Alles keine Einbahnstraße Flüchtlinge und ihre Paten erzählen, wie‘s in Bad Iburg läuft

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Feste Säule in der Flüchtlingsarbeit: Die Paten und ihre Schützlinge, (von links) Gerlinde Kranich, Kharam und Walaa Al Hussein, Helmut Buschmeyer und Koordinatorin Andrea Harms. Foto: Stefanie AdomeitFeste Säule in der Flüchtlingsarbeit: Die Paten und ihre Schützlinge, (von links) Gerlinde Kranich, Kharam und Walaa Al Hussein, Helmut Buschmeyer und Koordinatorin Andrea Harms. Foto: Stefanie Adomeit

Bad Iburg. Zeit ist wichtig. Zeit zu schweigen, Seite an Seite einen Tee zu trinken, die Gedanken pulsieren zu lassen. Dann kommen irgendwann auch die Fragen. Die, die wirklich wichtig sind. Die Iburger Flüchtlingspaten nehmen sich diese Zeit. Für Menschen, die nicht viel haben – außer Zeit.

Für Flüchtlinge ist Deutschland ein fremdes Land. Im Regal den richtigen Joghurt finden, Behördenbriefe verstehen, einen Arzttermin vereinbaren, die braune Tonne füllen – alles neu . Erdbeerenpflücken im Sommer, mit dem Rad zum Westerwieder Waldsee fahren – erstmal unvorstellbar. Oft ist das Leben der Neuankömmlinge quälend lang auf einen kümmerlichen Radius begrenzt: Wohnung, Supermarkt, Sozialamt, Jobcenter.

Flüchtlingspaten federn den rumpeligen Start ins neue Leben ab. Dabei ist die Erweiterung des Horizonts keine Einbahnstraße: „Man bekommt viel zurück“, bekennt Hans-Jörg Klingebeil vom Ökumenischen Arbeitskreis Asyl, der sich um eine pakistanische Familie kümmert. „Wir lernen ganz andere, meist nette Leute kennen, denen wir sonst nie begegnet wären.“ Da werden tiefe Gespräche über Religion geführt, über Gleichberechtigung und Politik.

Nicht jeder ist nett

Klar ist aber auch: Nicht jeder ist nett. Nicht jeder Iburger. Nicht jeder Flüchtling. Es gibt Missverständnisse, Diskussionen und Rückschläge. Wo‘s hakt? „Bei der Heizungsregulierung und der Mülltrennung“, lacht Koordinatorin Andrea Harms. „Und manchmal bei der deutschen Zeit“. Die scheint mitunter anders als die syrische zu ticken und ist deshalb zum geflügelten Wort geworden, wenn ein Termin ansteht. „Deutsche Zeit?“, heißt es dann? „Ja, deutsche Zeit.“ Dann klappt’s – meistens.

In Iburg kümmern sich zwei Paten um eine Familie, mit Humor, Hand und Fuß, insgesamt betreuen elf Paten 30 Flüchtlinge. Das entzerrt Zeit- und Arbeitsaufwand für den einzelnen, „wenn ein Pate berufstätig ist, kann der andere die Flüchtlinge zum Arzt oder aufs Amt begleiten“, sagt Helmut Buschmeyer. Und die Doppelpatenschaft lässt die Flüchtlinge an einem bunteren Spektrum an Kenntnissen, Eigenschaften, Interessen teilhaben.

Wenn die Nerven blank liegen

Es soll nicht bei den Elfen bleiben: „Wir suchen weitere Paten“, sagt Harms. „Es macht Spaß und ist nie langweilig“, findet Franz Obermeyer: „Ihr kriegt viel zurück“: Er und seine Lebensgefährtin das Glück, Mila ins Leben begleiten zu dürfen. Obermeyer baute in seinem Haus eine Wohnung für ein syrisches Paar um. Die Frau war hochschwanger und so war die Geburt von Mila die erste, bei der Obermeyers Lebensgefährtin dabei, „aber nicht persönlich betroffen war“, wie sie lachend erzählt. Mila ist heute acht Monate alt – die Freude aller im Haus. „Und ihre Eltern nehmen das Leben der eigenen kleinen Familie mehr und mehr selbst in die Hand.“

