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Calsows feine Milieubeobachtungen Zweiter Bad Iburg-Krimi bürstet Landliebe auf links

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Bad Iburg. Bad Iburg ist ein blutiges Pflaster, findet Krimiautor Martin Calsow, der im Schatten des Schlosses aufwuchs, seine Heimat liebt – und seinen Helden zwischen Scheventorf und Dörenberg ums Überleben kämpfen lässt. Ein Gespräch über Dorfleben und Lackmäntel, neidische Fußballer und hässliche Windräder.

Ihr erster Iburg-Krimi heißt „Atlas: Alles auf Anfang“, Nummer zwei jetzt „Atlas: Frei zum Abschuss“: Andreas Atlas hat sich vor einem mexikanischen Drogenkartell, das er abgezockt hatte, an den Teuto gerettet. Jetzt scheint es ihm dort gut zu gefallen, aber seine Verfolger geben keine Ruhe. Was macht Bad Iburg zum perfekten Tatort?

Erstens ist es meine Heimat. Zum Zweiten gefällt mir die Konfrontation zwischen dem von Drogenkartellen dominierten Mexiko und dem idyllischen Städtchen Iburg.

Regionalkrimis boomen. Im ersten Atlas haben sie sich an Bad Iburg und der vermeintlich spießigen und bigotten Provinz gründlich abgearbeitet. Jetzt schauen sie mit erstaunlicher Milde auf die dörfliche Kleinstadt. Wie kommt‘s?

Ich finde gar nicht, dass ich mich abgearbeitet habe. Ich mag dörfliche Strukturen. Ich bin ein Landei und habe eine Liebe zum Land, also auch zu Bad Iburg. Meine Landsleute sind in ihrer täglichen Kommunikation zuweilen ruppig, und davon nehme ich mich selber nicht aus. Aber ich bin bei meinen Lesungen in Bad Iburg und Umgebung sehr warm empfangen worden. Klingt kitschig. Aber ich habe gespürt, wo ich herkomme.

Dafür bekommen die Nachbarorte ihr Fett weg: Die hätten maximal eine Kirche, eine Durchgangsstraße und zwei schlecht gehende Gaststätten mit Bundeskegelbahn. Frisch entdeckter Lokalpatriotismus?

Patriotismus passt für mich nicht. Aber Liebe zur Heimat trifft es. Auf humorvolle Weise geht diese auch immer mit Abgrenzung zu anderen Orten einher. Das lernt man früh auf dem Land, spätestens beim Fußball. Kickte man beim VfL Bad Iburg, mochte man das gelbschwarze Trikot des südlichen Stadtteils nicht so und kickte mit großer Abneigung in Hagen und mit tiefem Neid in Bad Rothenfelde, dessen erste Mannschaft in höheren Ligen spielte. Damit fängt‘s an – und beim Schützenfest hört es noch lange nicht auf. Das war eigentlich auch meine Grundidee: Ich wollte das Schützenfest als Rahmenhandlung einbauen. Aber das ist ja in Iburg nun nicht mehr ganz so populär, so ohne König... Also habe ich das gelassen und mich der weitaus beliebteren Maisernte zugewandt.

Traurig, traurig, das mit dem Schützenkönig...

(Lacht) Ja, Bad Iburg ist auf den Hund gekommen. Erst ein Bürgermeister mit Migrationshintergrund, jetzt eine Frau, und dazu noch eine Grüne. In einschlägigen Internetforen kommt dann immer „Armes Deutschland“ mit fünf Ausrufezeichen.

Schlimmer kann’s für manche kaum kommen.

