626.000 m³ / Schäden an Häusern An Bad Laerer Heideseen zu viel Sand abgegraben?

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Die Heideseen sind wunderschön – aber auch Betriebsgelände. Foto: Michael GründelDie Heideseen sind wunderschön – aber auch Betriebsgelände. Foto: Michael Gründel 

Bad Laer. An den Bad Laerer Heideseen wird seit Jahrzehnten Sand abgebaut. 2017 fiel auf, dass Firmen dort zu viel Sand abgetragen haben könnten: geschätzt 626.000 Kubikmeter. Davon sollen allein 600.000 auf das Konto zweier Unternehmen gehen. Gleichzeitig gab es immer mehr Schäden an Häusern im nahen Wohngebiet. Gibt es einen Zusammenhang?

Die Anlieger waren zuerst aufmerksam geworden. Die ersten Häuser stehen in 150 Meter Entfernung vom Sandabbaugebiet. 2014 fiel Familie Tredup ein ihrer Ansicht nach massiver Sandabbau an der Nordseite des Heidesees auf. Als der Lohweg  2016 weggebaggert wurde, sei zudem ein großes Uferstück abgestürzt, erinnern sie sich. Auch die Brut der Uferschwalbe würde regelmäßig von den Saugbaggern abgesaugt. 

Kurz darauf bemerkten Daniela und Marko Tredup Sprünge in den Fliesen ihres Hauses im nahen Lohfeld, die größer und länger wurden. Inzwischen durchzieht ein Netz aus Rissen den Boden. 

Foto: Swaantje Hehmann

Auch Nachbarn seien betroffen. Türen hätten sich verzogen, Wände wiesen Risse auf. 2017 meldeten die Anwohner ihre Schäden ans Rathaus: Planungs- und Verwaltungsausschuss erklärten die Gemeinde für nicht verantwortlich und lehnten 2018 ein Gutachten und die Kostenübernahme ab. Leider sei das den Anwohnern nicht mitgeteilt worden, so Bürgermeister Tobias Avermann, der damals noch nicht im Amt war, auf Anfrage unserer Redaktion.  

Er sei "von der Dimension und Komplexität des Themas überrascht" worden und habe die betroffenen Anwohner Anfang Dezember 2018 kurzfristig zum Gespräch eingeladen, "um zu informieren, das Anliegen der Anwohner und aktuelle Entwicklungen zu besprechen".

Foto: André Havergo

80 Hektar misst das Heideseengebiet. Im Rahmen von Vermessungsarbeiten war Ende 2017 festgestellt worden, dass an verschiedenen Stellen zu tief gegraben worden sei: bis zu neun Metern. Während Niehaus an einer relativ kleinen Stelle fünf bis sieben Meter zu tief gegangen sein soll, habe Holkenbrink die Abbautiefe möglicherweise um 7,50 Meter bis neun Meter überschritten, so der Vorwurf.

Zur Sache

Was ist Sand? Warum ist er so wertvoll?
Sand ist einer der Stoffe, die auf der Welt am häufigsten vorkommen – und doch ist er eine endliche Ressource. Er besteht aus bis zu zwei Millimeter kleinen Stücken Gestein. Sand entsteht im Laufe vieler Jahrtausende aus Felsen und Vulkanen, Tieren und Pflanzen. Neben Luft und Wasser ist Sand die meistgenutzte natürliche Ressource der Erde. Denn Sand ist ein wichtiger Rohstoff und Basis für viele andere Materialien. Er wird als Baustoff und Zutat für Beton und Mörtel genutzt. Quarzsand ist Grundstoff für die Glasherstellung, siliziumreicher Sand für die Fertigung von Halbleitern. Durch das weltweite Bevölkerungs- und Städtewachstum und die damit verbundene Bautätigkeit besteht eine große Nachfrage nach geeignetem Sand, dessen natürliche Vorkommen in manchen Regionen fast erschöpft sind. Wüstensand ist zwar reichlich vorhanden, fürs Bauen aber nicht zu gebrauchen. Die Körner sind durch den Wind zu rund geschliffen und verhaken sich nicht.

