„Landwirtschaft muss sich wandeln“ Warum Schweinemäster am Iburger Urberg Wein anbauen


Bad Iburg. Eigentlich trinkt Gerd Brinkmann lieber Bier als Wein. Nicht die beste Bedingung für einen ambitionierten Neuwinzer. Doch die Idee, am Südhang des Teuto Wein anzubauen, ist weniger eine Geschmacks- als eine wirtschaftliche Frage. Was es mit den Tropfen vom Iburger Urberg auf sich hat, erklären Landwirt Gerd Brinkmann und sein Sohn Jan.

„Spargel und Erdbeeren gibt‘s genug, Tannenbäume auch“, schildert Gerd Brinkmann den Hintergedanken der Bewerbung um ein Weinbaurecht beim Land Niedersachsen . Im Radio hatte Vater Brinkmann von der Vergabe gehört –und das Ganze schnell wieder vergessen. Ein halbes Jahr später fiel seinem Sohn die Sache mit dem Wein wieder ein – während er auf dem Trecker saß. Zwei Wochen lief die Bewerbungsfrist da noch. Das reichte, denn mehr als eine Seite war nicht auszufüllen.

Die Fläche am Urberg schien den beiden ideal: 0,62 Hektar klein, mit 20 bis 25 Prozent Steillage und deshalb schlecht zu beackern, dafür aber Südhang. Noch wächst dort unterhalb des Teuto-Kamms Mais, während nebenan Pferde über den Elektrozaun schnobern. Ein ländlicher Traum.

Schweinezucht ist unsicher

Einfach wird das Projekt Edler vom Urberg nicht, das ist beiden Brinkmanns klar. Aber „die Landwirtschaft wird sich wandeln müssen“, sind Vater und Sohn überzeugt. Die Schweinepreise, mit denen der Hof wirtschaftet , der im 13. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt wurde, seien in den vergangenen zwei Jahren mehr als schlecht gewesen. „Die Zukunft der Schweinezucht ist unsicher.“ Mit Ackerbau komme man ebenfalls auf keinen grünen Zweig mehr. Der gesellschaftliche Druck auf Landwirte wachse.

Da sind Kosten von 22000 Euro für Stöcke, Seile und Draht für die 6200 Quadratmeter Weinberg im Vergleich zu einem neuen Schweinestall, für den man locker eine Million ausgibt, eine überschaubare Investition.

Direktvermarktung

Der Klimawandel spielt ihnen in die Flasche: Die Brinkmanns rechnen mit 4000 Litern Wein. „Wir hatten noch nie so einen trockenen Herbst wie in diesem Jahr. Wir spüren den Klimawandel. Der Mais hatte früher einen FAO (Reifemaß des Kolbens zur Ernte; Anm. d. Red.) von 210, heute sind es 270“, sagt Vater Brinkmann.

Klar, der Weinbau ist da eine Nische, für die die Brinkmanns aber gute Bedingungen haben. „Unser Hof direkt an der Bundesstraße 51 ist ideal für eine Direktvermarktung“, freut sich Jan Brinkmann. Der 20-Jährige hat sich schon in die Önologie eingefuchst, ist gerade von einem einwöchigen Praktikum im fränkischen Veitshöchheim zurück, wo er kein Blut geleckt, aber Rotling und Grauburgunder geschmeckt und viel gelernt hat. (Weiterlesen: Weinbruderschaft – Fünf Mediziner und ein Psychologe bauen in Hagen Wein an)

Rebschnitt macht die meiste Arbeit

Sein Zeitplan steht: Ein Winzerjahr will er durch fortlaufende Praktika an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) erleben, der Adresse für Ausbildung, Betriebsberatung, die Entwicklung von Rebsorten und alle anderen Fragen der Önologie. „Als Nächstes kommt der Rebschnitt im Winter, der macht die meiste Arbeit“, weiß der Winzer in spe schon.

Große Maschinen lohnen sich für die kleine Fläche nicht. Die Iburger wollen lieber die Reihen statt zwei Meter drei Meter breit ziehen, so gelangen auch mehr Sonnenstrahlen an die Reben.

Boden gibt eine fruchtige Note

Im kommenden Jahr werden die veredelten Reben für den Urberg bestellt, die auf jeden Fall frühreif, pilzunanfällig und resistent gegen die gefürchtete Reblaus sein müssen. Welche Traube sie ausbauen wollen, wissen die Brinkmanns noch nicht. Aber sie wissen, was ihren Boden auszeichnet: „Es ist ein Buntsandstein, darüber liegt Lößlehm: Das gibt eine fruchtige Note.“ Neben dem örtlichen Kleinklima und der Sonneneinstrahlung entscheidet vor allem der Boden, das Terroir, darüber, wie erfolgreich Anbau und Wein später werden. (Weiterlesen: Auch die Vögel mögen die Holter Rieslingtrauben)

Robust sein und rasch reifen müssen die Trauben, weil am Teuto immerhin 800 Millimeter Niederschlag pro Jahr fallen, in Franken sind es nur 500. Und auch die Sonne lässt sich im Osnabrücker Land etwas weniger sehen.

Müller-Thurgau oder Bacchus

Ein Weißwein wie der Müller-Thurgau oder der Bacchus wird es wohl werden, vielleicht auch ein Rotling, für den rote Sorten wie der Regent einem Weißwein Farbe geben. „Unbekannte Trauben sind auch schwieriger zu vermarkten“, erklärt Jan Brinkmann die Wahl. Er war bisher auf Schweine und Ackerbau spezialisiert, freut sich aber, etwas neues zu lernen.

Passend zur Landesgartenschau 2018 werden die Reben gesetzt, dann müssen sie zwei Jahre wachsen, bevor 2021 die erste Ernte eingefahren werden kann. Gekeltert werden soll eventuell in einer örtlichen Saftmosterei. Ein Jahr später kann der erste Iburger Urberg verkostet werden. Jan Brinkmann mit seinen 20 Jahren sieht diesen Zeitplan entspannt: „Ein Weinberg steht locker 25 Jahre und wird besser, je älter er wird.“

Weingut auf der Insel Föhr

Zehn niedersächsische Betriebe haben die begehrte Lizenz für insgesamt 7,6 Hektar Wein auf zwölf Anbauflächen bekommen. Auf der Insel Föhr gibt es sogar schon seit 2009 ein Weingut. Aber das sind Winzigkeiten angesichts der süddeutschen Konkurrenz: Alleine Rheinland-Pfalz hat 64000 Hektar Weinanbaufläche.

Dass es auch in Niedersachsen mehr wird, dafür wollen auch Brinkmanns sorgen. Denn in diesem Jahr läuft noch eine zweite Ausschreibung für Flächen. Und da hätten die beiden schon etwas in petto, eine echte Steillage. Solche Lagen werden nämlich bevorzugt. (Weiterlesen: Reben hoch im Norden – Weinlese auf Sylt gestartet)

Leckerer Schoppen

Dass Spitzenweine am südlichen Teuto wachsen werden, ist unwahrscheinlich, aber einen leckeren abendlichen Schoppen haben die Brinkmanns schon im Visier. Dann könnte sich schon bald die erste Iburger Weinkönigin in Stellung bringen.


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