Leidenschaftsloses Stelldichein Hirschkeule und Sarrazin: Zu Gast bei der AfD in Bad Iburg

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Thilo Sarrazin (links) mit dem AfD-Landesvorsitzenden Armin-Paul Hampel beim „Iburger Salon“. Foto: Swaantje HehmannThilo Sarrazin (links) mit dem AfD-Landesvorsitzenden Armin-Paul Hampel beim „Iburger Salon“. Foto: Swaantje Hehmann

Bad Iburg. Gerade war er uninteressant geworden. Nicht mal mehr linke Protestler haben sich auf den Weg zum Iburger Gasthof gemacht, um Thilo Sarrazin entgegenzutrillern. Nur 50 größtenteils ergraute Gäste blätterten beim „Iburger Salon“, einer Veranstaltung des AfD-Kreisverbands Osnabrück, 74 Euro hin, um den Politiker zu hören. Wie wird sich der Ewig-Umstrittene der SPD mit den Neu-Umstrittenen der AfD arrangieren? Eine Premiere.

Sarrazin ist so steif, dass er sich nicht einmal setzen kann. Und das, obwohl ihm die AfD einen Sessel hingestellt hat. Der 69-Jährige kündigt leidenschaftslos an, dass er jetzt das erzählt, was er immer erzählt, und verlangt nach einem Stehpult, das ihm keiner bringt. „Außerhalb des Wahlkampfes trete ich bei allen demokratischen Parteien auf“, tritt er Gerüchte nieder, er könne das neue Zugpferd der Alternative für Deutschland werden.

„Menschen scheuen sich heute, ihre Meinung offen zu sagen. Das ist schlecht“, eröffnet er sein Referat zum Buch „Der neue Tugendterror“ und erntet Applaus. Dann erklärt er, dass Dinge nicht gleichgemacht werden sollen, die nicht gleich sind. Die Medien, vertreten durch ein 15-köpfiges Rudel, sind für ihn Urheber allen Terrors, seine Gesprächspartner „oft einfach zu dumm“. Er selbst dagegen streift die ganze Palette einer grundsoliden Schulbuch-Bildung, nennt hier Rousseau, da Kant, stolpert über Engels, „den alten Schwerenöter“, und sorgt am Ende an jedem Tisch für mindestens einen Quotenschläfer mit Krawatte.

„Herr Sarrazin hat einen staubtrockenen Humor. Sodass es manchmal eines Wedels bedarf, um zu sehen, was dahintersteckt“, will AfD-Landesvorsitzender Armin-Paul Hampel die müden Geister wecken. Ein Wedel allein wird nicht reichen. Da muss schon ein Hampel her. Vielen noch als Südasien-Korrespondent der ARD bekannt, zieht er dynamisch durch den Abend und bricht jede Diskussion geschickt runter, bevor sie zu einer ideologischen werden kann.

„Ich habe mit Chefredakteurinnen zusammengearbeitet, habe homosexuelle Kollegen und Freunde – für mich war das selbstverständlich“, sagt er. „Ich muss mich nicht dazu bekennen.“ Nicht? Seine Partei, die Hampel zu einer „Bürgerbewegung“ runterspielt, positioniert sich längst. Frauen in traditionellen Rollen und Kritik an der Homo-Ehe gehören zur Programmatik. Ob Sarrazin in die AfD passe? „Nein, nein, er ist wunderbar in der SPD aufgehoben.“ Die AfD überspringe auch ohne ihn überall die Fünf-Prozent-Hürde, zeigt Hampel sich siegessicher.

Die zweistelligen Wahlerfolge in Brandenburg und Thüringen lassen auch Sarrazin nicht unberührt: „Ich habe mit Vergnügen die zuckenden Mundwinkel und die schlechte Laune bei den Etablierten und den Kommentatoren festgestellt.“ Jubel im Saal. Kein Grund aber, zur AfD zu wechseln. Sarrazin habe Genossen, die hinter ihm stehen – Peer Steinbrück, Klaus von Dohnanyi oder Helmut Schmidt – und eine Ehrenurkunde für 40 Jahre Mitgliedschaft. Es wäre „unsolidarisch“ zu gehen – ein Gruß in Richtung SPD-Spitze, die ihm den Parteiaustritt nahegelegt hatte.

Trotz allen Bemühens, das Treffen bei Wein und Klavierstücken in Dur leicht beschwingt zu halten, kommt die harte Gretchenfrage zum Nachtisch: „Ist die AfD eine rechte Partei?“, fragt ein Besucher. „Jetzt wird’s schwer“, sagt Sarrazin und schluckt Pudding und Kröte. „Alle Parteien haben einen unvermeidlichen Chaotenanteil“, weicht er aus. Seinen Claqueuren ist das willkommen. Nur dann, wenn die AfD sich gegen rechts abgrenze, habe sie eine Zukunft, teilte Sarrazin auf Nachfrage später mit.

Die, die hier sitzen, sind offenbar nicht die Springerstiefel-Träger, die jetzt als Nadelstreifen-Nazis mitmischen wollen. „Wir haben mit Nazis nichts zu tun“, sagt eine Dame. Hier sind die, die nach eigenen Angaben „schon immer konservativ“ waren, die, die sich „bei den Etablierten nicht wiederfinden“, die „auf die vox populi hören wollen, ohne selbst als rechtspopulistisch beschimpft zu werden“, die, die „Integration gut finden, wenn die Deutschen den Takt vorgeben“, die, die wissen, „dass nicht alle Ausländer schlecht sind“.

Die AfD habe etwas ganz Einfaches umgesetzt, erklären ihre Anhänger, die aus Münster, Tecklenburg, Dortmund oder den Niederlanden gekommen sind: „Die AfD traut sich, Dinge zu sagen, die andere nur denken.“ Jede Wahrheit brauche eben einen Mutigen, der sie ausspricht.


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