Von offenen Ohren und Heimatgefühlen Bad Laerer Bürgermeisterkandidaten im Doppel-Interview

Meine Nachrichten

Um das Thema Bad Laer Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Im Doppelinterview erzählen Rainer Recker (links) und Tobias Avermann, warum sie Bürgermeister werden möchten und wie sie die Wähler davon überzeugen wollen, dass sie genau der Richtige für das Amt sind.Foto: Gert WestdörpIm Doppelinterview erzählen Rainer Recker (links) und Tobias Avermann, warum sie Bürgermeister werden möchten und wie sie die Wähler davon überzeugen wollen, dass sie genau der Richtige für das Amt sind.Foto: Gert Westdörp 

Bad Laer. Am Sonntag wird gewählt. Gegen 19 Uhr dürfte feststehen, wer der neue Bad Laerer Bürgermeister ist, Rainer Recker oder Tobias Avermann. Wir haben die beiden Kandidaten vorher zum Doppelinterview nach Osnabrück eingeladen.

Bürgermeister müssen heutzutage ja Eier legende Wollmilchsäue oder – in Ihrem Fall – Eber sein. Man erwartet, dass sie top als Manager sind, als Verwalter und Gestalter, als Mittler, beliebter Gratulant bei Firmenjubiläen und leutseliger Menschenversteher auf dem Schützenfest. Was halten Sie für die wichtigste Qualifikation eines Bürgermeisters?

Avermann: Sicherlich zuhören zu können, mit den Menschen auf Augenhöhe zu kommunizieren und jeden mit den eigenen Ansprüchen ernst zu nehmen. Das heißt nicht, dass sich die Ansprüche immer durchsetzen lassen, aber dass man Meinungsbilder und Ansprüche sammelt und dann abwägt und die Entscheidung vorbereitet. Ein offenes Ohr und Kenntnisse zu haben, damit man Dinge voranbringen kann. Alles andere kostet Zeit.

Recker: Ganz wichtig ist natürlich zuzuhören, auf die Bürger einzugehen, mit ihnen Ideen aufzugreifen und zu entwickeln und sie bis hin zur Abschlussreife zu bringen. Diese Projekte dem Rat vorzustellen, ihn auch davon zu überzeugen, gemeinsam an diesem Ziel zu arbeiten und es umzusetzen.

Alle Informationen zur Bürgermeisterwahl 2018 in Bad Laer finden Sie hier >>

Wie bewerten Sie den Umgang des Rates mit dem vorherigen Bürgermeister Franz Vollmer, der aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand gegangen ist.

Recker: Ich möchte ungern zu Bürgermeister Vollmer zurückkehren. Eines kann man deutlich sagen: In meinen Augen wurde er nicht richtig unterstützt. Er hatte eine schlechte Position. Das momentane Chaos auch in der Verwaltung ist auch darauf zurückzuführen, dass es im Rat keine Einigung gab und teilweise destruktiv gearbeitet worden ist. Ich meine definitiv nicht alle Ratsmitglieder, aber einige haben diese Situation zu verantworten.

Avermann: Ich kann das schlecht beurteilen, weil ich zu der Zeit nicht vor Ort war. Mir tut es persönlich für ihn leid. Ich habe die Berichterstattung verfolgt. Demnach gibt es sicherlich Dinge, die kritisch zu hinterfragen sind. Ich denke auch, dass einige das tun. Jetzt ist es wichtig, den Blick nach vorne zu richten und das ein oder andere für die Zukunft daraus zu schließen.

Der Hintergrund meiner Frage ist natürlich: Kann sich so etwas wiederholen?

Recker: Ich denke, das wird sich nicht wiederholen. Ich glaube, dass die Ratsmitglieder gesehen haben, dass es so nicht weitergehen kann. Das Chaos, das angerichtet worden ist, muss endlich aufgeräumt werden. Wir müssen uns um die Kernthemen kümmern. Ich denke, dass eine gute Zusammenarbeit mit dem Rat durchaus möglich und auch gewünscht ist.

