„Wir werden kaputt gespart“ Osnabrücker fordert bessere Berufssituation für Physiotherapeuten

Von Danina Esau

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Mit dem Hashtag #OhneMeinenPhysiotherapeuten traf Tim Maller einen Nerv. Foto: Jörn MartensMit dem Hashtag #OhneMeinenPhysiotherapeuten traf Tim Maller einen Nerv. Foto: Jörn Martens

des Osnabrück . Mit der Twitter-Kampagne #OhneMeinenPhysiotherapeuten möchte der Osnabrücker Tim Maller auf Missstände in seinem Berufsfeld aufmerksam machen. Es geht ihm darum, die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Die Idee für die Kampagne kam dem selbstständigen Physiotherapeuten, als die #MeToo-Debatte im vergangenen Jahr ihren Höhepunkt erreichte: „Ich habe gesehen, was ein Hashtag bewegen kann und wie eine Gesellschaft über einen Zustand aufgeklärt wurde, der vorher nicht klar zu sein schien“, sagt Maller. In einem Forum für Physiotherapeuten trug er seine Idee vor und traf auf große Zustimmung. Schnell fand sich ein Team, das sich um die Verbreitung und Vermarktung des Hashtags #OhneMeinenPhysiotherapeuten kümmerte und eine Petition startete.

Der Plan ging auf. Die Kampagne sorgt mittlerweile bundesweit für Aufsehen. Die Petition haben dato mehr als 180.000 Menschen unterschrieben, unter ihnen Prominente wie der Arzt und Entertainer Eckhart von Hirschhausen und Sänger Gil Ofarim. Auch Volleyball-Nationalspielerin Maren Fromm, Sänger Jürgen Milski und Schauspieler Christian Stock unterstützen die Kampagne: „Ohne meinen Physiotherapeuten könnte ich heute keine Filme, Serien und Werbespots drehen“, sagt zum Beispiel Stock.

Gesundheitsminister Jens Spahn reagierte auf den Aktionshashtag mit einem Video, das auf dem Twitter-Account des Bundesministeriums für Arbeit gepostet wurde: Er habe sich schon über einige Verbesserungen bezüglich der Vergütung und Ausbildung Gedanken gemacht und wolle sich nun mit den Verbandsvertretern beraten, sagt Spahn darin.

„Es hat sich jahrelang nichts getan. Jetzt ist endlich wieder Aufbruchsstimmung bemerkbar“, freut sich Maller. Schon lange seien die Bedingungen in der Physiotherapie und anderen Heilberufen fast unzumutbar: „Die Ausbildung kostet bis zu 15.000 Euro, hinzu kommen Lernmaterialien und Zertifikate, die nochmals 10.000 Euro verschlingen.“ Ohne die Zusatzzertifikate können wesentliche Therapieformen mit der Krankenkasse nicht abgerechnet werden. „Wichtige Zertifikate müssen Teil der Ausbildung werden“, verlangt Maller.

Nach der kostspieligen Ausbildung verdient ein Physiotherapeut lediglich um die 2300 Euro brutto im Monat. „Der Job ist sowohl körperlich als auch psychisch belastend und sollte dementsprechend vergütet werden. Stattdessen werden wir kaputt gespart“, sagt Maller, der neben der Physiotherapie ein Fitnessstudio betreibt. „Ich habe mir früh ein zweites Standbein aufgebaut. Sonst könnte ich es mir nicht leisten, in den Urlaub zu fahren.“

20 Minuten stünden einem Physiotherapeuten pro Patient zur Verfügung – inklusive Umkleiden, Befund und Dokumentation: „Wie soll ich eine wirksame Behandlung sicherstellen, wenn ich von Patient zu Patient hüpfen muss?“, fragt Maller. Mehr Behandlungszeit und eine Anhebung der Kassensätze seien für die Zukunft der Physiotherapie unabdingbar.

Aufgrund der schlechten Bedingungen entschieden sich immer weniger Menschen für eine Ausbildung in der Physiotherapie. Der Nachwuchsmangel resultiere längst in unbesetzten Stellen: „Es dauert im Durchschnitt 151 Tage, um einen Physiotherapeuten einzustellen“, sagt Maller. Laut einer Studie der Fresenius-Hochschule steigt jeder vierte Therapeut aus: „Viele meiner Kollegen sind so unzufrieden, dass sie sich beruflich neu orientieren.“

Maller fordert die Einführung von Bachelorstudiengängen in der Physiotherapie. Auch an dem Image des Berufs müsse sich einiges ändern: „Es ist nicht so, dass wir den ganzen Tag massieren. Wir helfen Patienten, die Bewegung- und Funktionsfähigkeiten ihres Körpers wieder herzustellen.“


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