"Ende 2017 wurde vom Landkreis Osnabrück der Verdacht geäußert, dass die genehmigte Sandabbautiefe erheblich überschritten wurde", erklärt der Geschäftsführer des Wasserbeschaffungsverbands (WBV) Süd, Jörg Dorroch. "Die Vermutung bestätigte sich durch ein von der Gemeinde Bad Laer beauftragtes Gutachten." Im November 2017 hat der Landkreis den Nassabbau durch eine Stilllegungsverfügung untersagt. Seitdem stehen die Schwimmbagger still.

Die Sandabbauer sollen also im Nassabbau mehr Sand entnommen haben, als sie dürfen. Das berichtete Avermann auch dem Umweltausschuss der Gemeinde: "Die Konsequenzen werden untersucht, beim Landgericht Osnabrück ist ein Beweisverfahren eingeleitet worden, mit dem ebenfalls Sachverhaltsaufklärung betrieben werden soll", so Avermann. Die Bezifferung eines möglichen Schadens sei noch nicht möglich.

Erster Schritt sei die Gefahrenabwehr. Derzeit folge die Aufklärung des Sachverhalts, bevor Maßnahmen gegen mögliche Schäden getroffen werden könnten. "Wir unterstützen alle Kräfte bei Maßnahmen zum Schutz der Menschen, der Natur und der Landschaft."

Gleichzeitig sieht Avermann Anlass für den Hinweis, dass die Gemeinde Bad Laer nicht die rechtliche Verantwortung für den Vorgang trage. Zwar habe sie die erteilte Bodenabbaugenehmigung im Jahr 2000 formal eingeholt, aber niemals selbst Sandabbau betrieben; dies sei auch nie beabsichtigt worden. Genehmigung und Betreibereigenschaft seien 2004 durch einen städtebaulichen Vertrag rechtswirksam und zur eigenverantwortlichen Wahrnehmung auf die Sandabbauunternehmen übertragen worden. Die Unternehmen seien dadurch berechtigt, die Genehmigung auszunutzen, aber auch verpflichtet, alle Genehmigungsvorgaben einzuhalten, erklärt der Bürgermeister.

Foto: Michael Gründel

Auch wenn die Verantwortlichkeiten noch nicht geklärt sind, solle die Herausforderung weitest möglich gemeinsam angegangen werden. Gemeinde Bad Laer und Landkreis Osnabrück seien im Gespräch.  Der Verwaltungsausschuss habe vor einigen Wochen entschieden, die betroffenen Sandabbauer auch rechtlich in die Pflicht zu nehmen, so Avermann. „Alle Beteiligten nehmen den Vorgang sehr ernst. Man sollte also nicht so tun, als werde nichts getan.“ Problematische Bereiche wurden nach Information unserer Redaktion verfüllt, kontaminiertes Material abgefahren.

Der Wasserbeschaffungsverband (WBV) Süd hat gegen die Gemeinde und die Sandabbauer Holkenbrink und Niehaus im Sommer 2018 ein Beweisverfahren vor dem Landgericht Osnabrück angestrengt, wie ein Pressesprecher der Behörde bestätigt. Ein Sachverständigen-Gutachten ist in Arbeit: Es soll auf Antrag des WBV klären, ob in wasserführenden Schichten gebaggert wurde, ob das Grundwasser betroffen ist oder die Trinkwassergewinnung beeinträchtigt wurde.

Zur Sache

Wasserbeschaffungsverband Süd
Der Wasserbeschaffungsverband Süd mit Geschäftsführer Jörg Dorroch und dem Verbandsvorsitzenden Marc Schewski versorgt im Osnabrücker Südkreis etwa 100.000 Menschen mit Trinkwasser. Das größte Gewinnungsgebiet liegt in Glandorf und Bad Laer. Hier betreibt der Verband 14 Gewinnungsbrunnen und fördert nach eigenen Angaben jedes Jahr 2,5 Millionen Kubikmeter Wasser. 

Zusätzlich hat der WBV die Untersuchungsintervalle für das Trinkwasser verstärkt. "Wir testen auch nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt ein paar Parameter mehr als sonst", berichtet der WBV-Verbandsvorsitzende Marc Schewski. Der Geschäftsführer des WBV Süd, Jörg Dorroch: "Ergänzend werden hydrogeologische Gutachten erstellt, um eventuelle Auswirkungen des Sandabbaus auf die Wassergewinnung zu ermitteln." Diesen Untersuchungen zufolge habe sich die Trinkwasserqualität nicht verschlechtert. "Sämtliche Parameter der Trinkwasserverordnung werden eingehalten", so Dorroch.