Avermann: Das sehe ich ganz genauso. Ich habe in Gesprächen erfahren, dass die Menschen sich eine sachliche Auseinandersetzung wünschen. Der Wille der Ratsmitglieder ist erkennbar da. Das bedingt aber auch, dass der Bürgermeister eine breite Akzeptanz hat, sowohl in der Verwaltung wie auch in Bevölkerung und Politik.

Weiterlesen: Hausbesuch bei Bad Laerer Bürgermeisterkandidat Rainer Recker >>

Herr Avermann, als Holger Richard vor gut vier Jahren abgewählt wurde, dauerte es nach dem Wahltag drei Monate, dann waren auch Sie weg. Sie wechselten nach Vechta, noch vor dem Amtsantritt des neuen Bürgermeisters. Für Sie war das ein Karrieresprung. Jetzt zieht es Sie zurück nach Bad Laer, nun selbst als Bürgermeister. Das wäre wieder ein Karrieresprung. Was machen Sie, wenn in Ihrer möglichen Amtszeit als Bad Laerer Gemeinde-Chef wieder ein höherer Posten lockt?

Avermann: Dann würde ich selbstverständlich meine Aufgabe in Bad Laer weiter wahrnehmen, weil ich mit Wissen und Wollen diese neue Aufgabe anstrebe. Bad Laer ist von mir nicht zufällig ausgewählt, da gibt es konkrete Bezugspunkte. Der Ort hat unheimliches Potenzial, das ich gerne mit den Menschen dort heben möchte. Das ist der Reiz der Aufgabe. Ich möchte das gemeinsam mit den Menschen weiterentwickeln. Von daher ist Bad Laer meine Wunschgemeinde. Ich habe keine anderen Zukunftsgedanken.

Herr Recker, nachdem die Zweigleisigkeit abgeschafft wurde, geht der Trend bei Bürgermeistern hin zur Qualifikation Verwaltungsfachmann. Nicht immer, wir kennen ja auch Historikerinnen oder Telekom-Mitarbeiter als Bürgermeister, aber schon oft. Warum denken Sie, dass Sie auch ohne klassische Verwaltungslaufbahn ein erfolgreicher Bürgermeister sein können?

Recker: Diese Frage habe ich mir auch selbst gestellt. Warum möchte ich Bürgermeister werden? Was zeichnet mich aus? Was möchte ich erreichen? Ich habe mich im Vorfeld mit meinen Unterstützern unterhalten, das sind ehemalige Bürgermeister, die mich auch ein bisschen aufgeklärt haben, was genau die Aufgaben eines Bürgermeisters sind. Meines Erachtens ist es ganz wichtig, auf die Bürger zuzugehen, mit ihnen zu reden, Ideen zu erfahren und diese dem Rat vorzustellen und zur Umsetzung zu bringen. In der bürgermeisterlosen Zeit hat man gesehen, dass die Verwaltung in den Grundzügen funktioniert hat. Es fehlte der Chef der Verwaltung. Der Chef der Verwaltung ist im Endeffekt nicht dafür zuständig, im Detail die Arbeiten der Verwaltung zu tätigen. Er muss Ideen entwickeln, Trends beobachten und nah beim Bürger sein. Da ich in Bad Laer aufgewachsen bin und wohne, bin ich die ideale Person dafür.

Der Bürgermeister muss nicht nur Trends erkennen oder Ideen platzieren, viele Aufgaben sind sachbezogen. Da fordert der Landkreis etwas, da gibt es Flächennutzungspläne, die umgesetzt werden müssen. Welche Rolle spielen diese Aufgaben für Sie?

Recker: Ich war noch nicht Bürgermeister, klar. Ich bin auch kein Verwaltungsmensch. Ich muss mich einarbeiten. Das traue ich mir aber zu. Ich bin sehr ehrgeizig und komme schnell in Themen hinein. Davon bin ich überzeugt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass ich in der Verwaltung nicht alleine bin. Ich habe meine Experten dort, die mich mit Sicherheit unterstützen.

Weiterlesen: Hausbesuch bei Bad Laerer Bürgermeisterkandidat Tobias Avermann >>

Bisher wurde für Gewerbebetriebe im Ort relativ viel ermöglicht, wenn es um Fragen der Erweiterung oder Standortverlagerung ging. Aus guten Gründen: Da geht es um Arbeitsplätze und Gewerbesteuer. Können Sie entschlossenen Firmenchefs klarmachen, dass vertragliche Vereinbarungen wie beispielsweise eine von der Gemeinde geforderte Begrünung auch erfüllt werden müssen?

