Ersatzfamilie mit Einzelzimmer Familienhaus für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen

Die ersten Bewohner des neuen Inklusiven Familienhauses in Bad Laer. Bernd Busse, Alexandra Narjes und Markus Herbst (von links) bilden den Vorstand des Trägervereins und wohnen mit drei weiteren Mitbewohnern im ehemaligen Restaurant Haus Dunker. Fotos: Jörn MartensDie ersten Bewohner des neuen Inklusiven Familienhauses in Bad Laer. Bernd Busse, Alexandra Narjes und Markus Herbst (von links) bilden den Vorstand des Trägervereins und wohnen mit drei weiteren Mitbewohnern im ehemaligen Restaurant Haus Dunker. Fotos: Jörn Martens

Bad Laer. Im ehemaligen Hotel Haus Dunker in Bad Laer ist jetzt der Verein Inklusives Familienhaus aktiv. Derzeit wohnen sechs Mitglieder in dem Gebäude am Rande des Ortes. Bernd Busse, Vorsitzender der inklusiven Wohngemeinschaft, hofft, dass sich bald weitere Interessenten melden.

Hartmut Michaelis ist ein Anpacker. „Ich heiße hier nur der Ostfriese“, sagt Hartmut und freut sich über die Anerkennung seiner Arbeit. Er ist erst seit März Mitbewohner im Haus am Winkelsettener Ring, aber er hat sich schon mächtig in die gemeinschaftlichen Aufgaben hineingekniet. Vor allem die Außenanlagen haben es ihm angetan. Mit handwerklichem Geschick, Schraubenzieher und einem Topf Farbe hat er die alte Minigolfanlage neben dem ehemaligen Hotel auf Vordermann gebracht. Wenn jetzt Besucher vorbeikämen, könnten sie gerne mal eine Runde spielen. Das ist ein Angebot, das die Bewohner des Hauses gerne machen. Denn sie wollen bekannter werden.

Der Ostfriese ist stolz auf das, was er hier geleistet hat. „Ich fühle mich hier wohl in der Gemeinschaft“, sagt Hartmut, der sich selbst als „zufriedenen trockenen Alkoholiker“ bezeichnet. Regelmäßig muss er bei Bernd Busse ins Röhrchen pusten. Das haben sie so vereinbart. Busse: „Wir sind auf dem Gebiet zwar keine Profis, aber wir versuchen so, uns als Mitbewohner gegenseitig zu unterstützen.“

Das weiß auch Alexandra Narjes zu schätzen. Die gelernte Altenpflegerin leidet unter Depressionen. Für sie ist die neue Wohnform eine Art Ersatzfamilie. „Als ich noch allein in einer Wohnung gelebt habe, habe ich mich häufig wie in einem tiefen Loch gefühlt“, erinnert sich die Schatzmeisterin von „Inklusives Familienhaus e.V.“. In die Hausgemeinschaft bringt sie sich nun mit ihrer kreativen Ader ein. Im großen Saal des ehemaligen Hotels, den die Wohngruppe als Gemeinschaftsraum nutzen kann, steht bereits eine mannshohe Gipsskulptur von Alexandra Narjes. In dem Raum ist eine Kreativwerkstatt unter ihrer Regie für die Bewohner geplant. Fürs Erste könnte sie Laubsägearbeiten anbieten. Ihre elektrische Dekupiersäge würde sie dafür zur Verfügung stellen.

Die Konzeption des Hauses hat Bernd Busse zusammengefasst: „Zweck ist es: Behinderte, kranke, gesunde, alte und junge Menschen zusammenzuführen, bedürfnisorientiert zu unterstützen und die Voraussetzungen für ein harmonisches und glückliches Leben in einer inklusiven Hausgemeinschaft zu schaffen.“

Der inzwischen eingetragene Verein „Inklusives Familienhaus e.V.“ ist aus der Selbsthilfegruppe „Seil“ (Selbsthilfegruppe für integratives Leben) hervorgegangen. Die Mitglieder des Vereins treffen sich an jedem ersten Donnerstag im Monat immer um 18 Uhr im Haus Dunker. Ziel des Vereins ist es, basierend auf dem Solidaritätsprinzip die allgemeine Gesundheit der Mitglieder zu verbessern, ihre Motivation und Selbstverantwortung für die Gesundheitsvorsorge zu stärken und Gesundheitsprobleme zu bewältigen. Professionelle Hilfe wird, sofern benötigt, zum Beispiel durch externe Pflegedienste geleistet. „Den Rest machen wir ehrenamtlich“, erklärt Busse.

