„Der Tod wird totgeschwiegen“ Die Angst verliert sich: Zwei Hospizhelferinnen erzählen

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Bad Laer/Osnabrück/Hilter/Borgholzhausen. Der Tod ist ihr Freizeitbegleiter. Klingt hart. Ist es auch: manchmal, aber längst nicht immer. Marianne Grebing und Yvonne Leiendecker sind Hospizhelferinnen. Nach einem Grundkurs sattelten sie einen Kurs zu „ehrenamtlichen Mitarbeitern im ambulanten Hospizdienst“ obendrauf. In 100 Stunden beschäftigten sie sich dort mit den Themen Tod, Sterben und Sterbebegleitung. Eigene Erfahrungen, der persönliche Umgang mit Verlust und Trauer wurden reflektiert, Grenzen erforscht, Achtsamkeit, viel Wissen und ein wertfreier Umgang mit anderen Menschen vermittelt. Warum macht man so etwas? Wir haben die Hospizhelferinnen gefragt.

Was haben Sie beide vor Ihrer Ausbildung zur Hospizhelferin mit dem Begriff Hospiz verbunden?

Grebing: Für mich war klar, dass Hospiz immer mit Sterbenden zu tun hat. Ich arbeite schon seit acht Jahren in einem Seniorenheim in Bad Laer. Dort habe ich oft mit Sterbenden zu tun. Allerdings wollte ich noch tiefer in das Thema eintauchen und mehr erfahren, über den Tellerrand hinaus gucken. Das ist möglich, wenn man Sterbende in ihrer eigenen Wohnung begleitet. Wenn man sich in die Sterbebegleitung hineinbegibt, kommt viel Wärme zurück. Denn in dieser Phase sind die meisten Menschen offen. Dann geht es nicht mehr um Äußerlichkeiten, dann geht es nur noch um das eigentliche Sein jedes Einzelnen. Das gibt auch mir etwas.

Leiendecker: Ich bin gelernte Krankenschwester und arbeite seit einigen Jahren auf einer Intensivstation. Dadurch habe ich viel mit Sterbenden zu tun, die aber meist plötzlich versterben. Mit Hospizen hatte ich Kontakt durch meine Grundausbildung. Aber es ist etwas ganz anderes, ob Patienten in häuslicher Umgebung begleitet werden und versterben dürfen oder ob jemand ad hoc ins Krankenhaus kommt und verstirbt, man vorher vielleicht noch alle medizinischen Register zieht. Krankenhaus ist einfach etwas ganz anderes als eine häusliche Begleitung.

Warum haben Sie gerade diese Form des ehrenamtlichen Engagements gewählt?.

Leiendecker: Ich bin mit Leib und Seele Krankenschwester. Während der Ausbildung habe ich auch im ambulanten Pflegedienst und in einem Pflegeheim gearbeitet, bevor ich auf die Intensivstation gewechselt bin. Meine Eindrücke in der Pflege waren so, dass ich das einfach gerne mache. Deswegen habe ich diese Form des ehrenamtlichen Engagements gewählt. Und es liegt auch in der Familie: Mein Mann ist in der freiwilligen Feuerwehr.

Grebing: Ich wurde sehr früh mit dem Tod konfrontiert. Meine Mutter verstarb, als ich acht Jahre alt war. Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich etwas aufzuarbeiten habe und bin nach einer zweiten Ausbildung ins Seniorenheim gekommen, in die Betreuung. Die Arbeit dort gibt mir unheimlich viel, deswegen wollte ich mich weiterbilden, um das Thema noch tiefer zu ergründen und auch, um Ruhe für mich hineinzubringen.

Gibt es auch bei Ihnen Berührungspunkte, Frau Leiendecker?

