Trauer in Bad Iburg Zum Tode Werner Kiupels: Der erste und größte Litauenfahrer

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Wegbereiter: Werner Kiupel, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2008, initiierte zunächst den Schüleraustausch und dann die Städtepartnerschaft zwischen Bad Iburg und dem litauischen Pagegiai. Foto: Archiv/Heinz SchlieheWegbereiter: Werner Kiupel, hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 2008, initiierte zunächst den Schüleraustausch und dann die Städtepartnerschaft zwischen Bad Iburg und dem litauischen Pagegiai. Foto: Archiv/Heinz Schliehe

Bad Iburg. Werner Kiupel, langjähriger Lehrer am Gymnasium Bad Iburg und Wegbereiter der Städtepartnerschaft mit dem litauischen Pagegiai, ist tot. Ein ganz persönlicher Nachruf auf einen Mann, der mit Herzblut und Tatkraft für die deutsch-litauische Freundschaft eintrat.

„In the town where I was born / lived a man called Mr. Kiupel”, sangen wir ausgelassen zur Melodie des Beatles-Klassikers “Yellow Submarine”, dabei waren vermutlich nur die wenigsten von uns wirklich in Bad Iburg geboren. Aber es sagt viel aus über diesen Lehrer, dass seine Schüler ihm ein Lied gedichtet haben, damals, bei der Litauenfahrt 1995. Wir feierten mit unseren Gastfamilien hinter dem Gymnasium in Pagegiai, und Werner Kiupel feierte mit, ein vergnügtes Grinsen auf dem Gesicht und eine tiefe Zufriedenheit ausstrahlend, als könne er sein Glück nach wie vor nicht fassen.

Mit vier Jahren im Klassenzimmer des Vaters

Als er so alt war wie wir in jenem Sommer, hatte Kiupel seine Heimat längst verloren. Am 9. März 1931 war er in Lompönen zur Welt gekommen, einem kleinen Ort im Memelland, einst Teil des alten Ostpreußens, 1919 im Zuge des Versailler Vertrages vom Deutschen Reich abgetrennt, seit 1923 von Litauen besetzt und verwaltet. Sein Vater, Lehrer in der einklassigen Dorfschule, sprach im Klassenzimmer Litauisch und im Wohnzimmer Deutsch, und wenn sein Sohn krank war, schickte er Schüler, die ihm etwas vorlesen sollten. Mit vier Jahren saß Werner regelmäßig im Klassenraum; schon vor der Einschulung konnte er lesen, schreiben und rechnen.

"Schmerzhaftes Ende einer unbeschwerten Jugend"

1939 holte Hitler das Memelland „heim ins Reich“, Kiupels Vater wurde eingezogen. Gebannt verfolgte sein Sohn fortan die Truppenbewegungen, doch mit der Uniform der „Deutschen Jugend“ in Tilsit, wo er inzwischen zur Schule ging, fremdelte er. Als 1944 die sowjetische Armee ins Baltikum vorrückte, flohen die Kiupels, zunächst nach Hinterpommern, dann, Anfang 1945, über die Oder ins Weserbergland. „Dies bedeutete das schmerzhafte Ende einer sonst freudvollen und unbeschwerten Jugendzeit im Memelland“, sollte Kiupel Jahrzehnte später einmal notieren, und jahrzehntelang glaubte er nicht, seine Heimat jemals wiederzusehen.

Seit 1962 in Bad Iburg

Er arrangierte sich in seiner neuen Heimat, studierte in Braunschweig Mathe und Physik, legte eine beachtliche Karriere als Fußballtorwart hin, wurde Lehrer, verliebte sich und heiratete. 1962 zog er mit seiner Frau Heidi nach Bad Iburg; an der Heimschule im dortigen Schloss, dem späteren Gymnasium Bad Iburg (GBI), hatte er eine Anstellung gefunden. Die Kiupels bauten ein Haus, abends kamen Schüler zum Helfen, nach getaner Arbeit tranken sie mit dem Lehrer ein Bier, und beinahe pünktlich zur Geburt der ersten Tochter war die Wohnung fertig, ein Jahr später kam die zweite Tochter zur Welt.

Neue Hoffnung dank Glasnost und Perestroika 

Erst Gorbatschow mit seiner Politik von Glasnost und Perestroika sollte in Kiupel wieder Hoffnung nähren, seine Heimat an der Memel doch noch wiederzusehen. 1990 erklärte Litauen als erster baltischer Staat seine Unabhängigkeit, am 13. Januar 1991 töteten sowjetische Soldaten 14 Demonstranten am Fernsehturm der Hauptstadt Vilnius. Doch die Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten: Nachdem im August der Militärputsch gescheitert war, verließen die russischen Truppen Vilnius, im September wurden Litauen, Lettland und Estland als souveräne Staaten in die Uno aufgenommen.

