Lebensmittelverordnung Kennzeichnungspflicht für Osnabrücker Allergiker ein Segen

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Für Kinder mit Lebensmittelallergien bieten viele Kitas und Schulen extra Menüs an. Archivfoto: dpaFür Kinder mit Lebensmittelallergien bieten viele Kitas und Schulen extra Menüs an. Archivfoto: dpa

Osnabrück/GMHütte/Dissen/Bissendorf. Seit Dezember müssen in Deutschland bei unverpackten Lebensmitteln alle Inhaltsstoffe angegeben werden. Für Hersteller und Gastronomen bedeutet die neue EU-Verordnung zusätzliche Arbeit – sie müssen nun für jedes Produkt eine Zutatenliste erstellen. Für Menschen mit einer Nahrungsmittelallergie ist die Kennzeichnungspflicht allerdings eine große Hilfe, so wie für Jan-Felix und Kristina Simon aus Osnabrück.

Ihr neunjähriger Sohn Hans Christian leidet an einer Erdnussallergie. Schon kleinste Mengen Erdnüsse können bei ihm fatale Folgen haben. Bereits kurz nach dem Verzehr setzen Symptome wie Erbrechen und Luftnot ein, unbehandelt führt die allergische Reaktion zu einem tödlichen Kreislaufversagen. Wie dramatisch eine solche Situation ist, mussten die Eltern bereits einmal miterleben. „Wir hatten eine Schokosoße mit Erdnüssen gemacht. Unser Sohn hat nur eine Messerspitze voll davon gegessen“, erinnert sich Jan-Felix Simon. Doch die Menge reichte aus, um bei Hans Christian eine schwere allergische Reaktion auszulösen. Die Ärzte klärten die damals nichts ahnenden Eltern über die Nahrungsmittelallergie ihres Sohnes auf.

Damit begann für die Familie eine einschneidende Umstellung ihrer Essgewohnheiten. „Zu den Vorsichtsmaßnahmen, die wir getroffen haben, gehört, dass wir nur Essen im Haus haben, das wir kennen. Bei jedem Lebensmittel, das wir einkaufen, prüfen wir die Inhaltsstoffe“, sagt Jan-Felix Simon. Sind die Eltern nicht sicher, was in Produkten verarbeitet ist, fragen sie bei den Herstellern nach.

Betriebe im Landkreis kritisieren neue EU-Lebensmittelverordnung

Einige Lebensmittelproduzenten wie beispielsweise die Bäckerei Brinkhege würden sehr offen und positiv mit dem Thema umgehen, betonen die Eltern. In den Bäckereifilialen können sich die Kunden zu den einzelnen Backwaren Bons ausdrucken lassen, auf denen alle Zutaten verzeichnet sind. Wer ausführlichere Informationen zu den Inhaltsstoffen haben möchte, kann sich von Betriebsleiter Valentin Kapust beraten lassen. In den den vergangenen Jahren hätten die Anfragen von Menschen mit Lebensmittelunverträglichkeiten zugenommen, sagt Kapust.

Eine Herausforderung für Familie Simon ist auch das Essen außerhalb der eigenen vier Wände, etwa in der Schule oder wenn Hans Christian Freunde besucht. „Das ist eine stetige kommunikative Aufgabe“, sagt Jan-Felix Simon. Er und seine Frau müssen immer wieder andere Eltern für die Allergie ihres Sohnes sensibilisieren, damit dieser nicht versehentlich Nahrungsmittel angeboten bekommt, in denen Erdnüsse verarbeitet sind.

Erfahrungen mit Kindern, die bestimmte Lebensmittel nicht vertragen, haben fast alle Schulen und Kitas im Landkreis Osnabrück. „Viele Menschen haben heute Lebensmittelunverträglichkeiten. Damit umzugehen ist mittlerweile Normalität“, sagt Ruth Latajka, Leiterin der AWO Kindertagesstätte Holzhausen. Die Einrichtung bietet jeden Tag ein warmes Mittagessen an, das ein Caterer aus Osnabrück liefert. Hat ein Kind eine Lebensmittelunverträglichkeit oder -allergie, bitten die Erzieherinnen die Eltern um eine Bescheinigung des Arztes, die sie an den Lieferanten weiterreichen. Die betroffenen Kinder bekommen dann ein speziell auf sie abgestimmtes Essen. Ähnlich läuft es an den Dissener Schulen. Eltern können sich dort bei Mensaleiterin Kerstin Raßfeld melden, wenn ihr Kind allergisch auf bestimmte Lebensmittel oder Inhaltsstoffe reagiert. Raßfeld achtet dann darauf, dass jedes Kind nur die Speisen bekommt, die es verträgt. Außerdem werden Eltern und Schüler auf den aushängenden Speiseplänen über die Menüzutaten informiert.

EU-Regel zu Lebensmitteln sorgt für Ärger

Familie Simon hat sich mittlerweile daran gewöhnt, bei jedem Lebensmittel auf die Inhaltsstoffe zu achten. Am Anfang sei das zwar sehr umständlich gewesen, jetzt aber Routine, sagt der Familienvater. Die Lebensmittelverordnung der EU erleichtert den Simons ihren Alltag beträchtlich. „Die Deklarationspflicht ist ein Segen für uns“, sagt Jan-Felix Simon. Dass mancher Lebensmittelhersteller und Gastronom über den Aufwand klagt, der mit der Kennzeichnungspflicht verbunden ist, kann er nur teilweise nachvollziehen. Schließlich seien Lebensmittelallergien kein Randphänomen mehr, sondern gesellschaftliche Realität. Außerdem sei die Deklaration von Produkten kein riesiger organisatorischer Akt.

Besonders ärgert Jan-Felix Simon, wenn Produzenten und Gastronomen sich aus der Verantwortung stehlen wollen. Etwa wenn sie auf Zutatenlisten und in Speisekarten vermerken, dass sie jede Haftung ausschließen. „Das ist keine besonders vertrauensbildende Maßnahme“, merkt der Familienvater an. Gegenteilige positive Beispiele hat die Familie aber auch schon erlebt. In den Restaurants, die sie öfter besucht, nehmen die Mitarbeiter gezielt Rücksicht auf Hans Christians Allergie. Wer die EU-Verordnung vernünftig umsetze, betreibe letztendlich auch Kundenbindung, ist sich Jan-Felix Simon sicher: „Wenn ich mich gut aufgehoben fühle, bin ich auch ein besserer Kunde.“


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