Offenbar, wenn schon die CDU nicht genug Kandidaten zusammenbekommt. Das ist eben das, was einen erstaunt, wenn man weggezogen ist, dass sich auch diese kleine Stadt verändert. Ich habe jedenfalls meine Liebe zu Bad Iburg wiederentdeckt und freue mich, wenn ich den Dörenberg herunterfahre, das Schloss sehe und rechts im Casa das Licht brennt. Danach allerdings droht angesichts der Vielzahl an Kreisverkehren ein Schleudertrauma. Auch wenn die alten Geschäfte schließen, kein junger Mensch mehr auf der Mauer hinter der Fleckenskirche Eis isst. Vermutlich jagen die derzeit alle Pokemóns.

Die Liebe zur Heimat wird die Iburger freuen. Was mich freut, ist, dass Sie die NOZ offenbar immer noch akribisch lesen. In Ihrem Buch kommt alles vor: Baustellen und Kreisverkehre, die abgesackten Häuser am Hagenberg und die Laga. Und die letzte Bürgermeisterwahl: Da tritt Atlas‘ Freundin Grete als Konkurrentin der späteren Siegerin Annette Niermann an. Wie kommt‘s?

Wenn man in den 80er Jahren aufgewachsen ist, noch ganz ohne Internet, war die NOZ das einzige Bindeglied zur Öffentlichkeit. Und wichtig ist sie für mich heute noch. Sie gehört wie Grünkohlessen zur Region. Ich finde die Fragen, mit denen sich Bad Iburg herumschlagen muss, typisch für Städte dieser Größe. Die Umgehungsstraße, die Verkehrssituation, die demografische Entwicklung… Morgens gucke ich nach Spiegel Online und der SZ immer auch auf die Online-Seite der NOZ. Haben Sie jetzt genug Honig um den Bart bekommen? (Lacht)

Geht wohl, würde der Osnabrücker sagen. – Thematisch sind Sie also ganz nah dran. Mit einer Ausnahme: Bürgermeisterin Annette Niermann schreiben Sie – frecher- und unberechtigterweise, nennen wir es mal vorsichtig, – eine voluminöse Rückseite zu. Kennen Sie beide sich eigentlich?

Ja, wir kennen uns, und ich schätze sie sehr. Diese Behauptungen im Buch sind völlig unberechtigt – aber bitte niemals den Autor mit den Buchhelden verwechseln...

Das fällt schwer, wenn Sie Klarnamen verwenden. Okay: Themenwechsel. Atlas und Grete wohnen auf Gut Scheventorf. Haben sie einen persönlichen Bezug dorthin oder warum haben sie sich für diesen geschichtsträchtigen Ort entschieden, der mit seiner Legende von der eingemauerten Anna von Hake durchaus einen hübschen Gruselfaktor hat.

Ich kenne Scheventorf, weil meine Mutter eine fanatische Radfahrerin ist und uns früher zu absurd langen Touren zwang. Meist Richtung Süden. Da kommt man auch an Scheventorf vorbei. Es ist ein verwunschenes kleines Schlösschen, liegt wunderschön, wird aber dominiert von der Bundesstraße und den grauenhaften Windrädern. Dieses Zusammenspiel zwischen alter Kultur und mühsamer Moderne hat mich inspiriert.

Wie begegnen Ihnen die Iburger bei Ihren Lesungen?

Die meisten von ihnen kennen mich ja nur aus der Zeit, als ich 16 war. Und ich war in der Wahrnehmung einiger Leute kein einfaches, sondern ein sehr mühsames Kerlchen. Man kommt zurück und denkt, die nehmen mich nur als Schriftsteller wahr oder als Sohn der leidenschaftlichen Radfahrerin – und stattdessen sehen die mich noch immer als Rabauken.

Und das trotz der Polizistendynastie, aus der Sie kommen.

Kein leichtes Erbe für mich. Mein Vater hat sogar meinen Chemielehrer als Parksünder aufgeschrieben. Bis heute glaube ich, dass das bei meiner Benotung nicht geholfen hat. Vielleicht aber auch nur eine billige Ausrede für überschaubare Kenntnisse in Naturwissenschaften.

