergeburtstag. Auch die Jüngsten begeistert sie auf der Runde quer über die „liegende Acht“, die Kirchburg und Thieplatz miteinander bilden.

„Das hat mir gut gefallen“, sagt Ludger Wesseler aus Bissendorf, der mit Frau Monika und Tochter Lena (11) teilnimmt. „Man lernt Ecken kennen, die man sonst nicht gesehen hat. Schön, dass Brigitte Vedder locker da durchgeht und Fragen beantwortet, auch mit Kindern ist die Tour kein Problem.“ Überzeugt ist auch Beate Schwenne aus Bad Laer: „Gut, dass man erfahren hat, wie alles entstanden ist, und bewusst gesehen hat, was man vom Vorbeigehen nicht so kennt. Im Alltag achtet man nicht so auf diese Details.“


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