Leiendecker: Auch in meiner Familie sind Menschen verstorben. Meine Oma, später mein Vater, als ich mit meinem Kind schwanger war. Das war sehr plötzlich. Anders war es bei meiner Oma. Sie ist in einem Pflegeheim langsam mit einer Begleitung verstorben, das war sehr schön. Da gibt es große Unterschiede. Deswegen finde ich es wichtig, im Ehrenamt Hospizarbeit anzubieten: Man kann viel Ruhe in die Situation bringen und Angst nehmen. Einfach dadurch, dass man da ist und Gespräche anbietet. Auch mit den Angehörigen, die oft mit der ganzen Situation überfordert sind. In vielen Familien, gerade in Deutschland, ist das Thema Tod tabu. Das finde ich sehr schade.

Wie können Sie Angehörigen helfen?

Grebing: In erster Linie durch Zuhören und Wahrnehmen. Die Menschen möchten etwas loswerden, das sie berührt. Rat geben ist gar nicht unbedingt nötig. Wichtig ist, dass sich die Angehörigen verstanden fühlen. Man kann ja nicht jedes Problem lösen. Muss man auch gar nicht. Aber durch Zuhören, Verständnis und liebevolle Gesten hilft man den Versterbenden und den Angehörigen.

Leiendecker: Oft sind die Patienten geistig klar und haben vielleicht noch einen Wunsch. Und wenn es nur ein Eisessen ist und sich die Angehörigen alleine nicht trauen oder auch keine Angehörigen mehr da sind. Wir versuchen, solche Wünsche zu erfüllen. Das finde ich ganz wichtig. Für Angehörige muss man einfach da sein, zuhören reicht bei vielen schon. Oft ist es schwerer, Familienmitglieder mit seinem Leid zu belasten als sein Leid bei jemand „Fremdem“ loszuwerden.

Der Tod ist ein Tabu. Für Sie gehört er spätestens jetzt zum Leben. Hat das etwas in Ihrer persönlichen Einstellung zum Sterben und zum Tod verändert?

Leiendecker: Der Tod gehört zu jedem dazu.

Grebing: Wird aber oft verdrängt.

Leiendecker: Es wird nicht gerne darüber geredet. Der Tod wird totgeschwiegen, und das ist sehr schade. Während der Weiterbildung haben wir Möglichkeiten gefunden, uns selbst und das Thema wahrzunehmen.

Verliert der Tod dadurch seinen Schrecken?

Grebing: Für mich ja. Der Tod ist etwas ganz Berührendes. Ich habe im März meinen Vater begleitet: Er ist so friedlich eingeschlafen. Mir hat das so eine Ruhe gebracht, dass ich die Angst vor dem Tod verliere. Sie ist nicht weg, aber wenn ich bedenke, wie es beim Tod meiner Mutter war, als ich acht Jahre alt war, und der Situation beim Tod meines Vaters, war das für mich heilsam. Ich bin viel ruhiger geworden. Ich mache meine Arbeit sehr gerne.

Welche Strategien haben Sie in Ihrem Kurs zur Abgrenzung erlernt? Man kann das Leid der anderen ja nicht ungefiltert an sich heranlassen.

Grebing: Ich kenne das aus dem Seniorenheim. Auch da gibt es viele Einzelschicksale. Ich habe für mich eine gute Strategie entwickelt, etwas Liebevolles, dass mir hilft, die Menschen zu unterstützen. Ich nehme das Leid nicht an, weil es nicht hilft, wenn ich mitleide. Aber ich kann den Menschen Freude bringen. Mit meiner Persönlichkeit, mit meinem Lachen, mit meiner eigenen Freude. Das schaffe ich wirklich gut. Der Weg der Sterbenden ist nicht meiner, aber ich kann sie unterstützen mit viel Freude. Das versuche ich jeden Tag. Wenn ich von der Arbeit weggehe, bin ich privat. Das schaffe ich gut. Aber das war natürlich ein Reifungsprozess.

