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Schützen und nutzen Im Südkreis konzentriert sich der Konflikt zwischen Waldbesitzern und Waldschützern

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Wie ein Gemälde: Ein frühlingshafter Buchenwald aus der Zwergmausperspektive. Foto: dpaWie ein Gemälde: Ein frühlingshafter Buchenwald aus der Zwergmausperspektive. Foto: dpa

Bad Laer/Bad Rothenfelde/Hilter/Osnabrück. Viel zu streng oder erheblich zu lasch. Zwischen diesen Extremen bewegen sich die Meinungen von Waldbesitzern und Umweltschützern, wenn es um den Naturschutz im Teutoburger Wald und besonders auf dem Kleinen Berg geht.

Auf 208 Meter erhebt sich zwischen Bad Laer, Bad Rothenfelde und Hilter der Berg mit dem stattlichen Buchenbestand. In den letzten Jahren wurde der Hügel zum Kristallisationspunkt eines Konflikts zwischen Nutzer- und Schützerinteressen und am Ende sogar zwischen Deutschland und der Europäischen Union.

Zwischen den Stühlen der Waldbesitzer und Umweltschützer sitzt der Landkreis, der die Vorgaben der EU umsetzen muss – und damit genau wie Land und Bund weit hinterherhinkt. Jetzt kommt der Kreis den Waldbesitzern entgegen: mit Gebietsmanagern, Vertragsnaturschutz und einem Pooling-Angebot.

Seit zwei Jahrzehnten schon gehört das Naturschutzgebiet Kleiner Berg zum 2300 Hektar großen FFH-Gebiet Teutoburger Wald und damit zum europäischen Schutzgebietsnetz „Natura 2000“. Beinahe ebenso lange protestieren staatliche und private Waldbesitzer gegen die Umsetzung: Sie befürchten einen Eingriff auf 25 bis 40 Prozent ihrer Flächen und sehen sich enteignet oder wirtschaftlich unzumutbar schwer belastet.

Der Landkreis hatte das Verfahren zur Unterschutzstellung der Flächen zwar eingeleitet – im November aber ausgesetzt, weil der Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung vorsah, einen wichtigen Erlass zu überprüfen.

Kathedralen des Naturschutzes

Um das Verfahren zu beschleunigen, präsentierte der Verein Umweltforum Osnabrücker Land Anfang des Monats im Rahmen der vorgezogenen Öffentlichkeitsbeteiligung einen eigenen Entwurf. Dieser solle alle Beteiligten daran erinnern, „dass es in einem Naturschutzgebiet um den Schutz der Natur geht und nicht, wie man nach den lautstarken Protesten von Waldbauernorganisationen meinen könnte, um den Schutz von Nutzerinteressen“.

Die Proteste würden übertönen, dass der Kleine Berg eines der wenigen Osnabrücker Gebiete für das europäische Schutzgebietsnetz „Natura 2000“ sei. „Hier sind die ‚Kathedralen des europäischen Naturschutzes‘ zu sichern und zu entwickeln, private Interessen müssen auf diesen kleinen Flächenanteilen deutlich zurücktreten“, schreiben Laura Guhlemann und der stellvertretende Umweltforumsvorsitzende Matthias Schreiber.

Das Forum stellt sich auf 300 Hektar eine Nullnutzung vor. Hinzu kommen Pufferzonen, um Gülle und Dünger vom Naturwald fernzuhalten. Für die Entschädigung der Waldbesitzer müsse die öffentliche Hand aufkommen, fordert das Umweltforum. Das müsste den Waldbesitzern eigentlich gefallen.

Wildnis wollte auch der Bund

Dass der Landkreis Vorschläge des Forums aufnehmen würde, hielten die Naturschützer für unwahrscheinlich: „Unser Vorschlag ist weitreichend“, räumen die Autoren ein. Doch die Idee der klar begrenzten Wildnis habe die Bundesregierung schon 2007 verfolgt, auch im neuen Koalitionsvertrag seien zwei Prozent Wildnisfläche verankert. Ausfallende Erträge der Waldbauern, plane der Bund, sollen über einen Fonds abgesichert werden.

