zuletzt aktualisiert vor

Alfred Pieper über die Arbeit der Bauern zwischen Realität und Bürgermeinung „Landwirtschaft ist keine Juxveranstaltung“

Meine Nachrichten

Um das Thema Bad Laer Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Bad Laer. Der Dioxin-Skandal ist die jüngste aller Tragödien, die dem Ansehen der Landwirtschaft immer wieder schaden. „Durch kriminelles Handeln einzelner ist die ganze Branche in Verruf geraten“, beklagte Albert Schulte to Brinke, Vorsitzender des Hauptverbandes des Osnabrücker Landvolkes (HOL). Er hatte Dr. Alfred Pieper von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ins Gasthaus Plengemeyer in Bad Laer eingeladen, um Auswege aus dieser Misere zu diskutieren.

Bei der Diskussion um Schadstoffbelastungen im Fleisch und in den Eiern geht Albert Schulte to Brinke so langsam der Hut hoch. Die Gesellschaft täte so, als ob die Bauern auf Teufel komm raus alles Mögliche ins Futter mischen würden, um immer höhere Gewinne zu erzielen. „Wir müssen zurück zu Bio“, zitierte to Brinke einen immer lauter werdenden Ruf. Für den erfahrenen Landwirt eine völlig lebensfremde Forderung. „Diese Diskussion ist für uns Landwirte nicht nachzuvollziehen“, sagte er.

„Unsere Betriebe zwischen Massentierhaltung und Bürgermeinung“ – unter dieses Motto hatte der HOL-Vorsitzende den Abend gestellt. Die Branche fühle sich missverstanden, durch die Hysterie der Bürger sogar bedroht. „Hysterische Momente gab es immer schon“, machte Alfred Pieper deutlich, dass der derzeitige Wirbel nichts Neues sei. In den 80er-Jahren beispielsweise seien Tausende von Kälbern getötet worden, weil man Östrogen nachgewiesen habe. „Man hätte täglich 180 Kilogramm Kalbfleisch essen müssen, um den Östrogengehalt einer Anti-Baby-Pille aufzunehmen“, machte er deutlich, dass alles eine Frage der Dosierung ist.

Die gleiche Meinung hatte der Experte in Sachen Dioxin. Grenzwerte seien aus der Statistik errechnete Durchschnittswerte, die nichts darüber aussagten, ab wann Dioxin gefährlich sei. Tiere werden bei einem Wert von 1,5 Picogramm (billionstel Gramm) getötet, während Fisch mit drei Picogramm als ungefährlich eingestuft und zum Konsum freigegeben wird. Kein Institut für Risikobewertung und keine Uni habe dazu ein Urteil abgegeben. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der man dem Volk nicht sagt, was wirklich gefährlich ist“, sagte Pieper.

Zur Massentierhaltung machte Pieper eine ganz einfache Rechnung auf. Die Erträge würden immer weniger, also müssen Landwirte mehr Tiere verkaufen, um den Verlust aufzufangen. Gleichzeitig würden die Kosten immer höher, sodass die Landwirte gezwungen seien, noch mehr Tiere zu halten, um auch das aufzufangen. „So mancher würde lieber nicht noch einen Stall bauen und alles so lassen, wie es ist“, sagte der Referent. Dem Bürger sei schwer zu vermitteln, dass eine bestimmte Größe des Betriebes notwendig sei, um zu überleben.

Alfred Pieper legte weiterhin offen, dass ein durchschnittlicher Landwirt im Durschnitt pro Arbeitskraft einen Verdienst von 1300 Euro erziele. Und das ganz sicher nicht mit einer 40-Stunden-Woche. Er berichtete von Betrieben in Sachsen-Anhalt mit 11000 Bullen und in Brandenburg mit 4000 Hektar Ackerland. „Dagegen sind wir alle hier kleine Fuzzis.“

Die Gesellschaft hingegen stelle Fragen wie „Tut das not, dass er 1000 Kühe hält? Kann er den Hals nicht vollkriegen?“ „Kein Wunder“, sagte Pieper. „Was erwartet ihr von dieser Gesellschaft, wenn ihr euch nicht darstellt?“, fragte er. Er fordert die Anwesenden auf, die Menschen mitzunehmen auf dem rasanten Weg, den die Landwirtschaft gemacht hat. „Landwirtschaft ist keine Juxveranstaltung mehr, wie bei eurem Großvater.“ Nach ländlicher Idylle und nach Bauern, die morgens per Hand ihre fünf Kühe melken, könnten doch nur die rufen, die nicht verstanden hätten, wie Landwirtschaft heute funktioniert.

„Sagt den Menschen, dass ihr gesetzeskonform wirtschaftet, und gebt zu, dass ihr die Umwelt in einem gewissen Maß belastet, so wie jede Produktion das tut“, forderte Pieper weiter auf. „Und sagt ihnen, dass ihr Landwirte keinen Einfluss auf den Markt habt.“ Die steuernden Elemente seien weltweite Märkte – und letztendlich der Verbraucher.

Abschließend stellte Pieper fest, dass beide Seiten – Landwirtschaft und Gesellschaft – versuchen, sich zu belehren. „Ihr müsst nicht belehren, ihr müsst erklären“, sagte er. Bauern versuchten in der heutigen Zeit nur, produktiv zu arbeiten und ihre Familien zu ernähren – und das unter Einhaltung aller gesetzlichen Bestimmungen. Sie täten im Grunde also das, was alle anderen Erzeuger, Kaufmann oder Gewerbetreibende auch tun.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN