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Besuch in der Kleiderkammer Flüchtlinge in Bad Iburg: Von Frust und Freuden der Helfer

Von Stefanie Adomeit | 28.12.2016, 12:33 Uhr

170 Quadratmeter für den Neubeginn, für die äußere Hülle eines unbekannten Lebens. Jeder Flüchtling, der einen Fuß auf Iburger Boden setzt, kommt für die Erstausstattung in die Kleiderkammer. 500 wurden in diesem Jahr in der Bahnhofstraße 5 eingekleidet. Unsere Redaktion war vor Ort.

Ihr Besitz wiegt nicht schwer – sie haben das, was sie am Körper tragen, vielleicht einen Müllsack mit Habseligkeiten. Ihr Schicksal liegt oft umso lastender auf ihren Schultern. Wer hilft ihnen? Und wie funktioniert die Hilfe? In Bad Iburg ballt sich das Gesamtpaket der ehrenamtlichen Unterstützung im Ökumenischen Arbeitskreis Asyl. Nicht nur für Flüchtlinge, die der Stadt zugewiesen werden, aktuell sind es 35, auch für bis zu 150 Asylsuchende in der Außenstelle der Landesaufnahmebehörde: Seit 15 Monaten kommen jeden Tag neue Menschen in die Iburger Jugendherberge . Erst Ende März soll das Ausweichquartier geschlossen werden.

Neuanfang wie 1992

Vor anderthalb Jahren hat unsere Redaktion zuletzt über den Arbeitskreis berichtet. Damals lief die Hilfe gerade wieder an, die einige Jahre kaum gebraucht wurde. Ein Neuanfang, so wie 1992. Als Kurden, Menschen aus dem Kosovo oder Bosnien nach Deutschland flüchteten, war Nächstenliebe für evangelische und katholische Christen in Bad Iburg der Beweggrund, sich zusammenzufinden und praktische Hilfe zu leisten. Als einer kurdischen Familie, deren Vater in der Türkei gefoltert worden war, die Abschiebung drohte, organisierten sie sogar ein stilles Kirchenasyl, von dem kaum jemand wusste.

Generationswechsel im Helferkreis

2014 schien der Kreis überflüssig zu werden. Dann kamen 2015, die Flüchtlinge – und ein Generationswechsel im Helferkreis. Seitdem haben Diakon Thomas Puke und sein Team wieder ein dichtes Netz der Hilfe aus vielen reißfesten Fäden gewebt, das nicht nur Geflüchteten zu Gute kommt: „Auch wenn sie manchmal schwierig ist: Das ist so eine tolle Aufgabe und die Menschen sind so freundlich“, strahlt Helmut Buschmeyer und nimmt sich in der kleinen Kaffeeecke der Kleiderkammer noch ein Plätzchen, während Angelika Adam, Christel Pax, Maria Ostermöller und Thomas Puke nicken. Was die Flüchtlinge erlebt haben? Man fragt nicht. Man hilft. (Rückblick: Wie leben Flüchtlinge in der Jugendherberge Bad Iburg?)

Gute Qualität

Sich hier einkleiden zu können, Auswahl zu haben und nicht Zugewiesenes tragen zu müssen, gehöre zur Würde, findet auch das 15-köpfige, rein weibliche Kleiderkammer-Team. Geöffnet ist zweimal die Woche für vier Stunden und jederzeit bei Bedarf. Was fehlt in den Regalen? Puke: „Wir brauchen immer kleine Herrengrößen, auch bei Sportschuhen. Ich sage immer, lassen Sie Ihre schwarzen Tanzschuhe zu Hause“. Ramsch wage kaum einer abzugeben, die Qualität sei gut. Zu tun haben die Frauen dennoch reichlich. Sie nähen, flicken und waschen durch, wo nötig. Was nicht in Bad Iburg gebraucht wird, fährt im Lastwagen nach Rumänien. Auch dort ist die Not groß.

Thema wird zur Chefsache

Der Arbeitskreis leistet viel, aber er ist kein Expertengremium: „Für die Flüchtlinge geht es hier um etwas: um die Anerkennung von Asyl, um Regelungen mit der Maßarbeit, das Ausfüllen wichtiger Anträge.“ Andere Kommunen wie Dissen stellen dafür Flüchtlingssozialarbeiter ein. Das müsse in den Haushaltsberatungen diskutiert werden, heißt es aus dem Iburger Rathaus. Hier soll es im Januar ein gemeinsames Gespräch und einen neuen Arbeitskreis Flüchtlingshilfe geben. „Frau Niermann hat das Thema jetzt zur Chefsache erklärt. Ich hatte gedacht, das sei es von Anfang an gewesen“, wundert sich Thomas Puke, und man spürt: Der Frust sitzt tief.

Sitzt die Stadt das Thema aus?

