Klartext vor der Preisverleihung Reinhold Messner über Trenker und Trampelpfade

Von Stefanie Adomeit


Bad Iburg. Auf den ersten Dreitausender stieg er mit ganz kleinen Schritten – und nicht ganz freiwillig. Dafür mit Mama und Papa. Reinhold Messner war fünf. Im Gedächtnis blieb ihm nicht die Anstrengung des Aufstiegs. Die überwältigende Weitsicht vom Gipfel – und das Gefühl, nach dem Abstieg zum Gipfelkreuz hinaufzuschauen, prägten sich tief ein. Reinhold Messner ist ein Bergkind.

Als er jetzt, zierlich, im dezent dunkelgrauen Anzug fast unbemerkt vor der Verleihung des Courage-Preises im Bad Iburger Ratssaal schlendert, erinnert außer der typischen Löwenmähne und der Gesichtsbewaldung nur die bunte Ethno-Kette am Hals daran, dass hier ein Revoluzzer, ein Einzelgänger, ein Sperriger eintrifft.

Kann der Höhenzug des Teutoburger Waldes, fast schämt man sich, in Gegenwart des Achttausender-Bezwingers von Höhen zu sprechen, 450 Meter hoch, dafür 100 Kilometer lang, eine Wanderstrecke für ihn sein? „Ich wandere viel, im Gehen kann man einen Landstrich am besten kennenlernen“, findet Messner. Hoffnung für den Hermannsweg? „Na ich wandere schon dort, wo ich sowieso bin, meistens in meiner Heimat.“ Dort folgt Messner alten Wegen: „Das ist ein mit der Geschichte der Menschen verbundenes Spinnennetz. Ein Weg führt zur Mühle, einer zum Holzeinschlag, daraus erwächst ein Heimatgefühl. Fürs Autofahren ist der Mensch nicht gedacht.“ Jedenfalls, findet Messner, könne er dabei die Welt und ihre Dimension nicht erfassen. „Das geht nur als Fußgänger. Ich gehe die Wege und erarbeite mir so meine Heimat.“

Die liegt im Sommer auf Burg Juval, im Winter in Meran. Oder eben im Hochgebirge. „Ein Basislager ist Heimat auf Zeit.“ Nur die oft gehörte Rede vom Nanga Parbat als „Schicksalsberg“ ärgert ihn. „Das war eine Formulierung von Goebbels.“ Der habe in den 30er-Jahren junge Männer im Hakenkreuz-Hemd den 8125 Meter hohen Berg hinaufgejagt, mit heroischem Alpinismus den politischen Machtanspruch beschwören wollen. Das Ziel: die Nazi-Flagge auf dem Gipfel. Das Ergebnis: Lawinen begruben die Gipfelstürmer, im Schneesturm erfroren sie.

Gegen diesen „Der Berg ruft“-Alpinismus habe er sich schon mit 18 gewehrt, sagt Messner, und sein Blick wird härter. „Mir war damals schon klar, dass ich sagen muss, was ich denke. Das sehe ich als Zivilcourage an.“ Deshalb, findet Messner, hat er auch den Courage-Preis verdient .

Und deshalb hat er sich mit Luis Trenker angelegt, „dem eitelsten aller Bergsteiger“. Gleichzeitig einer ohne Hintern in der Kniebund-Buxe: „1939 sollten die Südtiroler entscheiden, ob sie zu Deutschland gehören und auswandern oder Italiener werden wollten“, erzählt Messner die Geschichte des Hitler-Mussolini-Abkommens, „eine Propagandaschlacht.“ Trenker habe sechsmal optiert, für Deutschland, für Italien, für Deutschland… „Goebbels hat ihm Druck gemacht“, dem gab Trenker nach – und lavierte zwischen den Regimen. Es gibt zu wenig Zivilcourage, findet Messner denn auch. „Dabei braucht es eine kritische Masse im Volk, Menschen mit dem Mut, Fragen stellen und eine eigene Meinung zu haben.“

Auf ganz eigene Art widersetzte sich übrigens Messners Vater der Italianisierung: „Wir Kinder haben alle Namen, die man nicht latinisieren kann“, grinst Messner. Die Anmeldung von Reinhold und Erich, Waltraud oder Siegfried beim Standesamt war wohlüberlegt.

Mit seiner Stiftung „Messner Mountain Foundation“ will er den Bergvölkern etwas zurückgeben, „ich hatte dort die schönste Zeit meines Lebens“, sagt der 70-Jährige. „Nicht der Berg, der Mensch steht im Mittelpunkt meines Tuns.“ Deshalb lässt der vierfache Vater Dörfer in Nepal, Wasserleitungen und Brücken bauen. Er bezahlt jungen Nepalesen das Studium. Und am Nanga Parbat steht dort, wo Mädchen gar nicht zur Schule gehen durften, heute eine Oberschule – nur für Mädchen.

Aber was ist mit der drohenden Ausbeutung der gigantischen Rohstoffvorkommen unter den Hochgebirgen? Die sei zu teuer, kritisch könne es für die Hochebenen werden, befürchtet er. Und der Klimawandel? „Natürlich müssten wir unseren Lebensstandard heruntersetzen. Aber ich fahre auch Auto und bin im Flugzeug nach Bad Iburg gekommen. Früher ging der Mensch in die Höhe, weil er etwas brauchte: Holz, Weide, Tiere. Das ist heute nicht mehr nötig. Deshalb sollten wir die Landschaft unterhalb der Berge nutzen und die Welt dort oben alleine lassen.“ Bergsteigen, formuliert er plakativ, sei eine Eroberung des Nutzlosen, erst recht, wenn es zur Massenbewegung werde. „Auf dem Trampelpfad anderer kann ich keine eigenen Erfahrungen machen.“

Wenn er vom Mount Everest erzählt, von den 500 Sherpas, die Pisten planieren, Brücken bauen, Leitern befestigen und riesige Lager aufstellen, versteht man, was er mit „dekadentem Alpinismus“ meint. „Kunden“ zahlten bis zu 120000 Dollar, um auf Biegen und Brechen auf den Mount Everest gehievt zu werden. Er erstieg ihn pur, ohne Sauerstoff, ohne Hilfsmittel – einfach zu Fuß.