Avermann: Ja, ich denke, das ist wichtig, dass man gemeinsam mit den Bürgern Möglichkeiten aufstellt aus der Politik, um Gemeindeplanung aktiv zu gestalten und für alle Seiten das Beste herauszuholen. Nicht alle Bürger sind immer einverstanden mit jeder Standortveränderung oder Erweiterung, aber es gibt gute Instrumente, auch da eine vernünftige Lösung zu erzielen, mit der beide Seiten gut leben können. Arbeitsplätze sind wichtig, aber insbesondere sind Gewerbesteuer und Einkommensteueranteile eine maßgebliche Einnahmequelle. Von daher ist es wichtig, alle Beteiligten dort auch entsprechend zufriedenzustellen.

Sie können die Interessen der Gemeinde auch bei selbstbewussten Firmeninhabern durchsetzen?

Avermann: Ja selbstverständlich. Ein Bürgermeister sollte selbstbewusst auftreten. Das kann ich.

Recker: Eine Erweiterung oder eine Verlagerung eines Betriebs wird nur im Konsens mit der Bürgerschaft funktionieren. Darüber muss man vorher mit beiden Seiten diskutieren. Dann kann man einen Konsens erzielen. Es ist klar, dass man mit Sicherheit nicht alle Interessen unter einen Hut bekommt, aber man muss zumindest in die gleiche Richtung zielen. Wenn der Konsens steht, müssen wir uns auch daran halten. Dann ist letztendlich auch der Bürgermeister dafür zuständig, dieses zu vermitteln.

Das können Sie?

Recker: Das kann ich.

Herr Recker, Sie haben in diesem Wahlkampf ein wenig die Rolle des David, der gegen Goliath antritt. Nicht weil Herr Avermann ein völlig übermächtiger Mitbewerber ist, sondern weil er von allen Ratsfraktionen unterstützt wird, die sich nach zum Teil jahrelangen Querelen plötzlich sehr einig zeigen. Glauben Sie an diese Einigkeit?

Recker: Nein, ich glaube nicht daran. Es ist schon sehr komisch, dass jetzt zum ersten Mal solch eine Einigkeit erzielt worden ist. Vorher war es komplett anders. Man hat sich in Teilen eher bekämpft. Ich weiß nicht, wie diese Einigkeit jetzt zustande gekommen ist, aber ich traue ihr nicht.

Avermann: Was Sie sagen, überrascht mich insofern, als wir am Anfang des Gesprächs sagten, dass wir daran glauben, dass sich der Rat zumindest mehr Sachorientierung und Einigkeit in der Vorgehensweise wünscht. Ich glaube, dass die Bürger sich weiterhin wünschen, dass für die beste Lösung gestritten wird. Aber das muss in bestimmten Bahnen passieren, die sich der Rat vielleicht auch selbst gibt. So stelle ich mir das vor. Ich glaube, dass da eine ziel- und sachorientierte Politik möglich ist.

Herr Avermann, Herr Recker wirbt für sich auch als Loarscher Junge, der er ja auch ist. Mit dieser Strategie war Ihr früherer Chef im Wahlkampf vor 20 Jahren erfolgreich. Zieht die lokale Karte heute noch?

Avermann: Das müssen die Wähler entscheiden. Ich kann anbieten, was ich mitbringe. Ich finde, das ist eine ganze Menge. Den Bezug zu Bad Laer habe ich mehrfach schon erläutert. Meine Großmutter väterlicherseits ist dort aufgewachsen, mein Vater ist dort geboren, die sind dann später weggezogen. Meine andere Oma ist 93 Jahre und wohnt aktuell dort. Ich habe dort schon fünf Jahre gewirkt. Insofern bin ich kein Unbekannter und habe natürlich eine Verbindung und Kontakte auch zu Vereinen, Trägern von Kindertagesstätten, anderen Aktiven. Insofern passt der Vergleich nicht ganz. Ich bin nicht via Stellenanzeige oder sonst wie von außerhalb gesucht worden, das hat ja schon seinen Grund, warum ich mich dort engagieren möchte.

