Hungrige Pullunderträger und Hofdamen Im Interview: Iburger Courage-Preis-Erfinder Gerd Schöwing

Von Stefanie Adomeit


Bad Iburg. In Bad Iburg kennt ihn jeder. Wenn nicht als engagierten Bürger mit nimmermüder Schaffenskraft, dann als Schuhhändler. Gerd Schöwing ist eine Gattung für sich. Vor 22 Jahren hat er den Courage-Preis ins Leben gerufen. Am 21. September erhält der 79-Jährige die Auszeichnung nun selbst für sein unermüdliches Engagement zum Wohle Bad Iburgs und im Oktober das Bundesverdienstkreuz.

Herr Schöwing, vor 22 Jahren haben Sie den Courage-Preis erfunden. Wie kamen Sie dazu?

Ich war zehn Jahre ehrenamtlicher Richter für Asylfragen am Oberverwaltungsgericht Lüneburg. Im Eingang hing ein Schild: Beweisen Sie Courage. Ein wichtiges Wort, das man kaum ins Deutsche übersetzen kann. Weil ich ein großer Freund guter Talkshows bin, dachte ich: Das müsste ich doch zusammenbringen können: Gespräch und Auszeichnung. Nach 20 Jahren als Kur- und Verkehrsvereins-Vorsitzender fand ich es an der Zeit für etwas Neues. So entstand das Komitee Courage. Bei der ersten Veranstaltung in der Schlossmühle war Kommunikationsberater Felix Osterheider dabei, der uns sehr geholfen hat. Prominentester Gesprächsgast war Springreiter Paul Schockemöhle, da war die Hütte mit 140 Gästen voll. Dabei wussten wir erst drei Tage vorher, wer Preisträger werden sollte. Es sollte ein Iburger sein. Da fiel mir Harry Jahns ein, der dabei war, die Schlosskonzerte zu einer überregionalen Veranstaltung zu machen. Nach der Verleihung fragte er mich: Ist das auch mit ein bisschen Preisgeld verbunden?

Das war noch nicht klar?

Überhaupt nicht. Aber weil die Veranstaltung so gut gelaufen war, haben wir uns abends zusammengesetzt und 1000 Mark ausgelobt, die Harry Jahns für sein Konzert bekam. Er war richtig stolz. Bald darauf kam Peter Doderer zum Komitee. Er brachte den Namen Jürgen Großmann ein, den ich als Gesprächspartner und nicht als Preisträger gedacht hatte. Einige Tage später rief eine Dame von der GMHütte an: Herr Großmann komme an dem Abend etwas später, zur Preisüberreichung sei er aber da. So wurde er unser zweiter Preisträger, was wir nie bereut haben.

Wen hatten Sie als Preisträger vorgesehen?

Ich bin nicht katholisch, aber ich habe ein echtes Vorbild: Bischof Bode. Er konnte aber nicht, weil im September immer Bischofskonferenz ist. Im Jahr danach haben wir die Verleihung für ihn einfach um eine Woche verschoben.

Dann kam Uschi Glas mit der Hospiz-Stiftung.

Und dann schlug jemand aus dem Osterheider-Team vor, Genscher zu fragen. Der lag für mich in weiter Ferne. Ich habe aber herausbekommen, wo er in Godesberg wohnte, ihn auf meine schmalzige Art und Weise angeschrieben – und lange nichts gehört. Eines Mittags ging das Telefon: Hier Genscher. Ich bin im Urlaub in der Schweiz. Bad Iburg habe ich noch nie gehört, was ist das für ein Ort? Nach ein paar Tagen hat er zugesagt: Er müsse Bad Iburg doch kennenlernen.

Auch wenn die Preisträger Iburg nicht kannten. Sie konnten jedem unbedarften Promi vom Schloss und dem Geburtsort der ersten preußischen Königin erzählen.

Das stimmt. Herr Genscher und seine Frau wurden dann um 11 Uhr in Osnabrück abgeholt. Gegen drei trug er sich ins Goldene Buch ein. Es war ein wunderschöner Tag, er saß dann mit seiner Frau auf einer Bank im Ulmenhof. Die Schmalzschnitten wurden serviert. Hubertus Rau sagte auf einmal: Guck mal, was der an Stullen verdrückt. Wir haben ihn dann gefragt, ob ihm unser cholesterinfreies Schmalz schmeckt. Ganz fantastisch, sagte er, aber wir seien ja ziemlich geizig. Seit dem Morgen habe er nichts zu essen bekommen. Daran hatten wir gar nicht gedacht. Während seiner Rede saß ich neben seiner Frau und dachte, oh, der hört gar nicht mehr auf. Da sagte Frau Genscher: Der hört noch lange nicht auf. Wenn er mit den Füßen scharrt wie ein Pferd, dann dauert es. Die Rede war sagenhaft –und im Raum war es mucksmäuschenstill.

Haben Sie Sabine Christiansen besser versorgt als Hans-Dietrich Genscher?

Aber sicher. Sie hatte nach unserer Anfrage erst mal Hans-Dietrich Genscher angerufen und sich erkundigt. Der sagte ihr: Wer Bad Iburg nicht kennt, kennt nicht die Welt.

Hier liegen zwei dicke Aktenordner mit Korrespondenz auf dem Tisch. Hatten Sie nie Sorge, dass Sie, wenn sich ein Preisträger nicht zurückmeldet, niemanden finden?

