Nach Bildern aus Bad Iburg Schlachthof: Wie viel System steckt hinter der mutmaßlichen Tierqual?

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Foto: Michael GründelFoto: Michael Gründel 

Osnabrück. Am Ende steht immer der Tod. Die Fleisch essende Gesellschaft hat diese unangenehme Tatsache aus ihrem Blickfeld verdrängt. Im blinden Vertrauen darauf, dass die Tiere schon gut behandelt werden und ansonsten der Staat eingreift. Der Fall mutmaßlicher Tierquälerei auf einem Schlachthof in Bad Iburg erschüttert genau dieses Vertrauen. Die verstörenden Aufnahmen geben den Blick frei in einen Abgrund. Die Frage: Wie krank ist das System der Fleischproduktion?


Stunde um Stunde haben die Kameras gefilmt, was auf dem Schlachtbetrieb passiert. Heimlich aufgenommen von Tierrechtlern des Vereins „Soko Tierschutz“. Die Mitarbeiter, die Lieferanten, die Tierärzte fühlten sich offensichtlich unbeobachtet in ihrem Tun. Über einen Zeitraum von etwa einem Monat liegt Filmmaterial vor. Es zeigt geschundene, verletzte Tiere, die in ihren letzten Minuten leiden mussten, weil Menschen vermutlich gegen geltende Gesetze verstoßen haben.

Friedrich Mülln von der „Soko Tierschutz“ hat das Material ausgewertet. So etwas habe er noch nicht gesehen, sagt er. Und der Tierrechtler hat schon viele Missstände in Schlachthöfen dokumentiert. Auch Insider aus der Fleischbranche und Behördenvertreter sind schockiert. 

Hier stirbt kein Tier mehr

Der Fall Bad Iburg sticht hervor. Rechtlich ist zwar noch nichts geklärt, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Oldenburg dauern an. Die Beweislast war aber wohl auch für den Betreiber so erdrückend, dass er von sich aus die Reißleine zog. Sein Anwalt kündigte an, dass der Betrieb liquidiert wird.

Der Landkreis Osnabrück hatte von vorn herein keinen Zweifel an der Echtheit der Bilder. Die Aufsichtsbehörde legte den Schlachthof still. Erst befristet, dann bis auf Weiteres. Mit der Ankündigung des Geschäftsführers steht fest: Hier wird nie wieder ein Tier sterben.

Foto: Michael Gründel

Bis es so weit gekommen ist, mussten aber erst ungezählte andere Kühe mutmaßlich weit mehr leiden, als es die Gesetze erlauben. Bestätigen sich die Vorwürfe, dann war Bad Iburg Zentrum eines Systems, in dem allem Anschein nach nur eines zählte: Profit. Und etwas anderes ganz gewiss nicht: das Wohl der Tiere. Wie konnte das passieren?

Viele Bilder und Videos sind bereits gezeigt worden, die aus dem Schlachthof stammen sollen. Aber nicht alle. Unsere Redaktion hat weiteres Videomaterial der Tierrechtler eingesehen. Wir haben uns dagegen entschieden, es zu zeigen. Allein die Beschreibung soll an dieser Stelle genügen:

  • Im Bildvordergrund trennt ein Mitarbeiter die Gliedmaßen einer getöteten Kuh mit einem Beil ab. Im Hintergrund liegt ein offenbar nur wenige Tage altes Kalb auf dem Boden. Das Tier zuckt regelmäßig. Friedrich Mülln vermutet, dass es unzureichend betäubt wurde? Ein weiterer Mitarbeiter nimmt und tötet es.  
  • Ein Transporter fährt rückwärts an die Entladerampe heran. Wie so oft in den vielen Stunden, die die Kameras aufgezeichnet haben. Dieses Mal kommt aber nicht die Seilwinde zum Einsatz, mit der laut Tierrechtlern binnen eines Monats etwa 160 liegende Kühe in den Schlachthöfen gezogen worden sind. In diesem Fall greift ein Mann zur Mistforke. Er scheint bewusst auf das Gesicht des Tieres zu zielen. Immer und immer wieder sticht er zu, bis die Kuh den Anhänger verlässt.  
  • Eine Milchkuh poltert von einer Laderampe, zu schwach, um wieder aufzustehen. Das Tier fällt so ungünstig, dass ein Bein die Tür zum Schlachtraum blockiert. Ein Mitarbeiter versucht sie zu öffnen. Immer und immer wieder reißt er an der Tür, bis offensichtlich das Bein der Kuh nachgibt und bricht.  
  • Tiere werden schwer verletzt angeliefert. Bei einer Kuh hängt ein Hinterlauf wohl nur noch an Sehnen. Per Seilwinde wird das Tier vom Transporter geschleift. Im Hintergrund sind zwei weitere Kühe zu erkennen. Auch sie können offenbar nicht mehr stehen. Bei anderen Tieren ist gänzlich unklar, ob sie überhaupt noch leben.  
  • Ein mutmaßlicher Mitarbeiter des Schlachthofs steht auf einer am Boden liegenden Kuh und verteilt Stromstöße an die umstehenden Tiere. So treibt er die sichtlich abgemagerten Tiere in den Schlachtbereich.  
Foto: Soko Tierschutz

All diese Szenen sollen sich auf dem Schlachthof binnen eines Monats abgespielt haben. Die Auflistung ließe sich um weitere Beispiele fortsetzen. Auf den Betrieb fokussierte sich bislang die öffentliche Debatte um die mutmaßliche Tierquälerei. Auf den Geschäftsführer und auf die beiden Tierärzte, die im Auftrag des Landkreises Osnabrück die Schlachtung hätten überwachen sollen. Nebenberuflich für 39,58 Euro die Stunde. Gegen alle drei laufen Ermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft.

Die Systemfrage

Doch ist dieses System der mutmaßlich illegalen Schlachtung kranker, schwacher, verletzter und vielleicht schon länger toten Tiere nicht viel größer? Beginnt der mutmaßliche Skandal nicht schon viel früher – auf den Bauernhöfen? Und endet er nicht viel später – auf den Tellern der Republik? Die Antwort auf diese Fragen lautet meistens Schweigen.

Oder Ratlosigkeit. So wie bei Niedersachsens Bauernpräsident Albert Schulte to Brinke, selbst Milchviehhalter. Man sieht es ihm im Gespräch an.

Foto: Michael Gründel

Wenige Kilometer vom Schlachthof entfernt liegt sein Bauernhof. Schockiert sei er gewesen, als er die Aufnahmen aus dem Betrieb gesehen habe. „Das kann doch nicht wahr sein, habe ich gedacht.“

In den Schlachthof geschleift

Vermutlich schon. Wenn sich der Verdacht der Tierquälerei bestätigt, dann muss es Landwirte gegeben haben, die die Dienstleistungen des Schlachthofs ganz bewusst nutzten. Mehr als 160 Rinder sind laut Tierrechtlern per Seilwinde binnen eines Monats in den Schlachthof geschleift worden, weil sie offenbar nicht mehr selbst laufen konnten. Irgendwo in Deutschland müssen diese Tiere aber auch in einem vermutlich ebenso schlechten Zustand aufgeladen worden sein.

Dabei dürfte jeder Landwirt wissen, dass für Kühe ein Transportverbot gilt, wenn sie nicht mehr stehen können. Im Zweifel muss der Bauer seinen Hoftierarzt hinzuziehen. Ein Branchenkenner sagt, bei vielen der Tiere auf den Videos hätten die Veterinäre eigentlich einschreiten müssen. So offensichtlich seien die gesundheitlichen Probleme.

Foto: Soko Tierschutz

Die Kühe hätten direkt auf dem Hof getötet werden müssen, statt im Zweifelsfall über Stunden zu einem Schlachthof gefahren zu werden. Das System krankt also an mehreren Stellen: Die Bauern handelten falsch, die Tierärzte schritten nicht rechtzeitig ein. 

