Mit Rollstuhl und Simulationsbrille Immer dienstags: Inklusionsparcours auf der Landesgartenschau

Von Anke Herbers-Gehrs


ahg Bad Iburg. Das Wochenende stand bei der Landesgartenschau im Zeichen der Inklusion. Den Auftakt machte am Samstag die Eröffnung des neuen Inklusionsparcours durch die niedersächsische Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen Petra Wontorra und Iburgs Bürgermeisterin Annette Niermann.

Der Inklusionsparcours ermöglicht, sich in die Schwierigkeiten einzufühlen, die Rollstuhlfahrer, Blinde und Gehörlose im Alltag bewältigen müssen. Jeder kann ausprobieren, wie es ist, mit einem Rollstuhl eine Bordsteinkante hochzufahren, eine Tür zu öffnen und, noch schwieriger, wieder zu schließen, den Rollstuhl über groben Kies zu manövrieren oder mit Blindenstock und geschwärzter Brille eine Ampel zu finden. Zehn Stationen hat der Parcours, und jeden Dienstag wird er auf der Giro-Live Bühne am Charlottensee aufgebaut. Einmal pro Woche, dienstags, soll auf der Landesgartenschau Inklusion erlebbar werden, mit Veranstaltungen wie „Barrierefreies Gärtnern“ oder der Vorstellung verschiedener Gruppen.

Zwölf Monate Arbeit

Die Anschaffung des Parcours wurde durch den gemeinschaftlichen Einsatz vieler Beteiligter unter Federführung von Petra Mathiske möglich, unter anderem Vorsitzende des Behindertenforums Osnabrück. „Zwölf Monate Arbeit – jetzt fällt mir ein Mount Everest vom Herzen“, sagte sie in ihrer Eingangsrede und dankte allen Mitstreitern, von den Behindertenbeiräten der Städte Osnabrück und Georgsmarienhütte und des Landkreises über den Blindenverband Niedersachsen bis zur Sparkasse Osnabrück, für die Ingo Brinkmann einen symbolischen Scheck mit einer Spende von 6000 Euro überreichte. Großer Dank ging auch an Bad Iburgs Bürgermeisterin Annette Niermann und Ursula Stecker, der Geschäftsführerin der Landesgartenschau, bei denen das Thema Inklusion auf offene Ohren gestoßen war. Annette Niermann kennt die Problematik aus der eigenen Familie, da ihr Vater im Rollstuhl sitzt, wie sie in ihrer Rede sagte. Die Landesgartenschau ist für Iburgs Bürgermeisterin erst der Anfang, „ein Auftakt, städtebaulich anders zu denken“. Ihr Ziel ist es, die Stadt Bad Iburg trotz ihrer bergigen Topographie für alle erlebbar zu machen – „alles inklusive“.

Auch Ursula Stecker verbindet persönliche Erfahrungen mit dem Thema, ihr Großvater war kriegsblind. Dennoch eröffnete er eine Bäckerei. „Wir Kinder lernten schnell, dass wir alles wegräumen müssen, sonst könnte er darüber fallen“, schilderte sie ihre Erlbnissse in ihrem Grußwort.

„Das geht nicht“

„Barrierefreie Landesgartenschau? Das geht nicht“, so hieß es 2015 beim Amtsantritt von Petra Wontorra, der niedersächsischen Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderungen. Als dann die Einladung kam, in Bad Iburg bei der Auftaktveranstaltung zum Thema Inklusion zu sprechen, hat sie gerne zugesagt: „ Hier hat die Kraft aus der Kommune etwas bewirkt, was das Land für unmöglich hielt.“ Großes Lob zollte sie dem barrierefreien Baumwipfelpfad, der durch den Fahrstuhl auch für Rollstuhlfahrer erlebbar ist. „Barrierefreiheit kann auch sexy sein“, so Petra Wontarra, und als Beispiel führte sie die ebenerdigen Duschen an, die heute in Neubauten die Regel sind.

Sie gab Einblick in die aktuelle Arbeit zum Thema Inklusion auf Landesebene, von der neuen Landesbauordnung über die EU-Richtlinie zur digitalen Barrierefreiheit öffentlicher Webseiten und Apps bis zum nächsten Aktionsplan Inklusion, der zurzeit mit dem Landesbehindertenbeirat abgestimmt wird. Ein Wermutstropfen ist für sie die Inklusion in der Schule: „Dass die Förderschule noch zehn Jahre weiterbetrieben wird, haben wir leider nicht vom Tisch gekriegt.“

Gebärdendolmetscherin

Alle Reden wurden von einer Gebärdendolmetscherin für die Gehörlosen unter den Zuschauern übersetzt. Im Anschluss konnte man dann den Parcours ausprobieren, an den Ständen mit Simulationsbrillen verschiedene Sehbehinderungen am eigenen Leib erfahren oder sich an den Infosäulen der Wanderausstellung „Ohne Angst verschieden sein“ des Sozialverbandes Deutschland über Behinderung und Inklusion informieren. Außerdem gab es Vorführungen mit Blindenhunden, Tanz und Tai-Chi. Mehr aus Bad Iburg im Netz