Leiendecker: Dadurch, dass ich die Ausbildung zur Krankenschwester gemacht habe, stehe ich anders dazu, wenn es nicht in meinem persönlichen Umfeld ist. Trotzdem nehme ich manchmal ein Schicksal mit nach Hause und denke darüber nach. Dann gehe ich Laufen oder Fahrradfahren. Außerdem habe ich zwei kleine Kinder zu Hause, die mich ablenken.

Hat man Ihnen Tipps oder Hilfestellungen gegeben?

Grebing: Wir haben Supervisionen, in denen wir viel loswerden können. Und wir wissen, dass wir immer nur so weit gehen sollen, wie wir können. Wenn es uns zu sehr belastet, gibt es wieder ein Einzelgespräch oder wir wenden uns an die ganze Hospizgruppe.

Gibt es Wünsche, die todkranke Menschen immer wieder äußern?

Leiendecker: Dadurch, dass ich noch keine wirkliche Begleitung in der Hospizarbeit geleistete habe, kann ich dazu nichts sagen. In meiner Tätigkeit als Krankenschwester auf der Intensivstation sind die Probleme einfach andere.

Grebing: Ich habe bei meiner Arbeit und auch im privaten Bereich immer wieder gemerkt, dass die Verabschiedung von Angehörigen, wenn vielleicht noch etwas Unausgesprochenes dazwischen steht, etwas geklärt werden muss, ganz wichtig sein kann. Ein Beispiel: Nachdem ich mich von meinem Vater liebevoll verabschiedet und ihm auf seinem Weg alles Gutes gewünscht hatte, ist er in kurzer Zeit friedlich eingeschlafen. Loslassen ist wichtig. Man muss denjenigen, der im Sterben liegt, wirklich gehen lassen. Die Seele des Sterbenden merkt, wenn sie festgehalten wird. Wenn man einen Menschen liebevoll gehen lässt, schlafen die meisten ganz friedlich ein.


Hospizhelfer sind im Südlichen Landkreis und in Borgholzhausen aktiv

Sieben Hospizhelferinnen haben im Hilteraner Kastanienhof im Rahmen einer kleinen Feier ihre Zertifikate erhalten. Ingrid Stolte, die Kursleiterin und Palliativ-Care-Fachkraft, betonte, dass die ehrenamtlichen Hospizhelferinnen nie als Einzelkämpfer unterwegs sein werden. Immer stehe die Gruppe mit erfahrenen Hospizmitarbeitern und den Koordinatorinnen als Ansprechpartner zur Unterstützung parat.

Regelmäßige Gruppenabende, Supervisionen und Fortbildungen trügen dazu bei, die gute Ausbildung zu ergänzen und die praktische Arbeit zu stärken. Stolte bedankte sich bei den Koordinatorinnen Monika Riepe von der Hospizgruppe Borgholzhausen und Astrid Graf von der Hospizgruppe im Südlichen Landkreis Osnabrück für ihre Unterstützung.

Der Vorsitzende des Vereins Hospizgruppe Borgholzhausen, Dennis Schwoch, hob hervor, wie wichtig und notwendig ehrenamtliches Engagement ist. Es müsse schon eine große Bereitschaft und Motivation vorhanden sein, um sich in seiner Freizeit in 100 Unterrichtsstunden ausbilden zu lassen. Für dieses Engagement dankte er den Teilnehmern des Befähigungskurses und den ehrenamtlichen Mitarbeitern beider Hospizgruppen, aber auch ihren Familien. Ohne diese Unterstützung sei so viel Engagement nicht möglich. Die Teilnehmerinnen werden ihre Tätigkeit in der Hospizgruppe Borgholzhausen und der Hospizgruppe im Südlichen Landkreis Osnabrück ausüben.

Den gefühlvollen musikalischen Rahmen für die Feier schuf die Gruppe „Honeymoon“ mit Liedern wie „You’ve got a friend“ und „Fly with me“.

Ehrenamtliche Hospizhilfe ist immer möglich und kostet nichts. Weitere Informationen gibt es bei Ingrid Stolte, Telefon 0151/17777639 und im Internet unter hospiz-slo.de.

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