Preisträger zu finden war nicht schwer. Sabine Christiansen beispielsweise machte mich auf Dagmar Schipanski aufmerksam, die Präsidentin der Deutschen Krebshilfe. Sie und ihr Mann haben bis halb drei Uhr nachts auf dem Schloss getanzt und meinten: Nächstes Jahr kommen wir wieder, aber dann suchen Sie sich eine vernünftige Preisträgerin aus.

Auf Schipanski folgte 2003 Joachim Gauck.

Gauck war ein Chaot. Er hatte mündlich zugesagt, dann kam nichts mehr. Aber er erschien pünktlich im Trenchcoat. Mit Frau Schipanski und Christian Wulff ergab das eine fantastische Gesprächsrunde.

Zwei Jahre später wurde es international.

Mein Freund Peter Doderer mit seinen weltweiten Beziehungen meinte: Hab mal Mut. Und so zeichneten wir Gyula Horn aus, den früheren ungarischen Außenminister, der die Grenze zu Österreich 1989 mit geöffnet hatte. Ein kleines, unscheinbares Männchen, aber mit Herz und Humor.

Der Courage-Preis war aber schon auch Ihr persönliches Wunschkonzert. Wen Sie gut fanden, den luden Sie ein.

Ich habe mein Herzblut dareingesetzt und immer Glück gehabt. Wie mit Ulrike Folkerts und ihren Burundikids. Sie war ein Tipp von Klaus Lang, der auch die Laudatio gehalten hat – eine der bewegendsten. Frau Folkerts kam mit ihrer Lebensgefährtin und Freunden und verbrachte eine lange Nacht in Iburg.

Kann man das?

Na ja (lacht). – Dann folgte der großartige Richard Oetker und dann schon meine Silvia mit ihrer World Childhood Foundation.

Klingt ganz einfach.

Das war es nicht. Neun Jahre habe ich um Silvia gekämpft. Irgendwann erhielt ich einen Brief aus dem Palast von einem Herrn Lundgren, dass sie sich sehr freue und wir sehr gerne zu einer Tasse Kaffee ins Stockholmer Stadtschloss kommen und ihr den Preis übergeben dürften. Ich weiß nicht, welchen Schmus ich ihr daraufhin geschrieben habe. Die prompte Antwort war: Ihre Majestät komme im September auf einen privaten Besuch nach Bad Iburg. Leider sickerte das schnell durch – unser Fehler, sie kam ja privat. Dann erschienen Mitarbeiter der schwedischen Botschaft mit zwei großen Hunden.

Durchsuchten Rathaus und Schloss?

Alles, aber sehr dezent. Nur die Hunde fielen auf, das waren wirklich kleine Ponys. Nun waren die sanitären Anlagen oben im Schloss noch ein bisschen primitiv. Also wurden Sonderaufgaben eingeführt: Heiner Möller war zuständig fürs WC und musste auf Königin Silvia und ihre Hofdame Frau von Schwerin achten.

Frau von Schwerin wachte vor der Klotür?

Aber wie! Dann ging es zum Essen. Extra für die Königin gab es Krebssuppe. Alle aßen, nur die Königin plauderte mit mir über das Theater im Stockholmer Sommerschloss. Dann sollte abgeräumt werden. Nein, sagte die Königin, jetzt esse ich erst mal meine geliebte Krebssuppe, und trank die Suppentasse aus. Spätestens um halb zehn wollte sie eigentlich in ihr Osnabrücker Hotel zurück. Sie war aber um Mitternacht noch da, und die Hofdame hat sich auch eine tolle Nacht gemacht. Richard Oetker versorgte sie sehr gut mit Rotwein. Sehr sehr gut. Frau von Schwerin war höchst zufrieden. Nach Silvia kam Peter Maffay als Preisträger, auch mit ihm war es schön, bloß hat ihn sein Begleiter so an die Kandare genommen, dass er mit mir nicht mal mehr an der Theke ein Bier trinken durfte.

Wer war Ihnen der liebste Preisträger, die liebste Preisträgerin?

Meine Iris Berben. Am Flughafen hat sie mich sofort geherzt, als ob ich ihr Vater wäre. Das werde ich nie vergessen, so was Liebes. Die Frau hat so ein Herz. Nach der Laudatio kamen ihr die Tränen. Ich gab ihr ein Papiertaschentuch. Nun stand sie da und wusste nicht, wohin damit. Ich hab’s gesehen und es genommen. Sie war im Grunde die Einzige, die von Herzen überrascht über unser Programm war. Dann kam meine Marietta Slomka und zum Abschluss meiner Preisträger Uli Kasselmann, ein echter und würdiger Preisträger. Die Laudatio von Jürgen Großmann hat Bände gesprochen, es war so viel Herz darin.

Anschließend entließen Sie den Courage-Preis in die Volljährigkeit.

Ja, ich habe den Preis abgegeben und mit meinem Engagement pausiert, auch aus familiären Gründen. Doch dann habe ich gedacht, ich muss wieder etwas tun. Da lag die Inklusion nahe, denn der Glaube daran ist tief in mir verwurzelt. So kam es zum Forum Miteinander pro Region und dem Projekt Tegelwiese – Oase der Begegnung.


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