Immer wichtig: ein offenes Herz. Im günstigsten Fall entsteht daraus tiefe Sympathie. Die hilft, wenn die Nerven der Flüchtlinge mal blank liegen. „Viele haben in ihrer Anhörung vor dem Bundesamt für Migration Angst, die Wahrheit zu sagen, nur weil sie im Internet gelesen haben: Sag bloß nicht, dass du tote IS-Opfer gesehen hast, sonst heißt es, du gehörst zum Islamischen Staat.“

Die Chemie muss stimmen

Die meisten Iburger Syrer sind Sunniten, viele stammen aus demselben Ort. Das verbindet. Schwieriger sei das Verhältnis zwischen Iraner und Syrern. „Oft sind Wohnungen ein Thema oder der Aufenthaltsstatus .“ Wenn sich bei dem einen nach einem halben Jahr nichts getan und der Freund vollen Flüchtlingsstatus hat, deprimiert das. Vergleich erzeugt Neid. Das ist menschlich. Genauso wie die Tatsache, dass manche Paten ihre Arbeit beenden oder pausieren möchten.

Dass die Integration der Al Husseins fluppt, liegt maßgeblich an Gerlinde Kranich und Helmut Buschmeyer und dem Willen aller zur wohlwollenden Begegnung. Die Chemie muss stimmen – das tut sie hier. Der zwölfjährige Kharam ist mit Schwester Walaa und seinen Eltern gut in Bad Iburg angekommen – in jeder Hinsicht. „Seit zehn Monaten kennen wir uns“, erzählt die 22-jährige Walaa Al Hussein, für die Buschmeyer Onkel Helmut ist. „Onkel und Tante zu sagen ist in Syrien sehr höflich.“ Höflich möchte Walaa sein. „Ich fühle mich hier so wohl. Es gibt Sicherheit. Bad Iburg ist mein Zuhause“, flüstert die junge Frau unter ihrem Kopftuch. Die Zukunft sieht sie klar vor sich: „Ich mache jetzt einen Deutschkurs. Später möchte ich Bauingenieurin werden.“ Warum gerade dieser Beruf? „Damit ich Syrien wieder aufbauen kann.“ Leben aber möchte sie am Dörenberg. „Ich kann ohne meine deutschen Freunde nicht mehr sein.“

Panik, wenn Flugzeuge kreisen

Bei allem Optimismus: der Krieg hat Spuren hinterlassen. Kreisende Flugzeuge auf dem Weg nach Greven lassen Walaa und Kharam zusammenzucken. Ihre Gedanken fliegen nach Syrien, wo Oma und Onkel ausharren.

Dann hilft die mütterliche Freundin, die Walaa Al Hussein in einer Lehrerin gefunden hat. Mit ihr fährt die Syrerin zum Beten in eine Osnabrücker Moschee und zum Gottesdienst in christliche Kirchen. Für sie kein Gewissenskonflikt. „In Syrien gibt es keine großen Differenzen zwischen Muslimen und Christen“, verdeutlicht Andrea Harms.

Die Unterstützung ist keine Einbahnstraße. Mit ihrem kleinen Bruder arbeitet Walaa Al Hussein in der Kleiderkammer . „Kharam ist unser Dolmetscher vom Dienst“, lobt Harms. Fußball-Liebhaber Buschmeyer wollte ihn zum Kicken bringen, „aber das war nicht so sein Ding. Jetzt probiert er es mit Taekwondo.“ Und am Dienstag geht‘s zum Glaner Kolping.

Riesensprung im ersten Jahr

Der Zwölfjährige hat gern Besuch, dem er galant Cappuccino serviert, und geht nach einem Jahr in Deutschland in die fünfte Klasse der Realschule: „Gerlinde hat viel geholfen“. Die Kinder haben es mit der Sprache leichter, „gerade im ersten Jahr machen sie einen dollen Sprung“, findet Harms. Die Paten sprechen sofort viel Deutsch mit den Flüchtlingen, besuchen sie, um jede Frage aufzufangen. Auch wenn sie nicht auf alle eine Antwort haben. „Wenn gefragt wird, welche grammatikalische Regel steht dahinter, muss ich meist sagen: Keine Ahnung. Dann heißt es: Du musst in den Integrationskurs“, grinst Franz Obermeyer.


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