Kinder helfen Kindern Realschule Bad Iburg beschenkt Kinder in Rumänien

Von Werner Barthel

Anja Peters von der Realschule Bad Iburg, Lotta Glosemeyer und Ole Nienker aus der 5c haben 126 Weihnachtspäckchen zu Marcel Bolte in Georgsmarienhütte gebracht. Foto: Werner BarthelAnja Peters von der Realschule Bad Iburg, Lotta Glosemeyer und Ole Nienker aus der 5c haben 126 Weihnachtspäckchen zu Marcel Bolte in Georgsmarienhütte gebracht. Foto: Werner Barthel

Bad Iburg. Zum vierten Mal beteiligt sich die Realschule in Bad Iburg an der Aktion „Kinder helfen Kindern“, die die Einrichtung „Round Table“ (RT) vor acht Jahren ins Leben gerufen hat.

Die Jungen und Mädchen schicken Weihnachtspäckchen an Kinder, denen es nicht so gut geht wie ihnen. 126 Jungen und Mädchen machten mit. 126 Päckchen kamen zusammen. Jetzt wurden die Weihnachtsgeschenke nach GMHütte gebracht, wo sie im Geschäft „Motorrad Bolte“ zwischengelagert werden, bevor sie Anfang Dezember auf die Reise nach Rumänien, Moldawien und in die Ukraine gehen. Dort werden sie direkt an Kinder in Waisen- und Krankenhäusern, in Kindergärten und Heimen verteilt.

Aufregung hatte die gesamte Schule erfasst, als jetzt endlich der Tag kam, an dem die Weihnachtsgeschenke, liebevoll zu Hause mit Hilfe den Eltern verpackt und in Weihnachtspapier eingewickelt, in der Schule abgegeben werden sollten. In der Pausenhalle war schnell ein ganzer Stapel aufgeschichtet. Alle standen davor und malten sich aus, wie ein Kind, das sonst nicht beschert wird, beim Anblick des unerwarteten Geschenks reagieren würde. „Keiner hat vergessen, ‚Junge‘ oder ‚Mädchen‘ irgendwo zu vermerken“, freute sich Lehrerin Anja Peters, die die Koordination an der Schule übernommen hatte, „so müssen die Verteiler vor Ort nicht lange überlegen.“

Schon vor den Herbstferien hatte Marcel Bolte, hiesiger Vertreter von RT, die Klassen in Bad Iburg besucht und zur Teilnahme an der Aktion geworben. Dabei hatte er auch ausführlich das Leben beschrieben, das Gleichaltrige in diesen Ländern führen müssen. Anja Peters: „Im Unterricht haben wir das Thema anhand von Filmen und Zeitungsberichten vertieft. Es gab wohl keinen in unseren Klassen, der nicht berührt war von Not und Elend ihrer Altersgenossen in diesen Ländern.“

Auch Lotta Glosemeyer und Ole Nienker aus der 5c gaben etwas ab. „Warme Socken, Süßigkeiten und einige Schminksachen haben wir in den Schuhkarton gelegt“, erzählt Lotta, „dann habe ich noch eine Weihnachtskarte geschrieben, frohe Weihnachten gewünscht und meine Adresse vermerkt. Vielleicht schreibt mir die Empfängerin eine kurze Antwort auf Englisch.“ Ole Nienker, ebenfalls zehn Jahre alt und wie Lotta in der 5c, kannte die Aktion schon von seinen älteren Brüdern. „Ein bisschen habe ich mir immer gewünscht, auch einmal so ein Kind beschenken zu können“, sagt er. In seinem Päckchen stecken Puzzle, Halstuch, Süßigkeiten, seine Heimatanschrift und auch eine Weihnachtskarte.

