Bad Iburg im Visier Martin Calsow las aus schrägem Lokalkrimi

Von Frank Muscheid

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Martin Calsow nahm auch im neuen Buch kein Blatt vor den Mund. Foto: Frank MuscheidMartin Calsow nahm auch im neuen Buch kein Blatt vor den Mund. Foto: Frank Muscheid

Bad Iburg. „Atlas – Frei zum Abschuss“ klingt wie ein Agententhriller. Ist aber die absurd geniale Fortsetzung der Bad-Iburg-Krimireihe, die Martin Calsow am Mittwoch im Casablanca als Premiere las. Gut 60 Gäste waren begeistert und bewiesen viel Humor.

Darf er das? Fragte man sich unversehens bei dieser bissigen Nabelschau. Als Kind der 70er- und 80er-Jahre ist der erfolgreiche Autor, der heute mit seiner Frau am Tegernsee lebt, in Bad Iburg aufgewachsen. Hat sogar die Institution Casablanca als Play-back-Wettkampfort literarisch verewigt. Hat Bad Iburger Originale zu einem absurd-genialen Thriller-Cocktail vermengt. In dem zwar alles erfunden, aber über weite Teile deutlich inspiriert und die Ähnlichkeit zu lebenden Personen absolut gewollt ist.

Mord und Humor

Der verdeckte BKA-Ermittler Andreas Atlas ist in seiner Heimatstadt vor den Häschern des mexikanischen Drogenkartells neben einer Freundin mit Bürgermeisterambitionen untergetaucht. Er würde sich gern mit unterschlagenen Millionen absetzen, doch sein autistischer Ziehsohn Lars hat das versteckt, aus Angst, seinen Vater wieder zu verlieren. Ungünstig, wenn sich ein Killer indessen auf sein Ziel zuarbeitet. Was mit einem Mord an Mittelland- und Dortmund-Ems-Kanal an einer Frau beginnt, die die Identität des Killers aufdeckt, nimmt Schleifen durch freche Provinzsatire. Zerlegt die beschauliche Idylle. Ist gewürzt mit trockenem, geradezu englischem Humor der Marke „Little Britain“: Unverhohlen direkt und trotzdem liebevoll breitet das Buch Macken und Eigenheiten aus. Mehr aus Bad Iburg im Netz

Calsow würzte die Lesung mit Erinnerungen. Wie der ersten Ampel als Ereignis in Glane. Beschrieb die Dope-Einkäufe in Holland, bei denen der Drogenhund nur nicht anschlug, weil alles gestreckt war. Oder eine lokale Celebrity, die im Buch gern mal was mit dem „Holländer vom Fernsehen“ machen würde. Mit Deckidentität als TV-Mann schleicht sich der Killer ins Kleinstadt-Idyll und fährt die gefährlich geschwätzige Plappertasche, auch wenn das Navi noch „lange 35 Minuten anzeigte“. Köstlich auch, wie Andreas Atlas wegen Alkohol am Steuer angehalten wird – und zu deutscher Schlagerorgie seine Walther P99 verschwinden lässt. In Mexiko „lägen sie mit durchlöchertem Gesicht in ihrem Wagen“, fantasiert Atlas über die Polizisten.

Kontrast zu Mexiko

„Ich brauchte etwas, das dem Chaos, Terror und dem Horror von Mexiko etwas entgegensetzt. Bad Iburg ist für mich der Inbegriff von Ordnung, Verlässlichkeit und Überschaubarkeit“, erklärte der Autor, der fürs Fernsehen selbst mal in Mexiko drehte. Eine Abrechnung sei das keinesfalls: „Ich mag den Ort mit jedem Buch mehr. Der Iburger ist sehr geduldig, und er erträgt auch mich“, sagte er augenzwinkernd zur Recherche. „Die Beschreibung von Menschen liegt mir am Herzen, sie nicht verächtlich zu machen, sondern ihnen die Würde zu lassen, aber satirisch dabei herumzudrehen.“ Teil drei stehe noch in den Sternen. Aber „Atlas“ laufe gut. Anträge Ortsansässiger, im nächsten Buch vorzukommen, gebe es „noch nicht, weil sie alle Angst haben, dass sie darin sterben.“


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