Wortbesitz im Überfluss Nobelpreisträgerin Herta Müller zu Gast in Bad Iburg

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller im Gespräch mit dem Schriftstelller Ernest Wichner. Foto: Petra PieperLiteraturnobelpreisträgerin Herta Müller im Gespräch mit dem Schriftstelller Ernest Wichner. Foto: Petra Pieper

Bad Iburg. „Wahnsinnig große Freude“, Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu einer Lesung im Gymnasium Bad Iburg begrüßen zu dürfen, bekundete der ehemalige Präsident des Europaparlaments und Europabeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung, Hans-Gert Pöttering, Bürgermeisterin Annette Niermann war „glücklich und stolz“, den illustren Gast willkommen zu heißen. Und Schulleiterin Christiane Schneider rühmte die Qualität von Müllers „widerständischen Texten“, in denen sich, indem man sich an ihnen stoße, die Wirkmächtigkeit von Literatur erweise. Die sehr gut besuchte Veranstaltung geriet zu einem Glanzpunkt in einem an besonderen Events reichen Landesgartenschau-Jahr.

Fast zwei Stunden lang widmete sich die Nobelpreisträgerin von 2009 dem aufmerksamen Publikum, darunter viele Schüler des Gymnasiums. Im Gespräch mit Ernest Wichner, dem Leiter des Literaturhauses Berlin, und in Lesungen aus verschiedenen Werken gab sie Einblick in erzählte Lebens- und Sprachwelten, die sich dem Zuhörer/Leser als „Landschaften der Heimatlosigkeit“, als „Zeugnisse der Angstüberwindung“ einprägten.

In Rumänien aufgewachsen

Die im rumänischen Banat als Mitglied der deutschen Minderheit aufgewachsene Schriftstellerin hat eine ihr eigene, unverwechselbare Sprache entwickelt, in der Prosa, verstanden sowohl als Lebenswirklichkeit wie als literarische Grundform, zur Poesie wird. Als gedanklich versonnenes, sprachsensibles Kind, das oftmals allein zum Hüten der Kühe in ein stilles Tal geschickt wurde, entwickelte sie einen Hang zur mystisch-magischen Poetisierung alles Wahrgenommenen.

Atemzüge wie Glaskügelchen aufgereiht

Das Kind versucht, sich durch den Verzehr von Pflanzen der Natur anzugleichen, spiegelt sich in den traurigen Augen der Kühe und erfindet als Maß für die Länge des menschlichen Lebens die „Atemkette“, die alle Atemzüge wie Glaskügelchen aufreiht „vom Mund bis zum Friedhof. Dann stirbt man“. So heißt es in „Mein Vaterland war ein Apfelkern“, jenem 2014 veröffentlichten „Gespräch“ mit der Journalistin Angelika Klammer, in dem Herta Müller ihre Kindheit reflektiert, die stark von den Folgen des Krieges, vom Schicksal der Heimgekehrten und Deportierten geprägt war. „Es gab Indizien, die ich nicht deuten konnte, aber ich habe das Unglück der Menschen gespürt, auch wenn ich nicht wusste, was ‚Lager‘ heißt, wie sich ‚chronischer Hunger‘ anfühlt oder dass es beim Kahlscheren darum geht, dem Menschen die Würde zu nehmen.“

Unter stalinistischer Diktatur

Das Thema ließ Herta Müller nicht los. In ihrem 2009 erschienenen Roman „Atemschaukel“ verarbeitet sie die Erlebnisse des 2006 verstorbenen rumäniendeutschen Schriftstellers Oskar Pastior, der, wie ihre Mutter, unter der stalinistischen Diktatur in ein Arbeitslager verbannt worden war. Ihre Mutter habe nicht darüber sprechen können, der Schriftsteller hingegen schon. „Wenn man Sprache hat, erlebt man die Dinge anders“, so Müller. Und auch im Prozess des Schreibens verändere sich das Erlebte nochmals. Eigentlich wolle „das Leben nicht aufgeschrieben werden“, aber das einmal angefangene Buch sei gnadenlos fordernd und die literarische Einbildungskraft entwickle eine Eigendynamik, das Darzustellende bilde sich beim Schreiben heraus. Und so legt sie dem Icherzähler Sätze in den Mund wie „Mein Hunger saß wie ein Hund vor dem Teller und fraß“ oder – über ein als Trost geschenktes Batisttuch – „Das Taschentuch war der einzige Mensch“.

Zuletzt veröffentlichte Müller vier Bände mit Sprach-Bild-Kollagen wie diejenige, die als Präsentation den Bühnenhintergrund bildete: „Und in der ersten Person singular wohnt der durchsichtige Narr,“

Den Iburger Schülern war diese Form sprachproduktiver Anverwandlung Anlass zu eigenen poetischen Übungen im Unterricht gewesen.


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