Liebeserklärung mit Widerhaken Calsow kommt mit Iburger Krimi in seine Heimatstadt

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Einen etwas anderen Regionalkrimi wollte Martin Calsow schreiben. Foto: Thomas PlettenbergEinen etwas anderen Regionalkrimi wollte Martin Calsow schreiben. Foto: Thomas Plettenberg

Bad Iburg. Er taucht auf, um abzutauchen. Und das ausgerechnet am Teuto. Der gebürtige Iburger Andreas Atlas hat ein mexikanischen Drogenkartell gelinkt und muss sich kurzfristig unsichtbar machen. Das, meint er, gelingt am besten in der alten Heimat am Teuto. Am 4. November liest sein Schöpfer Martin Calsow, ebenfalls in Bad Iburg aufgewachsen, aus „Atlas – Alles auf Anfang“. Ein nicht immer todernstes Gespräch über Morde, Heimatliebe, fiese Frisuren, gut getarnte Komplimente und die B 51.

Herr Calsow, Sie sind in Bad Iburg aufgewachsen und leben jetzt in New York und am Tegernsee. Warum diese Verschlechterung?

(lacht) Dieser Ort ist ja nicht meine Heimat. Ich wohne da, aber ich komme aus dem Osnabrücker Land, und das wird immer so sein. Seitdem ich den „Atlas“ geschrieben habe, ist mir das wieder bewusst geworden. Meine Frau und ich waren aus beruflichen Gründen nach München gekommen. Weil uns die Stadt irgendwann zu viel wurde, sind wir an den Tegernsee gezogen.

Sie haben schon einige Krimis geschrieben, mancher kennt vielleicht den LKA-Beamten Max Quercher. Ihr neuer Held Atlas vom BKA ist in Bad Iburg aufgewachsen – und kehrt nach einem unsteten Leben dorthin zurück. Warum?

Es gibt zwei Gruppen auf dem Land: die, die gehen und die, da bleiben. Einige gehen, weil es ihnen dort zu klein geworden ist, oder sie glauben, woanders etwas Bestimmtes zu finden. Zurück kommt man dann als Gewinner oder Verlierer. Auf der anderen Seite gibt es die, die dageblieben sind. Die von außerhalb denken: Oh Gott, wie lang war ich nicht mehr hier! Die anderen denken: Was für ein Arschloch. Der glaubt auch, weil er woanders lebt, weiß er alles besser. Meine Serienfigur Andreas Atlas wird zudem von einem Killer verfolgt. Das hilft nicht bei der Wiedereingliederung.

Ihr Bild der Provinz ist relativ uncharmant. Der eine kontrolliert den anderen, es regnet ohne Unterlass, die Menschen sind spießig, wortkarg und bigott, und im Übrigen hat wirklich jeder Schweine im Stall oder eine Leiche im Keller – oder beides.

Es ist keine Touri-Broschüre oder ein Sachbuch, sondern reine Fiktion. Regionalkrimis neigen oft dazu, Mensch und Natur allzu idyllisch darzustellen. Plötzlich geschieht ein Mord, aber eigentlich sind die Menschen ganz dufte, auch wenn sie sich gegenseitig meucheln. So habe ich Heimat nie verstanden. Heimat ist weniger die regionale Idylle, als mehr die Art der Prägung durch die Region und die daraus folgende Art, wie man in die Welt schaut. Dass die Menschen am Teuto eher zur Minimalkommunikation neigen, ist ja keine Überraschung. Das ist den Südniedersachsen und Ostwestfalen eigen, da ähneln sie den Oberbayern. Es kann nicht jeder Rheinländer sein. Dass es viel regnet, ist schön. Alles ist grün, satt und fruchtbar. Wenn man das Buch ein bisschen anders liest, ist es eine tiefe Liebeserklärung an meine Heimat.