Bis zur Fertigstellung des im Rahmen des Beweisverfahrens vor dem Landgericht beauftragten Gutachtens soll es allerdings noch dauern. Nach Auskunft des Landkreises sei eine Wartezeit von bis zu zwei Jahren aufgrund der Arbeitsauslastung der Gutachterbüros nicht außergewöhnlich.

Foto: Michael Gründel

Franz-Bernhard Holkenbrink, dem man vorwirft, bis zu neun Meter zu tief gebaggert zu haben, spielt das Thema herunter: "Das ist alles eine alte Geschichte, über 20 Jahre her. In den letzten Jahren haben wir nicht mehr viel gemacht." Uferabbrüche habe es bei ihm gar nicht gegeben.

Für Franz Niehaus, dessen Familie seit 1904 in Bad Laer Sand abbaut und der eine kleinere Menge zu viel abgebaut haben soll, ist die erzwungene Stilllegung eine schwierige Situation, erzählen er und sein Enkel Jan Wippich im Bürocontainer ihrer Firma. "Das schränkt uns schon sehr ein und kostet Geld", so der Senior-Chef. Arbeitsplätze seien zum Glück nicht bedroht, zwei Mitarbeiter in Rente gegangen. Die Sparten Transportfahrzeuge und der Verkauf von Baumaterialien sicherten die Existenz.

Foto: Michael Gründel

Zum Vorwurf, bis zu sieben Meter zu tief gebaggert zu haben, meinte Wippich: "Das würde unser Saugbagger gar nicht schaffen, das halte ich für utopisch." Niehaus hält es für ausgeschlossen, dass der Sandabbau Häuser schädigen kann: Er vermute eher Pfusch am Bau.

Für ihn liegt die Abbaugenehmigung auf Seiten der Gemeinde: "Wir sind nur die ausführende Firma." So sei es in den 90ern mit der Gemeinde vereinbart worden. Ärgerlich finden Großvater und Enkel, dass sie, wie sie sagen, seit 2016 mit den Forderungen von Gemeinde und Landkreis "extrem beschäftigt" seien. "Wir sind stets bemüht, alles im Gleichgewicht zu halten."

Aktuell gewinnt Niehaus Sand im Trockenabbau auf der Nordseite. Gleichzeitig sollen hier Standfestigkeitsarbeiten laufen. Die Bewohner der Heidering-Siedlung aber beobachten die Mengen, die Tag für Tag in Lastwagen von dort abgefahren werden, mit großer Sorge. Gemeinsam haben sieben Familien Einsicht in das hydrogeologische Gutachten beantragt, das den Sandabbau hier erlaubt. Die Antwort des Landkreises: Man kenne kein solches Gutachten.

Daniela Tredup bemüht sich seit Monaten, bei der Gemeinde Einsicht in die Genehmigung für den Sandabbau nehmen zu dürfen. Nach einer Anfrage unserer Redaktion im Rathaus soll das nun möglich werden.

Die Angler der Niedersächsisch-Westfälischen Anglervereinigung (NWA), die an den Seen Flächen gepachtet haben, haben inzwischen aufatmen können, erklärte der geschäftsführende Vorstand Heinz Macke auf NOZ-Anfrage. Nordwest- und Westufer des Großen Heidesees seien nach geologischen Gutachten, die NWA und Landkreis in Auftrag gegeben hätten, zum Großteil wieder für die Angelfischerei freigegeben. Dort sei die Standfestigkeit der Uferbereiche geprüft worden. 

"Wir haben die Bereiche ordnungsgemäß abgesichert und nicht mehr angefasst", sagt Jan Wippich. Das Luftbild zeigt die Bereiche grün markiert. Außerhalb dieser Bereiche, zum Beispiel am Südufer, ist das Angeln streng verboten – und gefährlich.

Foto: Google Earth/Grafik: Hans Macke

Im Landkreis Osnabrück wird an 92 Stellen auf Flächen zwischen drei und 100 Hektar Boden abgebaut. Allein an 50 Stellen, auf der Grafik orange markiert, werden Sand und Kies abgebaggert.

Grafik: Landkreis Osnabrück/Fachdienst Umwelt


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