„Ein Grund mag die wirtschaftliche Abhängigkeit der Veterinäre von den Betrieben sein“, sagt der Branchenkenner. Vermasselt der Tierarzt dem Bauern das Geschäft und schaltet er sogar die amtlichen Stellen ein, ist er den Kunden womöglich los. Und so etwas spricht sich rum in der Branche. Eine andere These: Viele Milchbauern sind verschuldet nach den zurückliegenden Krisenjahren. Sparten sie also die Kosten für den Tierarzt?

Schweigen, überall Schweigen

Und was ist mit den Transporteuren? Sie hätten die Annahme der Tiere verweigern müssen statt sie mutmaßlich erst in den Anhänger hinein und später wieder hinunter zu quälen. Unsere Redaktion kontaktierte mehrere Unternehmen, die die Rinder in Bad Iburg angeliefert haben. 

Die Reaktionen waren immer ähnlich. „Kein Kommentar“, hieß es. In einem Fall waren Verantwortliche auf absehbare Zeit angeblich nicht zu sprechen. E-Mails blieben unbeantwortet, Telefonhörer wurden einfach aufgelegt.

Mindestens drei Beteiligte des Systems haben also bereits versagt, bevor die Tiere im Schlachthof ankamen – die wirtschaftseigenen Kontrollen nicht mitgezählt: der Bauer, der Tierarzt, der Transporteur. Gegen niemanden aus diesem Kreis wird bislang ermittelt, bestätigte die Staatsanwaltschaft Oldenburg. Ihnen im juristischen Sinne eine Schuld nachzuweisen, wird ohnehin schwer. Wie soll man gerichtsfest belegen, wann die Kuh tatsächlich nicht mehr laufen konnte?

Foto: Soko Tierschutz

Die Verantwortung der Lieferanten innerhalb dieses Systems ist dennoch offensichtlich. Aber es gab auch diejenigen, die das Fleisch kauften und damit die mutmaßliche Tierquälerei finanzierten.

Ein Großhändler aus Belgien machte seine Verbindungen nach Bad Iburg öffentlich, nachdem in den dortigen Medien über das „Horror-Schlachthaus“ berichtet wurde. Die Geschäftsbeziehungen seien gekappt worden, teilte der Betrieb schriftlich mit. 

Auf Nachfragen hieß es, man werde sich nicht weiter äußern. „Vielen Dank für das Verständnis.“ So bleibt unklar, warum ein Unternehmen aus Belgien Fleisch eines kleinen und weit entfernten Schlachthofs in Bad Iburg kaufte. Und was danach mit dem Fleisch geschah.

Fleisch als "halal" verkauft?

Auf dem deutschen Markt dürfte es das Unternehmen schwer gehabt haben. Denn es nahm nicht am wirtschaftseigenen QS-Kontrollsystem teil. Für viele Handelsketten ist das aber Voraussetzung. Und doch landete das Fleisch in Kühltheken von Supermärkten in Deutschland: Unterlagen weisen mindestens einen orientalischen Supermarkt in Hildesheim und einen in Osnabrück als Kunden aus.

Dort soll das Fleisch als „halal“ verkauft worden sein – also nach den Vorgaben des islamischen Rechts produziert. Ob der Schlachthof das tatsächlich getan hat, ist unklar. Eine Anfrage unserer Redaktion dazu blieb zunächst unbeantwortet. Die Qualität des Fleisches habe stets gestimmt, sagt der Ladenbesitzer aus Osnabrück. Und:

„Natürlich haben wir beim Einkauf auch auf den Preis geguckt.“

Mittlerweile untersuchen Labore das Fleisch aus Bad Iburg. Neben dem Tierqual-Vorwurf stehen auch mutmaßliche Hygiene-Verstöße im Raum. Die Ergebnisse der Prüfungen stehen noch aus. Es gibt Bilder aus dem Betrieb, auf denen zu erkennen ist, wie Angestellte mutmaßlich im Gebäude urinieren.

Klar ist in diesem Fall also bislang nur eins: Die Seilwinde in Bad Iburg steht vorläufig still. Aber gilt das auch für das System? Kranke und schwache Kühe gibt es nach wie vor. Wo enden sie jetzt?

Foto: Soko Tierschutz




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