Der Dresden-Pakt von Lahti Eine ungewöhnliche Wette zum Mauerfall

Von Bastian Klenke

Der Dresden-Pakt: Günter Adam wettete bereits 1988 auf den Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung.Foto: Michael GründelDer Dresden-Pakt: Günter Adam wettete bereits 1988 auf den Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung.Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Bereits ein Jahr vor dem Mauerfall schlossen zwei Geschäftsfreunde in Finnland eine ungewöhnliche Wette: Der eine war schon damals vom Ende der DDR und der Wiedervereinigung überzeugt – der andere zeigte sich skeptisch. „Ich bestell schon mal die Suppe!“ Mit diesem Satz und ohne seinen Namen vorab zu nennen, begann Bernd Pusch aus Rosenheim am 9. November 1989 kurz vor Mitternacht das Telefonat mit Günter Adam aus Bad Iburg im Landkreis Osnabrück. Adam wusste sofort, worum es ging. Er glaubte so fest an den Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung, dass er sich bereits 1988 zu einer Wette hinreißen ließ. Sein Einsatz: ein luxuriöses Essen im Jahr 2000 in Dresden!

In einer Zeit, in der die deutsche Wiedervereinigung lediglich als ein Hirngespinst unverbesserlicher Optimisten galt, hielt Günter Adam unerschütterlich an dieser Vorstellung fest. Sein Vertrauen in den Willen der Deutschen nach der Wiedervereinigung ging so weit, dass er bereits im Dezember 1988, ein Dreivierteljahr vor der ersten Montagsdemonstration in Leipzig , mit einem Freund aus Rosenheim die Wette dazu einging.

Adam, heute Kaufmann im Ruhestand, und Pusch trafen sich 1988 beruflich in Lahti, Finnland. Als die beiden abends mit weiteren Geschäftsfreunden ins Plaudern kamen, kam irgendwann das Thema auf die deutsche Frage. Optimist und Pessimist konnten sich nicht auf eine gemeinsame Position einigen, und so entstand die Idee zur Wette.

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Adam fuhr bereits seit 1970 regelmäßig geschäftlich nach Berlin und lernte auf seinen Fahrten durch die DDR, vor allem auf der Strecke vom Grenzübergang Helmstedt-Marienborn , immer wieder Menschen in Ost und West kennen. Er spürte gerade in Grenznähe immer wieder die Verbundenheit der Menschen und den unbedingten Wunsch nach einem geeinten Deutschland.

Daher war er im tiefsten Innern davon überzeugt, dass es möglich sein würde, im Jahr 2000 ohne irgendein Ausweisdokument von Westdeutschland nach Dresden zu fahren. Pusch dagegen hielt die Idee für grundsätzlich abwegig. Da Erich Honecker gerade erst die Auflockerung der Breschnew-Doktrin abgelehnt hatte, schwand die Hoffnung in der Politik und bei vielen Bürgern in West und Ost auf eine Annäherung beider Staaten.

Als Wetteinsatz vereinbarten die beiden ein Abendessen mit „köstlichem Essen und ausgezeichneten Getränken“. Als Zeugen in Lahti wurden die anwesenden Kollegen aus Österreich und den Niederlanden hinzugezogen. Alberto Galvan aus Bassano del Grappa in der italienischen Provinz Vicenza, diente in diesem Fall als Notar. Bei der Wetteinlösung sollten die drei ebenfalls zu den Gästen gehören. Damit die Vereinbarung für alle fünf Protagonisten gleichermaßen verständlich sein sollte, wurde der Pakt in englischer Sprache verfasst.

So wurde im Dezember 1988 der „Dresden Pact“ beschlossen.

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“:

Die Worte von Günter Schabowski, Mitglied im Politbüro der DDR-Staatspartei und seit dem 6. November 1989 offizieller Sprecher des obersten Gremiums im „Arbeiter- und Bauern-Staat“, in der Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 gingen um die Welt und kündigten die historische Öffnung der Mauer an. Noch in derselben Nacht bekam Günter Adam einen Anruf aus Rosenheim. Im späteren Verlauf schickte Pusch auch noch ein Fax mit dem Glückwunsch zur gewonnenen Wette.

Pusch ließ sich in der Folge nicht lumpen und reservierte für den 31. Dezember 1999 einen Tisch im Gewandhaus in Dresden. Die Reservierungsbestätigung sandte Pusch Adam als Beweis per Fax.

Als schließlich am 3. Oktober 1990 die deutsche Einheit zur Realität wurde, empfing Adam ein weiteres Fax von seinem Geschäftsfreund mit dem endgültigen Eingeständnis der verlorenen Wette. „Am heutigen Tag der Wiedervereinigung Deutschlands gestehe ich gerne ein“, so Pusch, „den in Finnland zwischen Günter und mir geschlossenen, von euch bezeugten und vom Notar beglaubigten „Dresden Pact“ vom Dezember 1988 einlösen zu müssen und zu einem ‚Dinner (delicious foods und distinguished drinks)‘ in einem Dresdner Restaurant einzuladen.“

Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Das Treffen am Silvesterabend sollte nicht stattfinden. Diverse Versuche einen gemeinsamen, früheren Termin zu finden schlugen fehl. Das Essen in Dresden hat daher bis heute nicht stattgefunden.