Was Ihr Held tatsächlich schätzt, ist das schöne Familienleben mancher seiner Freunde. Ansonsten zeigt sich das Lokalkolorit doch oft in Sätzen wie „Von der Geburt bis zum Tod gab es Schweinekotelett“, oder „Die Ortsmitte lag da wie ein Hospizpatient, verkehrsberuhigt und totsaniert.“ Wie war denn Ihre eigene Jugend in Iburg?

Geboren bin ich im sicheren Herkunftsland Bayern, wuchs die ersten Jahre in Bissendorf auf, ehe wir in die mondäne Kurstadt ziehen durften. Als ich in Bad Iburg groß wurde, profitierte man wie Bad Laer oder Bad Rothenfelde, von unserem damals großzügigem Gesundheitssystem. Aber das Projekt Kur, morgens Fango, abends Tango, war Ende der 80er schon im Niedergang begriffen. Und dann diese unglaubliche Bundesstraße, die den Ort durchschnitt wie eine Garotte am Hals.

Die B 51 ist noch da .

Ja, und das Schweinekotelett sicher hier und da auch. Aber die Einwohner haben nicht alles als gottgegeben angenommen. Iburg veränderte sich. Die Stadt wählte einen Bürgermeister mit Migrationshintergrund und danach eine Frau als Bürgermeisterin. Beides in den 80ern unvorstellbar. Eher wäre die Telgter Wallfahrt über Lengerich umgeleitet worden. Die CDU-Vorherrschaft aus den Zeiten meiner Jugend gibt es nicht mehr. Der Ort verändert sich, inklusive Verkehrsberuhigung und Kreisverkehren. Das sehe ich von außen mit viel Freude. Selbst die Diskussionen um die Landesgartenschau gefallen mir – vor allem unter Krimi-Gesichtspunkten (lacht).

Wo Sie Bürgermeisterin sagen: Atlas‘ Ex-Geliebte Grete möchte Iburger Bürgermeisterin werden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind hier…

...kompletter Zufall! Ich freue mich für sie und dass Iburg eine Frau als Bürgermeisterin gewählt hat. Ich weiß, wie schwer sie es hat, dass die Iburger CDU, zumindest einzelne Personen, harte Brocken sind. Aber ich bin sicher, dass Annette Niermann dem Ort sehr guttut.

Ihr Vater war Polizist...

Mein Vater, mein Großvater und mein Bruder.

Eine Polizei-Dynastie. Hat Sie das geprägt?

Ja, und zwar nicht immer zum Vorteil als Jugendlicher. Wenn Sie in einer Polizistenfamilie aufwachsen, sind Sie der einzige, der bei der Mai-Radtour zu den Laerer Badeseen nicht mitfahren darf, weil das Rücklicht kaputt ist.

Außerdem ist da das Baden verboten.

Das hat uns nicht gestört. Im Gegenteil: Keiner über 14 ist ins Freibad gegangen. Die Heideseen waren für uns ein Hauch von Karibik – und jedes Jahr ertrank jemand. Geschah im Freibad Iburg eher selten.

Haben Sie noch Freunde hier?

Ja, ein paar und vor allem die liebliche Verwandtschaft. Mein alter Chemielehrer Günther Menz, ein großer, kluger Mann, hat sich sogar die Mühe gemacht, mich auf Fehler im Buch hinzuweisen - dummerweise nach Drucklegung. Für mich, auch nach dem Schreiben vom „Atlas“, ist das wirklich ein Nachhausekommen. Es dauert keine zwei Tage und aus ‚Wo kommst Du her‘ wird ‚Wo kommst du wech‘.

Obwohl Sie ja meist kein gutes Haar an der alten Heimat lassen, geschweige denn an der NOZ. Im Rathaus wird der Halbspanier Atlas von einem Iburger als „Drecksausländer“ beschimpft. Und über die NOZ heißt es: „Er genoss sogar den Lokalteil, Meldungen über Herdbuchveranstaltungen, Auffahrunfälle und Landesgartenschauen ließen ihn durchatmen.“ Schon ein bisschen arrogant, oder?