Nicht einmal ein Jahr später fuhr Ehepaar Kiupel mit einer deutschen Reisegruppe nach Tilsit, auch Werners Bruder und Schwester waren dabei. Vor dem Hotel erkannte eine frühere Mitschülerin die Geschwister und lud sie nach Lompönen ein, das mittlerweile Lumpenai hieß. Nach 48 Jahren kehrten die Kiupel-Geschwister zum elterlichen Schulhaus zurück.

Mehrere Klassensätze Taschenrechner 

Am nächsten Tag trat Werner Kiupel ins Büro von Juozas Zuklija, Schulleiter der weiterführenden Schule im Nachbarort Pagegiai. Die beiden vereinbarten einen Schüleraustausch an, beherzt und ohne zu zögern. Noch im gleichen Herbst schickte Kiupel mehrere Klassensätze Taschenrechner nach Pagegiai, in den Sommerferien 1993 folgten die ersten Schüler des GBI, mehr als 40 Litauer kamen zum Gegenbesuch.

Werner Kiupel war immer dabei, die geradezu selbstlose Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Litauer erwiderte er mit Respekt und Demut; Schulleiter Zuklija sollte ihn später als "lieben, unternehmungslustigen, hochintelligenten Mann" beschreiben. Schnell entstanden Freundschaften, zwischen Lehrern und zwischen Schülern, einige halten bis heute.

Ehrenamtliche Hilfe für Litauen: Werner Kiupel (Vierter von links) und seine Frau Heidi (vorne) bereiten im Mai 2017 den 171. Transport nach Pagegiai vor. Foto: Archiv/Rolf Habben

Hilfe für schwerkranke Schüler

Kiupel und einige Mitstreiter begannen, Hilfsgüter nach Pagegiai zu senden; in Kiupels Garage sammelten sich bald Rollatoren, Rollstühle, Kinderkleidung, Schultaschen und Spielsachen, die dann per Lkw über die Fährlinie Kiel-Klaipeda nach Litauen verfrachtet wurden. 1997 entstand daraus der gemeinnützige Verein "Litauenhilfe am Gymnasium Bad Iburg", der bis heute besteht; im Mai rollte der 173. Lastwagen. Schwer erkrankten litauischen Schülern vermittelte Kiupel Ärzte in Deutschland, immer wieder nahmen er und seine Frau Gäste auf. Auf den Weihnachtsmärkten in Iburg und Hagen verkauften Kiupel und seine Unterstützer fortan Apfelsinen zugunsten der Litauenhilfe.


Ein großer Tag: In Anwesenheit des litauischen Präsidenten Valdas Adamkus (Zweiter von links), Werner Kiupels (Mitte) und Hans-Gert Pöttering (Zweiter von rechts), seinerzeit Präsident des Europäischen Parlaments, besiegeln die Bürgermeister von Pagegiai und Bad Iburg, Kestas Komskis (links) und Drago Jurak, im März 2008 ihre Städtepartnerschaft. Foto: Archiv/Uwe Lewandowski

2008 endlich vereinbarten Bad Iburg und Pagegiai eine Städtepartnerschaft; Kiupel hatte jahrelang darauf hingearbeitet. Der Schüleraustausch war da längst eine Institution am GBI, die Fahrten fanden nun versetzt im Zweijahresrhythmus statt. Im Mai dieses Jahres feierte die Stadt Bad Iburg das zehnjährige Bestehen der Partnerschaft; es war zugleich das 25. Jubiläum des Schüleraustauschs. Auch Kiupel war zum Festakt im Schloss gekommen, erschöpft und von langer Krankheit gezeichnet saß er zwischen dem litauischen Botschafter aus Berlin und seinem alten Freund Juozas Zuklija. In jeder Rede fiel sein Name, der Bürgermeister von Pagegiai verlieh Kiupel einen Orden, es war nicht die erste Auszeichnung für seine Verdienste.

Im September soll das Jubiläum in Pagegiai gefeiert werden, natürlich war Kiupel eingeladen. Doch er wird fehlen: Am 15. August ist Werner Kiupel im Alter von 87 Jahren gestorben. Der erste und größte Iburger Litauenfahrer hat offene Türen und Herzen hinterlassen.


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