Der Landkreis ging auf den Vorschlag des Umweltforums nicht ein, freute sich aber fünf Tage später über die sehnsüchtig erwarteten Vorgaben aus Hannover. Sein Ziel: die Unterschutzstellung seiner 20 FFH-Gebiete „bestenfalls bis Ende 2018“ abzuschließen. Dazu gehört, dass Umwelt- und Landwirtschaftsministerium die Zahlung eines Erschwernisausgleichs in FFH-Waldlandschaftsschutzgebieten planen. Der war bisher nur in Naturschutzgebieten möglich.

„Der Landkreis begrüßt diese Entwicklung ausdrücklich, da in den Verordnungen vergleichbare Regelungsinhalte benannt sind und somit eine sinnvolle Gleichstellung in der Forstwirtschaft herbeigeführt wird“, so Sprecher Burkhard Riepenhoff.

Pooling möglich

Der Entwurf eröffne die Möglichkeit, Flächen für sogenannte Habitatbäume (oft sehr alte, auch absterbende oder tote Bäume, die anderen Lebewesen einen Lebensraum geben) zusammenzuziehen, das sogenannte Pooling. Das könne Waldbesitzer entlasten, meint der Landkreis. Zudem sollen sich zwei Gebietsmanager um „angebotsorientierte und freiwillige Lösungsansätze in den FFH-Gebieten jenseits der in den Schutzgebiets-Verordnungen zu treffenden Regelungen“ kümmern“, heißt es aus dem Kreishaus.

Zum Entwurf des Umweltforums sagte Riepenhoff auf Anfrage unserer Redaktion: „Inhaltlich weichen die Vorstellungen des UFOs (Umweltforums) und des Landkreises an einigen Stellen ab. Der Landkreis geht dabei den Weg, den die Landesregierung und die Fachbehörde Naturschutz in Niedersachsen vorgeben.“

Das beginne bei der Unterschutzstellungskategorie: Es sei vorgesehen, dass FFH-Gebiete ausreichend geschützt sind, wenn die Landschaftsschutzgebietsverordnung sicherstellte „dass die Erhaltungsziele der Arten und Lebensraumtypen günstig bleiben oder wiederhergestellt werden.„ Der Landkreis-Entwurf stelle das sicher.

Das Umweltforum sehe weitreichendere Beschränkungen bis hin zur Stilllegung der Forstwirtschaft vor. Das sei weder durch den Schutzzweck noch durch die FFH-Richtlinie gedeckt und „schieße damit über das Ziel hinaus“, findet der Kreis. Die von den Naturschützern vorgeschlagene Pufferzone vergrößere gar das Schutzgebiet auf dem Kleinen Berg. Der Landkreis dagegen halte sich an die vom Land vorgegebene Gebietsgrenze und die Vorgaben der FFH-Richtlinie.

Nun wolle man in diesem Jahr „unter Hochdruck“ so viele FFH-Gebiete wie möglich unter Schutz stellen. Zumindest aber will er alle Gebiete ins Verfahren aufnehmen, damit Anfang 2019 die letzten Beschlüsse gefasst werden können.

Matthias Schreiber wundert sich nicht, dass der Kreis dem Umweltforum nicht geantwortet hat. Zu unterschiedlich seien die Vorstellungen. Und „viel zu sehr fühlt sich die Kreispolitik den Interessen einer kleinen Gruppe von Nutzern und nicht dem gesellschaftlichen Auftrag zur Wahrung der Biodiversität verbunden“, finden die Naturschützer.

Da aber absehbar sei, dass Niedersachsen die Unterschutzstellung der Gebiete auch bis Ende 2018 nicht einhalten könne, die Verordnungen, so sie denn existierten, nicht ausreichend seien und sich Deutschland der EU-Kommission Anfang 2019 erklären müsse, drohe bei der erneuten Fristverletzung eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof.

„Die Europäische Kommission sucht sich dann Beispiele“, berichtet Matthias Schreiber: „Wir werden ihr den Landkreis Osnabrück mit Gebieten ohne Verordnung und solchen mit einer schlechten Umsetzung präsentieren. Denn ausgezählt wird am Ende.“


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