Sie waren bisher eher ein Holzhauser Junge, oder?

Avermann: Nein, ich war viel unterwegs. Ich habe in Hannover und Osnabrück gelebt. Es ist vielleicht auch Zufall, jetzt wieder an den Ort zurückgezogen zu sein, aber die Situation mit dem Wohnort ist erläutert: Meine Tochter ist in der zweiten Klasse. Ich würde mich freuen, wenn wir als Familie in zwei Jahren oder so in Bad Laer wohnen würden.

Meinen Sie, dass Sie bis dahin genauso viel von Bad Laer mitbekommen würden, wie wenn Sie im Ort wohnen würden?

Avermann: Das glaube ich schon. Auch ein Bürgermeister, der vor Ort wohnt, wird sich Freizeit nehmen müssen, wird sich auch mal in seine privaten vier Wände zurückziehen müssen. Nicht anders ist es für mich. Ich weiß, was es heißt, dort vor Ort aktiv zu sein als Bürgermeister, dass das selbstverständlich eine Tätigkeit ist, die über die gewöhnliche Arbeitszeit hinausgeht. Ich glaube, dass es wichtig ist zuzuhören. Ich habe das in den letzten sechs Wochen mit den Vereinen erlebt, wenn man aktiv ist, was da auch zurückkommt – und das erwarten die Vereine auch. Es sind 18, 19 Kilometer Entfernung von Holzhausen. Ich werde da sein. Ich werde nah an den Menschen sein. Da wird es keinen Anlass geben, warum jemand unzufrieden sein sollte. Es gibt im Landkreis einige gute Beispiele, wo der Bürgermeister in seiner Gemeinde einen guten Job macht, obwohl er nicht dort wohnt. Das ist in Hilter so und in Bissendorf.

Herr Recker, was hat Ihr Mitbewerber, was Sie nicht haben?

Recker: Viele sagen, er hat Verwaltungserfahrung, wobei ich natürlich meine Erfahrungen auf einer ganz anderen Seite habe. Ich denke auch nicht, dass es zwingend notwendig ist, dass man Verwaltungserfahrung haben muss. Da gibt es genügend Beispiele, wo ein Förster oder Maurer Bürgermeister geworden ist. Ich habe neben der betriebswirtschaftlichen Schiene natürlich auch Erfahrungen, die der Gemeinde nützlich sein können. Ich kenne mich auf dem Energiesektor sehr gut aus, damit hat auch eine Gemeinde sehr viel zu tun. Insofern gleicht sich das aus.

Herr Avermann, was hat Herr Recker, was Sie nicht haben?

Avermann: Das kann ich schlecht beurteilen. Dafür kenne ich Herrn Recker zu wenig. Sicherlich wohnt er lange in dem Ort und kennt sicherlich viele Menschen.

Was betrachten Sie als schönste und dankbarste Aufgabe des Bürgermeisters in einer kleinen Gemeinde auf dem Land?

Avermann: Ich weiß, dass es ein tolles Gefühl ist, wenn man gemeinsam ein Ziel erreicht hat, beispielsweise eine neue Kindertagesstätte zu entwickeln oder etwas anderes, und es gibt politische Widerstände aus verschiedenen Gründen. Das Ziel ist in weiter Ferne, aber der Wunsch ist da, auch aus der Bevölkerung. Wenn es dann gelungen ist, ein Projekt mit breiter Zufriedenheit umzusetzen, ist das auf alle Fälle eine tolle Sache.

Recker: Es gibt viele Aufgaben, die schön sind. Das Wichtigste dabei ist, den Konsens mit den Bürgern hinzubekommen, dass sie tatsächlich mitgenommen werden, direkt von Anfang an bis zum Ende mitgenommen werden, hinter den Projekten stehen, sich damit identifizieren können, um dann zu sagen: In Bad Laer geht es voran, vorwärts, aufwärts. Es entwickelt sich etwas in Bad Laer. Und dass das Heimatgefühl dadurch gestärkt wird, das, finde ich, ist das schönste Gefühl.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN