Wählen mit Durchblick Bad Iburger Realschüler schnuppern in die Lokalpolitik

In vielen Punkten dazugelernt: 15 Zehntklässler der Realschule Bad Iburg haben sich acht Monate lang intensiv dem Thema Kommunalpolitik gewidmet. Echte Ausschuss- und Ratssitzungen inklusive. Foto: Alexander HeimIn vielen Punkten dazugelernt: 15 Zehntklässler der Realschule Bad Iburg haben sich acht Monate lang intensiv dem Thema Kommunalpolitik gewidmet. Echte Ausschuss- und Ratssitzungen inklusive. Foto: Alexander Heim

Bad Iburg. Politik ist nicht spannend? Und die großen Räder werden ohnehin nur in Hannover, Berlin, Brüssel, Washington und Moskau gedreht? Das sehen die Zehntklässler der Realschule Bad Iburg, die an der AG Kommunalpolitik teilgenommen haben, ganz anders. Aufregerthemen inklusive.

Den Schülern die Möglichkeit zu geben, vor Ort einen Blick hinter die Kulissen zu erhaschen – das hat sich die Realschule seit mehr als zehn Jahren auf die Fahnen geschrieben. Politiklehrerin Anna-Maria Schmalen und SPD-Ratsfrau Annemarie Heine koordinieren das Projekt seither. Die vergangenen acht Monat haben sie nun den jüngsten Durchgang begleitet, der sich die Arbeit im Stadtparlament von nahem angeschaut hat. 

Stolz auf den elften Durchgang: Seit mehr als zehn Jahren führen Lehrerin Anna-Maria Schmalen (links) und Ratsfrau Annemarie Hein Zehntklässler der Realschule sehr konkret an die Kommunalpolitik heran. Foto: Alexander Heim


Erneut haben sich die Mädchen und Jungen des Jahrgangs zehn dabei den einzelnen im Rat vertretenen Fraktionen angeschlossen. Einige gingen zur CDU, andere zur SPD, manche debattierten mit den Grünen, eine vierte Gruppe schließlich mit der FDP. Fraktionstreffen gehörten ebenso zum Pflichtprogramm für die Jugendlichen wie Ausschuss- und Ratssitzungen. Darüber hinaus gab es Treffen mit Marion Bunten vom Bereich Planen und Bauen, Kämmerin und Haushaltsexpertin Monika Schnaars sowie mit dem Allgemeinen Vertreter der Bürgermeisterin Ulrich Ortmeier.

„Ich fand beeindruckend, wie nahe wir an der Grenze zu den roten Zahlen sind“, fasste Nicole ihre Eindrücke zusammen. „Ich hätte nicht erwartet, dass Bad Iburg so hohe Ausgaben hat“, pflichtete ihr Mitschüler Simon bei. „Ich habe immer gedacht: Die Stadt macht das schon. Ich hab jetzt gelernt, wie komplex das alles ist“, räumte Yannick ein.

Ein ganz besonderes Erlebnis brachte der Besuch bei Ulrich Ortmeier mit sich. Denn just an diesem Tage hatte der Allgemeine Vertreter der Bürgermeisterin spontan eine Lösung für eine Bürgerin zu finden, die von einer Räumungsklage bedroht war. Dass zudem das Thema Grundschule die Gemüter ganz schön erhitzen kann - auch das hatten die Schüler erfahren. „Das hatte auch was mit uns zu tun“, blickte Nicole zurück. Auch Lehrerin Anna-Maria Schmalen räumte ein: „Ich habe schon viele besondere Sitzungen erlebt. Aber mit so vielen Zuschauern, die bis in die Halle saßen - das habe auch ich noch nicht gesehen.“ „Mir ist aufgefallen, dass manche Leute im Rat eine kurze Zündschnur haben und nicht ruhig agieren können“, konnte Yannick dabei die Gesprächskultur im Rat - nicht nur bei dieser hitzigen Debatte - beobachten. „Das man mit Leidenschaft dabei ist - dagegen hab' ich ja nichts. Aber wenn das in leichte Aggression umschlägt...“ Dabei haben die Jugendlichen auch beobachtet, ob und inwieweit sich die Politiker vor Ort genau jener rhetorischen Mittel bedienen, die sonst im Deutschunterricht theoretisch daherkommen.

Abschlussrunde: Zum Ausgang der AG Kommunalpolitik ließen die 15 Schülerinnen und Schüler die vergangenen acht Monate Revue passieren. Foto: Alexander Heim


Die Arbeit in den Fraktionen - das fanden die meisten unter ihnen gut. Oft seien sie nach ihrer Meinung gefragt worden. Lediglich in konservativen Kreisen wurden die Zehntklässler nicht so richtig warm. „Wir haben zwei Mal den Haushaltsplan durchgesprochen“, erinnerte sich Tomke. „Aber die Politiker haben uns nie gefragt, was man für uns tun könnte.“

Die „ziemlich großen Zahlen“ haben die Schüler ebenso beeindruckt wie die Abläufe. „Es gibt so viele spezielle politische Begriffe“, hat etwa Philipp für sich aus dem Projekt mitgenommen „Man hat gemerkt, warum Entscheidungen so lange dauern“, bringt es Lasse auf den Punkt. Wie sie konkret in Sachen Grundschulen entschieden hätten? Eine einhellige Lösung haben sie da nicht parat, schwanken vielmehr zwischen drei Optionen. Würde sie mehrheitlich entscheiden, gäbe es eine neue Grundschule. Nur: wo?

Ob sie die AG Kommunalpolitik weiterempfehlen würden? Klares „Ja“ von allen Seiten. „Das ist auf gar keinen Fall verlorene Zeit“, findet etwa Ludwig: „Man weiß, wofür man wählt, wenn man später wählen geht.“ Dem konnte Mitschülerin Anne-Christin nur zustimmen: „Es ist gut, wenn man ein bisschen Ahnung hat und nicht irgendetwas wählt“, findet sie. Für Lasse ist klar: „Es ist wichtig, dass man sich ein bisschen mit der Politik auseinandersetzt.“ Marie allerdings schränkt ein: „Man muss dafür schon Zeit haben.“ Und dass, auch im Rahmen der AG, selbst zu Zeiten, zu denen für nicht ortsansässige  Schüler keine Busse mehr nach Hause fahren.

Einen anderen Verbesserungsvorschlag formulierte Yannick: „Es wäre auch gut gewesen, wenn sich ganz zu Anfang von jeder Partei ein Vertreter mal vorgestellt hätte.“ Das allerdings scheiterte daran, dass die Stadtvertreter vormittags arbeiten müssen.

„Ich würde mich freuen, wenn ihr politisch am Ball bleibt“, gab Anna Maria Schmalen den Teilnehmern des elften Durchgangs mit auf den Weg. „Diese Demokratie ist ein hohes Gut, mit dem wir pfleglich umgehen müssen.“


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