Denn die Stadt reihe sich nicht ins stabile Gewebe der Hilfe ein, finden die Flüchtlingshelfer, sie spleiße und zwirbele sich aus der Seilschaft der Fürsorge, macht Helmut Buschmeyer mit einem dick gewundenen Stück Draht in der Hand deutlich. Ihr Fazit: „Die Stadt lässt uns hängen.“ Dabei müssten Kräfte doch gebündelt werden: Mit Hosen und Unterhemden, Schuhen und Schals fängt es an – doch es hört damit noch lange nicht auf. Puke wird deutlich: Das nackte Lob, ihr macht eure Sache gut, reiche nicht aus. „Der Knackpunkt ist die Unterstützung und Begleitung durch die Verwaltung. Wir sagen seit einem Jahr, dass wir Hilfe brauchen. Aber die Stadt sitzt das Thema aus“, ärgert sich der Diakon. (Weiterlesen: Flüchtlingsfamilien lernen den Nikolaus kennen)

Kirchengemeinde springt in die Bresche

Es stimme auch nicht, dass der Flüchtlingsstrom komplett abgerissen sei. „Es kommen weiter neue.“ Und so werde sich auch die Wohnungsfrage immer wieder neu stellen. „Es gibt kein aktives Wohnungsmanagement.“ Dabei habe die Stadt den besten Überblick über freie Wohnungen. Einfacher sei es auch, wenn die Stadt als Mieterin eintrete, als Flüchtlingen die letzten Feinheiten eines Mietvertrags verständlich zu machen. „Wir haben viel Geld in die Kleiderkammer gesteckt, bestimmt 100 Meter Kabel verlegt, die Räume gemeinsam mit Flüchtlingen neu gestrichen.“ Zum Glück habe ein Mietpate die Kosten für zwei Jahre übernommen. „Aber wer sollte den Mietvertrag unterschreiben?“ Der Arbeitskreis wünschte sich, dass die Stadt übernimmt: vergeblich. Die Kirchengemeinde sprang in die Bresche. (Weiterlesen: Aus für Bad Iburger Flüchtlingsheim und Jugendherberge)

Paten werden händeringend gesucht

Die sei dem Helferkreis zum Glück wohlgesonnen. Das zeige auch die Entscheidung des Kirchenvorstands, die Kaplanei in der Rathausstraße zu behalten: „So haben wir wieder eine Wohnung mit sozialer Komponente.“ Gerade für Flüchtlinge sei es wichtig, in der Innenstadt zu leben. Einkaufsmöglichkeiten und die nahe Bushaltestelle erleichterten ihr Leben, hülfen bei der Integration. „Haben Sie schon mal ohne Auto für eine siebenköpfige Familie eingekauft“, fragt Christel Pax. Dass die Integrationsmühen Früchte tragen, beweist die syrische Familie Al Hussein mit dem zwölfjährigen Omar, seiner 21-jährigen Schwester und den Eltern, die inzwischen in einer eigenen Wohnung leben. Um jede Flüchtlingsfamilie kümmern sich mehrere Paten, damit die Belastung für den Einzelnen nicht zu groß wird. „Paten suchen wir dauernd und händeringend“, sagt Thomas Puke.

Sprachbarrieren überwinden

Das größte Problem, die Sprache, ist zumindest für den kleinen Omar schon keines mehr. „Er kann dolmetschen“, berichtet Buschmeyer. Und Angelika Adam lacht: „Wir haben die schon ganz schön begöschert.“ Ob sich die Familie ein Schachspiel oder einen Fleischwolf gewünscht habe, „wir tun wirklich alles, um die Sachen zu besorgen“. Zum Dank hätten die Al Husseins schon zweimal Kuchen gebacken und auf einer kleinen Kochplatte den berühmten arabischen Kaffee zubereitet, eine Methode, die jede Tasse mit der größtmöglichen Menge Koffein versetzt. Nichts für schwache Nerven.

Helfer investieren Stunden

Das Kümmern kostet Zeit: Bei Buschmeyer sind es jede Woche vier bis fünf Stunden, bei Maria Ostermöller weit mehr als 15, so viele Stunden ist sie schon mit der Kleiderkammer beschäftigt. Sie liebt es, Kinder einzukleiden. Und Zuhause kümmert sie sich um eine junge Frau, die bei ihr wohnt, bis die eigene Wohnung bezugsfertig ist. „Maria ist die Emsigste“, lobt Angelika Adam ihre Arbeitskreis-Kollegin. Ostermöller kontert: „Helfen macht Spaß“ – Pause – dann bricht es aus der ruhigen, distinguierten Iburgerin heraus: „Es ist verdammt nötig, dass wir helfen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ohne diese Hilfe wäre.“ Die anderen schweigen, zustimmend.

Dankbarkeit ist spürbar

Weil Flüchtlinge offizielle Sprach- und Integrationskurse erst nach ihrer Anerkennung besuchen dürfen, springt das zehnköpfige Lehrer-Team des Arbeitskreises in die Bresche. „Und manche Flüchtlinge sprechen sehr gut Englisch, davon profitieren auch wir“, findet Angelika Adam. Sie spüre eine tiefe Dankbarkeit für die entgegengebrachte Hilfe. Die empfindet auch Buschmeyer: „Die Flüchtlinge möchten uns etwas zurückgeben.“ „Das ist so. Sie sind dankbar, dass sie hier leben können und gut aufgenommen werden. Eine gute Nachbarschaft ist das Beste, was wir für die Integration tun können“, ergänzt Puke. All das beginnt Tag für Tag mit einem Besuch in der Kleiderkammer und der ersten Begegnung zweier Welten.