Beide waren auch dabei, als alle weihnachtlich dekorierten Schuhkartons nach GMHütte gebracht wurden. Dort erwartete sie bereits Marcel Bolte in seinem Geschäft. „Vor dem Tresen könnt ihr alle aufeinanderstapeln“, beschied er seine Besucher, die von Anja Peters angeführt wurden, „da können sie alle meine Kunden sehen. Vielleicht gibt der eine oder andere dann die Idee an seine Kinder weiter, die auch Lust haben, an der Aktion teilzunehmen.“

Marcel Bolte war bereits dreimal mit einem Konvoi in den drei Staaten. „Bei RT zu sein bedeutet auch, selbst aktiv zu sein“, erklärt er, „wir helfen nicht nur durch Werbung für unsere Aktionen, wir sind auch jederzeit zum ehrenamtlichen Einsatz bereit.“ Bei seiner letzten Fahrt waren 34 Lastwagen und drei Reisebusse mit 80000 Paketen vollbepackt auf die zweitägige Reise über Österreich und Ungarn nach Rumänien gegangen. „Wir waren 120 Helfer“, erinnert er sich, „jeder von uns hatte sich eine Woche Urlaub genommen.“

Alle Pakete werden bis zum Abreisetermin in Hanau gesammelt. „Dort haben andere ehrenamtliche Helfer Hallen angemietet, um der Flut der Pakete aus ganz Deutschland Herr zu werden.“ RT hat es bisher in jedem Jahr geschafft, namhafte Schirmherren zu finden, die ihrerseits Sponsoren suchen helfen, die die Gesamtkosten so einer „Überführung“ übernehmen. Diese beläuft sich pro Jahr auf etwa 100000 Euro.

Zwei, drei Kilometer Straße würden sie blockieren, warteten alle Fahrzeuge gleichzeitig an einer Tankstelle. Ähnlich ist es an den Grenzen. Bolte: „Kontrollen fallen flüchtig aus, wenn die Einreisegenehmigungen vorliegen. Gleichwohl verursachen wir immer einen Stau.“ Schlimm wird es an einer Grenze nur, wenn einmal nicht alle benötigten Papiere rechtzeitig eingetroffen sind. „Weiter fahren dürften wir in so einem Fall nur, wenn wir extrem hohe Zollgebühren oder Schmiergelder zahlen würden. Einmal mussten wir an der Grenze übernachten, weil unsere Papiere nicht vollständig übermittelt worden waren.“

Ist der Konvoi endlich an seinem Bestimmungsort angekommen, sind alle Reisestrapazen vergessen. „Wenn man dann die leuchtenden Kinderaugen sieht, ihre Freude angesichts der kleinen Reichtümer, die fortan nur ihnen gehören, vergisst man die Wehwehchen, die eine so lange Fahrt mit sich bringt.“ Es sind meistens die einzigen Geschenke, die die Kinder in Waisenhäusern und Heimen erhalten. Bolte: „In diesen Augenblicken der Bescherung meinen wir, selbst beschenkt worden zu sein.“

Auf der Rückfahrt beobachtet Bolte immer das gleiche Bild: „Alle sind schweigsam und in sich gekehrt. Viele belasten die Eindrücke von manchmal unbeschreiblichem Elend.“ Dass selbst in Städten ein Pferdefuhrwerk hauptsächliches Verkehrsmittel zu sein scheint, daran kann man sich schnell gewöhnen, meint Marcel Bolte. Schwer zu ertragen sind die Bedingungen, unter denen Kinder in Heimen und Waisenhäusern leben müssen. Bolte: „Es fehlt an allem. Angefangen bei den sanitären Anlagen, die nicht ausreichen und obendrein häufig kaputt sind, bis zur Einrichtung von Aufenthalts- und Schlafräumen, die man eigentlich nicht als solche bezeichnen darf.“

Vier Jahre wird er sich weiterhin bei Aktionen für notleidende Menschen in Deutschland oder anderswo einsetzen. „Dann bin ich vierzig. Länger darf man bei RT nicht mitarbeiten. Mal sehen, wo ich dann ein neues Betätigungsfeld finde. Denn aufhören kommt für den nicht in Frage, der einmal die Not in der Welt hautnah miterlebt hat.“


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