Bullen, Steuern und Messpunkte Triangulationsstein auf Dörenberg fast verschwunden



Bad Iburg. Lange Zeit fristeten sie weitgehend unbeachtet ihr Dasein – verwittert, vergessen, verschwunden. Mittlerweile ist nicht nur in Bad Iburg bekannt: Steine erzählen Geschichte(n). Einen zweiten Blick lohnen dabei nicht nur jene glücklichen Exemplare, die im Grenzsteinkreis einen neuen Platz gefunden haben. Auch auf dem Dörenberg berichtet ein Stein von längst vergangenen Zeiten.

Den Wanderern, die zum höchsten Punkt Bad Iburgs emporsteigen, erzählt er von Messungen und Mühsal. Selbstverständlich ist das nicht, weiß Joachim Vogelpohl, Grenzstein-Experte des Vereins für Orts- und Heimatkunde, der in seinem Buch „Grenzsteine erzählen Iburger Geschichte(n)“ dem 1,20 Meter hohen Stein ein eigenes Kapitel widmete. Denn die – gleichfalls schon alte – Nachbildung eines historischen Triangulationssteins lag bereits herausgerissen in einem nahen Gebüsch.

Doch während viele Artgenossen unwiederbringlich verschwunden sind, wurde die steinerne Markierung gerettet und wieder aufgerichtet. Das Original fand im Jahre 1830 im Zuge der „Königlich Hannoverschen Landesvermessung“ den Weg auf den Dörenberg. Insgesamt 20 Jahre währte die Vermessung des Königreichs Hannover, die von dem bekannten Mathematiker, Astronomen und Geodäten Carl Friedrich Gauß geleitet wurde.

Nicht die geografische Neugier trieb dabei die Arbeiten voran, die im Osnabrücker Land der Gauß-Sohn Joseph übernahm. Vielmehr diente die Vermessung der Erfassung aktueller Steuerdaten. Vom Großen zum Kleinen: Nach diesem Prinzip überzogen die Landvermesser das Königreich mit einem engen Netz aus Triangulations-Dreiecken. An die moderne Satellitengeodäsie dachte noch niemand. Um Entfernungen anhand von Winkelmessungen zu bestimmen, waren deshalb freie Sichtachsen nötig.

Kirch- oder Schlosstürme empfahlen sich dabei als Eckpunkte für die übergeordneten Messdreiecke. Doch das Iburger Schloss lag trotz seiner Anhöhe nicht hoch genug, um die nächsten Eckpunkte anzuvisieren. Joseph Gauß errichtete deshalb einen Messpunkt auf dem 331 Meter hohen Dörenberg. Der Originalstein verfügte über einen mit Teer getränkten Eichenpfahl zur Sicherung im Erdreich. Der eigentliche Triangulationsstein war ein achteckiger, mit weißer Ölfarbe angestrichener Messstein.

Doch schon um 1860 wurde das Original – wie auch ein Großteil der übrigen Hauptsteine – von Offizieren des Hannoverschen Generalstabes durch neue Sandsteinpfeiler ersetzt. Die eigentliche Vermessungsarbeit erleichterte zuvor der von Carl Friedrich Gauß erfundene Heliotrop, mit dem auch weit entfernte Messpunkte erfasst werden konnten, beträchtlich. Dennoch blieb die Tätigkeit der Landvermesser mühsam und zeitaufwändig.

Bei jeder Witterung kämpfte sich Gauß über mangelhaft befestigte Wege durch Feld, Flur und hinauf auf die Höhen des Teutoburger Waldes. Immer wieder mussten Schneisen in den Wald geschlagen werden, um freie Sichtachsen zu schaffen. Es fehlte an Hilfspersonal, die Übernachtungsmöglichkeiten war oft mehr als einfach. Und von einer herzlichen Aufnahme bei der einheimischen Bevölkerung konnte meist keine Rede sein.

Denn der Zweck der Vermessung war bestens bekannt. Und die Erhebung von Steuern löste schon vor 200 Jahren wenig Begeisterung aus. Die im Heimatjahrbuch für Osnabrück-Stadt und -Land von 1974 festgehaltene Anekdote um die „Bullenwiese“ mag sich deshalb so oder ähnlich durchaus abgespielt haben: Dem Landvermesser, der das Grundstück des Nachbarn einmessen will, verweigert ein Bauer unwirsch den Weg über sein Land. Von den amtlichen Dokumenten lässt er sich gar nicht beeindrucken.

Kurzerhand nimmt der Vermesser die vermeintliche Abkürzung über eine eingezäunte Wiese. Deren hornbewehrter Bewohner ist von der Störung allerdings nicht eben angetan. Vom wütenden Bullen verfolgt, ruft er den Bauern zu Hilfe. Der jedoch entgegnet nur lakonisch: „Nu wies em doch dine Papieren, wenn du menst, dat du partuh öwer de Bullenwiese gauhn moßt!“


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