Im Gegenteil. Ich bin mit der NOZ groß geworden, habe sehr früh angefangen, die Tageszeitung zu lesen und bin ein großer Freund von Regionalzeitungen. Wenn sie gut gemacht sind, lassen sie die Bürger bis ins kleinste Detail an ihrem Ort und ihrer Umgebung teilhaben. So ist der Satz, den Sie aus meinem Buch zitieren, gemeint. Es beruhigt mich, wenn ich zu meiner Mutter komme und den Südkreis lese. Ich erfreue mich an solchen Artikeln und halte sie für sehr wichtig. Nämlich, dass man das liest, was einen direkt betrifft. Also im Gegenteil: Es sollte eigentlich ein geheimes Kompliment an die NOZ sein.

Ein hübsch verklausuliertes. – Sie waren Filmchef bei Premiere und sind Mitglied der Grimme-Preis-Jury, Ihr Hauptberuf ist heute das Schreiben. Was ist dabei besser als beim Fernsehmachen?

Alles! Fernsehmachen war in den 90er Jahren aufregend und abenteuerlich. Heute glitzert diese Industrie für mich längst nicht mehr so sehr wie damals. Jetzt ist das Schreiben mein Leben. Das klingt jetzt sehr kräftig, aber es ist wirklich mein geistiges Überleben, nicht nur Beruf oder Hobby. Fernsehen ist etwas für junge Menschen, und das sollen auch junge Menschen machen.

Da sind Sie schon drüber...

Ja, doch. Gut erzählte Geschichten sind natürlich auch im Fernsehen wunderbar – leider selten. Allzu oft ist Fernsehen ein oberflächliches Medium und in Deutschland selten spannend. Es wird wenig an neuen und überraschenden Stoffen ausprobiert und gewagt. Da wollte ich nicht mehr mitmachen. Neben den Büchern schreibe ich noch seit einiger Zeit für eine Online-Zeitung am Tegernsee, das heißt, ich mache Lokaljournalismus und bin wieder bei meinen Wurzeln. Das gefällt mir sehr.

Ihr Buch heißt „Atlas – Alles auf Anfang“, lauter schöne A-Alliterationen. Ist bei Band zwei mit lauter Bs im Titel zu rechnen, das Ganze soll ja eine Serie werden.

Schön, dass Sie nochmal drauf hinweisen. Alliterationen sind kein Muss. Aber der „Atlas“ wird definitiv in Serie gehen.

Im „Atlas“ spielen die 80er eine große Rolle, Ihre eigenen Jugendjahre.

Mein Buch ist eine Reminiszenz an diese Zeit. Klar: Sie kennen die schreckliche Musik und die schrecklichen Haare, die man sich gemacht hat. Aber die 80er waren das letzte Jahrzehnt, in dem uns die digitale Welt noch in Ruhe gelassen hat. Wo jemanden kennenlernen nicht hieß, ihn nach rechts oder links zu wischen. Sondern wo man wirklich mit ihm reden musste.

Ein schöner Schlusssatz, oder?

Ja. Für mich ist mein Buch eine stachelige Liebeserklärung an meine Heimat. Wenn ich heute zum Beispiel Amerikanern unser Land erkläre, erkläre ich nicht Berlin oder München, sondern Bad Iburg. Von Menschen, die ihr kleines Leben leben wollen und es trotzdem gut hinkriegen, wenn die große Politik plötzlich Probleme hineinschwappt, so wie jetzt die Flüchtlingsfrage. Das ist ja nicht das erste Mal: Ich bin zu der Zeit groß geworden, als Vietnamesen nach Iburg kamen. Und wenn ich zum Grab meines Vaters gehe, dann liegt links ein Herr aus Vietnam und rechts ein Russlanddeutscher. In dieser Heimat wird das alles absorbiert. Ohne große Reden machen die das einfach.


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