Milchbauern hadern mit Preisen Landvolk-Vorsitzender: Unsere Arbeit wird nicht entlohnt

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Albert Schulte to Brinke hat im letzten Jahr seinen Milchviehbestand verdoppelt, wie andere Berufskollegen hadert er zurzeit mit den niedrigen Milchpreisen. Foto: Harald PreuinAlbert Schulte to Brinke hat im letzten Jahr seinen Milchviehbestand verdoppelt, wie andere Berufskollegen hadert er zurzeit mit den niedrigen Milchpreisen. Foto: Harald Preuin

hpr BAD IBURG. „Viele Milchbauern leben zurzeit von ihren Rücklagen“. Albert Schulte to Brinke (59) muss es wissen. Mit 130 Tieren trägt er gemeinsam mit seinem Sohn Markus (36) zur Milchversorgung der Bevölkerung bei. Im zurückliegenden Jahr ist der Bestand seiner Herde verdoppelt worden, doch nach dem Wegfall der Milchquote sind die Liefermengen gestiegen und die Preise in den Keller gerutscht.

Viele Landwirte haben auf die positive Wirkung des freien Marktes nach 31 Jahren Quotierung gesetzt, haben auf stabile Nachfrage u. a. auch aus Asien und Russland gehofft. Vor diesem Hintergrund wurden auch im Osnabrücker Land Milchviehherden vergrößert, Ställe neu gebaut, modernisiert oder ausgebaut – für viel Geld. Auch Schulte to Brinkes Optimismus ist in ein Investment gemündet, doch gerechnet hat sich der finanzielle Aufwand bisher nicht.

Während die Landwirte für jeden gelieferten Liter Milch vor einem Jahr bis zu 43 Cent erhielten (Schulte to Brinke: „Ein sehr guter und auskömmlicher Preis“), zahlt die Molkerei in diesen Tagen etwa 28 Cent/Liter. Der Landwirt aus Bad Iburg, gleichzeitig Vorsitzender des Osnabrücker Landvolks und des Hauptverbands Osnabrücker Landvolk sowie Vizepräsident des Niedersächsischen Landvolkverbandes: „Unsere Arbeit wird damit nicht entlohnt“.

Die Folgen treffen insbesondere Landwirte, die im Wegfall der Mengenregulierung (lief am 1. April 2015 aus) eine Chance sahen. Das seien keinesfalls Glücksritter, sagt der Funktionär Schulte to Brinke, sondern Kollegen, die eine Entscheidung gefällt haben, um das Überleben ihres Betriebes im immer härteren Wettbewerb zu sichern.

Diese Entscheidungen sind nicht aus der Portokasse zu bezahlen. Für moderne Ställe sind hohe sechsstellige Euro-Beträge fällig, Melkroboter für etwa 80 Kühe sind nicht unter 100000 Euro zu haben. Bei einem Investment dieser Größenordnung können niedrige Milchpreise durchaus existenzbedrohend werden, beschreibt Schulte to Brinke, dem aber Schwarzmalerei fern ist.

Angesichts der Importzurückhaltung von China und Indien bei Milchpulver und des russischen Einfuhrstopps für europäische Milch, Fleisch und Gemüse einerseits und der weiter üppig fließenden Milchströme andererseits werden in der Agrarbranche Rufe nach einem EU-Eingriff laut. Die sogenannten Interventionslager, in die weltweit Milchpulver, Butter und Käse eingelagert werden können, stehen leer. Die Lager sollten leer bleiben, sagt Schulte to Brinke: „Die Einlagerung hat immer nur dem Einlagernden Geld gebracht, aber nicht den Bauern“.

Er schließt sich den Forderungen aus Teilen der Branche gen EU nicht an, Milchprodukte einzulagern, weil gefüllte Interventionslager ein unheilvolles Signal für Verhandlungen mit dem Lebensmitteleinzelhandel seien: „Er erkennt daran auch einen gewissen Vermarktungsdruck der Molkereien“. Das wiederum könne sich auf die Erlöse für die Milchproduzenten negativ auswirken. Der Milchbauer aus Bad Iburg hofft, dass der Milchpreis nicht weiter in den Keller geht: „Das wäre dramatisch“.

Auch die niedrigen Preise für Milchprodukte in den Kühlregalen ärgern ihn. „Darin drückt sich in keiner Weise Wertschätzung für den Erzeuger aus“. Niedrige Butter- und Milchpreise würden zwar den Verbraucher erfreuen, doch wenn Discounter sie von den Lieferanten erzwingen würden, sei dies nicht hinnehmbar. „Ich erhoffe mir eine stärkere Konzentration des Angebotes unserer genossenschaftlichen Molkereien, damit sie nicht gegeneinander ausgespielt werden und auf Augenhöhe mit den Branchenriesen des Einzelhandels verhandeln können“, sagt Schulte to Brinke. Der Lebensmitteleinzelhandel wird zu 85 Prozent von wenigen Branchenriesen (wie etwa Edeka, Rewe, Aldi, Lidl) dominiert.

Der Bad Iburger Milchbauer kann sich aber noch freuen. Gerade hat mit Kuh Dora ein weiteres Tier auf dem Hof die Lebensleistung von 100 000 Liter Milch erreicht – in zehn Jahren. Um diesen Wert zu erreichen hat sie durchschnittlich 50 Kilogramm Futter (Gras, Mais, Treber, Weizen und Körnermais) pro Tag gefressen. In zehn Jahren haben Albrecht und Markus Schulte to Brinke ihrer Dora statistisch gesehen 182500 Kilogramm Futter vorgesetzt.


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