Ein Artikel der Redaktion

Trainieren für den Ernstfall Die Helfer der Iburger Flüchtlingsherberge

Von Dr. Stefanie Adomeit | 16.08.2015, 12:00 Uhr

Dies ist eine Geschichte über Flüchtlinge. Und ja, es ist eine erfreuliche. Eine vom helfen wollen und vom Hilfe annehmen. Damit Menschen, deren einzige Gewissheit die Ungewissheit ist, Elementares tun können: Atmen, essen, schlafen, begreifen. Und vielleicht sogar ein bisschen ankommen.

Eine junge Mutter schuckelt ihren Säugling. Eine Vierjährige testet die Kurvenlage ihres Rollers. Ein Stehtisch stützt einen Sicherheitsbeamten. Vor der Jugendherberge flutet die Sonne über Holztische und Bänke. Vogelgezwitscher und Kinderlachen hallen durch den Wald. Sonst ist es ruhig. Ruhiger als vor sechs Wochen, als die ersten 60 Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsgebieten in Syrien und dem Irak eintrafen. Sie blieben für drei Wochen, neue kamen. 15 von ihnen sind noch da, leben hier für sich, aber nicht abgeschieden. Innenstadt, Geschäfte, Kneipppark und Freibad sind nah, aber anfangs trotzdem fremd und fern.

Einer von ihnen ist Mohammed. Er reiste ohne Mutter oder Vater quer durch den Nahen Osten und Europa. Zwei ältere Brüder sind jetzt die Familie des Achtjährigen. Warum? Besser nicht fragen.

Auch Fulya Gedikli weiß nicht, welches Schicksal der Bürgerkrieg Mohammed aufgebürdet hat, der sich gerade todesmutig auf einem Bobbycar bergab stürzt. Was sie sicher weiß: Auf die Kinderbetreuung, die der Ökumenische Arbeitskreis Asyl anbietet, damit die Eltern Zeit für Behördengänge , fürs Waschen oder Einkaufen haben, freut sich Mohammed jeden Tag. „Er ist einer der liebsten. Es macht richtig Spaß mit ihm“, findet auch Andrea Harms, stoppt und ergänzt leise: „Man muss auch das Abgrenzen lernen.“

Denn kurz darauf sind Mohammed aus Syrien, die Familien aus dem Irak, Mazedonien, Serbien oder Marokko wieder weg. Wohin? Irgendwo in Niedersachsen – oder in das Land, das sie verlassen haben. „Wir erfahren nicht, wer abgeschoben wird“, sagt Diakon Thomas Puke.

Es ändert ja auch nichts an der Aufgabe, die sich die drei Iburger Kirchengemeinden stellen: „Als Kirche können wir unsere Augen nicht vor den Flüchtlingen verschließen.“ Im Gegenteil: Die Iburger mussten sie schlagartig aufreißen und via Facebook und Arbeitskreis Helfer suchen, so überraschend kam die Nachricht aus dem Innenministerium, dass Bad Iburg ein Aufnahmelager bekommen sollte . 35 Namen stehen heute auf der Liste der Unterstützer. Wer sie sind? Studenten und pensionierte Lehrer, Frauen und Männer, Junge, Alte – und Mittelalte wie Andrea Harms. Sie ahnt, wie Neuankömmlinge in einem fremden Land empfinden. Aufgewachsen in Ägypten, erlebte sie mit 16 Jahren einen klassischen Kulturschock – und wundert sich in Deutschland noch heute über manches. In letzter Zeit über die durch die sozialen Netzwerke rauschende Hetze gegen Flüchtlinge. „Lange, bevor Bad Iburg die Erstaufnahmeeinrichtung bekam.“ Als sie dann einen Artikel über das beharrliche Wirken des Arbeitskreises Asyl las , beschloss Harms: „Da möchte ich helfen.“

Nun kümmert sie sich um Menschen, die im Würfelspiel der Weltpolitik ein Quäntchen mehr Glück hatten als andere. Packen sie Koffer und Tüten doch nicht i m rappelvollen Durchgangslager Hesepe oder irgendeiner Turnhalle aus, sondern in locker belegten, freundlichen Jugendherbergszimmern.

Glück haben aber auch diejenigen, die helfen. Fulya Gedikli, nachmittags Tagesmutter, vormittags Flüchtlingshelferin, war schnell infiziert von diesem guten Gefühl – und ist jetzt jede Woche frisch verliebt. Es ist keine einseitige Liebe. Jeden Morgen laufen ihr Kinder entgegen, die die Eltern ihr ohne Angst anvertrauen, sie herzen und umarmen sie. „Weil sie spüren, dass sie hier willkommen sind“, ist Ruth Hemesath sicher.

Dass das so ist, zeigen die Iburger ihnen mit Mini-Ferien für Kinderseelen: Einmal Erdbeer und Schokolade auf die Hand, einmal vom Einer ins Freibad oder auf dem Trampolin im Kneipperlebnispark bis zu den Wolken hüpfen. Möglich machen das spontane Helfer – und Spenden. Wenn die Handballmannschaft einen Sack ausrangierter Bälle vorbeibringt, wenn die Rumänienhilfe und das Iburger DRK Fahrräder vom Hänger laden, eine Friseurin eine Runde Haare schneiden und die GMHütter Pizzeria Margherita und Co. ausgibt.

Davor, dass die Realität ins vermeintliche Idyll einbricht, schützen solche Freudentupfer nicht: Ein wedelnder Hund kann Panik auslösen, ein Urlaubsflieger Schreien und Weinen. Harms: „In ihrer Heimat werden Menschen auch mit Hunden gejagt.“ Was dann hilft? Kuscheln und tröstende Worte. Ihre Bedeutung: gleichgültig.

In guten Zeiten ist die Kinderbetreuung dafür auch immer ein bisschen „Deutsch für Anfänger“ : Ja, nein, bitte, danke, stopp, da kommt ein Auto. Was eben so geht in drei kurzen Wochen: Farben und Zahlen. Und Memory, für die Konzentration.

Dabei möchten die meisten Flüchtlinge lieber schweigen als reden über das, was sie hierhertrieb. Nur so viel sagt eine Frau: Sie sei froh, in Bad Iburg zu sein. Und Fulya Gedikli, die auch türkisch spricht, erfährt von einer mazedonischen Familie, wie toll sie es hier finde und wie traurig die nahe Abreise sei. Alle seien so nett.

Am Donnerstag ist die Familie weiter gezogen. Die Jugendherberge wird wieder Jugendherberge. Aber nur für zwei Monate, im Oktober kommen neue Flüchtlinge ans Offene Holz, dieses Mal 150. Dann ist die Jugendherberge voll. „Bisher haben wir geübt, dann wird es ernst“, sagt Thomas Puke.