Im Ihrem Buch tauchen neben Annette Niermann jede Menge anderer Iburger Namen auf. Sind alle einverstanden mit ihrer literarischen Verewigung?

Ich brauchte Namen aus der Region, mit denen ich großgeworden bin. Namen wie Vornbäumen, Höcherl oder Winninghoff. Dazu kommt noch die Verwandtschaft. Die habe ich gefragt, und sie tauchen jetzt im Buch auf, hoffentlich auch bei den Lesungen.

Aber wen haben sie bloß in der nymphomanen Marion Hülsmann geborene Brockkötter verewigt, die so gerne Helene Fischer wäre, oder Gina Wilde oder Lady Gaga?

Es gibt tatsächlich jemanden, der der Figur ähnelt, und der ich zufällig bei der Recherche begegnet bin. Sie sagte mir, ich solle mal vorbeikommen, sie könne auch Lieder von Helene Fischer singen. Bevor Sie fragen: Ich würde mir eher den linken Ringfinger abschneiden, als zu sagen, wer das ist.

Trug sie wie im Buch schwarze Stiefelchen und Lackmantel?

Nein, aber die Begegnung mit dieser Frau war so gruselig und gleichzeitig so bewegend und traurig, weil sie tatsächlich das Leben dieser Frau in meinem Buch führt. Atlas kommt und will bleiben, trifft auf Menschen, die raus wollen aber es nicht schaffen. Das ist ja auch mein Grundthema: das Ankommen, Bleiben, Weggehen wollen, die Vergangenheit. Es geht also weniger um Mord, als um Heimat und das Verhältnis der Menschen zu ihr.

Wobei Ihr Buch spannend ist, manchmal auch ein bisschen brutal…

Die Brutalität ist dem Landstrich geschuldet, nicht der Brutalität in meinem Kopf. Wann immer ich nach Bad Iburg komme, bekomme ich neue schlimme, extrem brutale, wahrhafte Geschichten erzählt. Die Geschichte mit dem Häcksler habe ich mir nicht ausgedacht, die ist passiert. Auch meine Kurzgeschichten muss ich mir nicht ausdenken. Die Region gibt Brutalität her, speziell zur Erntezeit...

Auch das Nasse Dreieck in Bevergern?

Entsteht nur bei mir ein ganz schlimmes Bild im Kopf? Nasses Dreieck, das klingt einfach schlimm.

Ich habe aber auch etwas in Ihrem Buch gelernt, beispielsweise, warum Kaiser Wilhelm den Mittellandkanal bauen ließ. Haben Sie als Autor einen Bildungsauftrag?

Bildung kann ja nie schaden. Ich will nicht nur unterhalten. Die Region hat so viele versteckte, noch nicht erzählte Geschichten. Davon will ich schreiben.

Der Cliffhanger am Ende Ihres Buchs fehlt auch nicht. „Atlas sagt dem Teufel zu“, heißt es dort. Wann lösen Sie die Spannung im Atlas Nummer 3 auf?

Vielleicht gar nicht. Ich bin gerade beim fünften Band meiner „Quercher“-Reihe, die am Tegernsee spielt, und ich weiß noch nicht, ob ich einen dritten „Atlas“ schreibe. Aber es gibt auf jeden Fall eine neue Kurzgeschichte aus der Region, die bei meiner Lesung im Casablanca Premiere haben wird. Es geht um Tauben, Ostenfelde und – natürlich – um Radfahren. Auf irgendeine Weise werde ich der Heimat immer verbunden bleiben.


Am 16. November um 20 Uhr liest Calsow im Bad Iburger Casablanca an der Osnabrücker Straße 35 aus „Atlas – Frei zum Abschuss“ und seinen Kurzgeschichten. Karten kosten 9, ermäßigt 8 Euro, und sind in der Tourist-Info (05403/40466) erhältlich. Das im Grafit-Verlag erschienene Buch kostet 11 Euro.

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