Finanziert wird das neue Wohnprojekt – in seiner Art das erste in Deutschland, wie Busse sagt – durch die Einkünfte der einzelnen Bewohner. Busse zum Beispiel bezieht eine Opferrente, die er zum größten Teil in das Projekt steckt. Markus Herbst, auch einer der bisher sechs Bewohner des Hauses, der ein Krebsleiden und eine schwere Herzkrankheit überwunden hat, finanziert sein Apartment aus der Sozialhilfe. Er ist derzeit arbeitslos, nimmt an Weiterbildungen des Arbeitsamtes teil und versucht, in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren. Der zweite Vorsitzende engagiert sich überdies ehrenamtlich im Wohnprojekt und sieht es so: „Wir sind hier weniger eine WG als eine Hausgemeinschaft.“ Das heißt: Wenn einem die Solidarität seiner Mitbewohner zu groß wird, kann man sich auch in sein Apartment zurückziehen und die Türe hinter sich zumachen.

Mitbewohner soll es bald noch mehr geben. Vier Apartments sind noch frei, sagt Bernd Busse. Ein 71-Jähriger habe bereits Interesse bekundet. Auch behinderte Mitbewohner wären sehr willkommen. Dafür wird das alte Hotel bald umgebaut. Ein Fahrstuhl, der installiert werden soll, schafft die notwendige Barrierefreiheit. Einige ehemalige kleine Gästezimmer werden in Kürze zu größeren Apartments zusammengelegt. Bei Bedarf wäre die Ausstattung des Gebäudes mit Orientierungshilfen für Sehbehinderte auch möglich.

Siegfried Dunker, der das Gebäude an die Initiative vermietet hat, beobachtet das Engagement wohlwollend: „Das läuft gut.“ Nachdem der Hotelbetrieb vor etwa zehn Jahren sich nicht mehr rentierte, sammelte Dunker schon einmal Erfahrungen mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Die Bewohner eines Wohnheims der Heilpädagogischen Hilfe in Bissendorf lebten hier für etwa eineinhalb Jahre, während ihr Quartier in Bissendorf in dieser Zeit komplett renoviert wurde. Auch auf die neue Initiative geht er offen ein. Der Ostfriese bringt das Verhältnis zu Vermieter Dunker auf den Punkt: „Das ist ein feiner Kerl.“

Auch das Miteinander mit Behörden bewertet Familienhaus-Vorsitzender Busse als gut: „Wir spüren eine positive Grundstimmung.“ Auch wenn die Gemeinde Bad Laer ihn schon einmal ermahnt habe, dass die Hausgemeinschaft aufpassen müsse, welche Leute sie aufnehme. Hintergrund: Zwei Leute mit Rauschgiftproblemen, die vor einiger Zeit eingezogen waren, mussten das Haus inzwischen wieder verlassen.

Die Initiative hat auch Kontakte zu Selbsthilfegruppen geknüpft und zum Büro für Selbsthilfe und Ehrenamt beim Landkreis Osnabrück. Busse strahlt Optimismus aus. Er ist überzeugt, dass sich das Projekt in die richtige Richtung entwickeln wird. Mit ihrem Monatsmotto für Juni orientiert sich die Hausgemeinschaft an Dichter Hermann Hesse: „Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“

Kontakt: Bernd Busse, Vorsitzender Inklusives Familienhaus und Projektkoordinator „Seil“, Winkelsettener Ring 6, 49196 Bad Laer

Telefon: 05424/2269476

Mobil: 0173/4492525

Email:integrativleben@yahoo.de


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