Burkhard Spinnen: „Letzte Fassade“ Durch die Augen der Dementen: Lesung im Iburger Rittersaal

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Bad Iburg. Der vielfach ausgezeichnete Münsteraner Autor Burkhard Spinnen las jetzt im Bad Iburger Schloss aus seinem Buch „Die letzte Fassade“. Das autobiografische Buch handelt von der Demenz der Mutter und dem Scheitern des Sohnes am Versuch, einen Umgang damit zu finden.

NOZ-Redakteurin Stefanie Adomeit moderierte den Abend und stellte den Autor vor, differenziert und humorvoll. Burkhard Spinnen wurde in Mönchengladbach geboren, heute lebt er als freier Schriftsteller in Münster. 30 Bücher verschiedener Genres hat der 61-Jährige verfasst, Kinderbücher, Romane und die Geschichte eines Unternehmers, er tauschte sich mit einem Siemens-Manager über den Jargon der Wirtschaft aus, Stichwort „Gut aufgestellt“, schreibt Rezensionen und Glossen.

Dass seine Werke „quasi gespickt sind mit Literaturpreisen“, Spinnen Mitglied des PEN ist und Jury-Vorsitzender des Ingeborg-Bachmann-Preises war, mache ihn zum echten Großliteraten, befand Adomeit, der aber nicht im Elfenbeinturm sitze, sondern in Münster-Albachten und auch Fenster putzen könne, wie ihr zugetragen worden sei.

„So ist auch seine Literatur. Es ist Literatur mit wirklichem Hintergrund, feinem Humor und überraschenden Pointen. Burkhard Spinnen schreibt nicht über Weltbewegendes, vor allem aber nicht über Weltfernes. Sondern über das, was jedem zustoßen kann.“ Das gelte ganz besonders für das Buch, aus dem er in Bad Iburg las. Sein Thema habe sich Spinnen wahrlich nicht selbst ausgesucht. „Die letzte Fassade: Wie meine Mutter dement wurde“ beginne mit den Worten „Liebe Mama“ und ende mit einer „Flucht, für die ich mich schäme“.

Auch die Kinder sind verwirrt

Anrührend, ehrlich, manchmal brutal sei das Buch, berichtete Adomeit, aber, zitierte sie Spinnen, „das Aussprechen der Wahrheit wirkt lindernd“. Und so spreche der Autor Wahrheiten schonungslos aus, über die Betroffenen und ihre Kinder, die gleichermaßen verwirrt, orientierungslos und ratlos auf die Demenz reagierten.

Ohne Vorrede stieg Burkhard Spinnen in seinen Text ein. „Wofür hat man denn Kinder?“ Mit der rhetorischen Frage pocht die erkrankte 89-Jährige auf Pflege durch den Sohn, nachdem sie spürt, dass ihr Leben nicht mehr ist, wie es war, sie von Panikattacken und dem Unvermögen, den Alltag zu gestalten, geplagt wird.

Für sich kann der Autor die Frage nur negativ beantworten: Er ist durch nichts verpflichtet, seine eigene Existenz aufzugeben, um nur noch der Mutter beizustehen: „Man schenkt nicht das Leben, um es irgendwann zurückzufordern.“ Trotz der Einsicht bleibt ein Gefühl der Unzulänglichkeit. „Es ist eine vermessene Forderung, die einen wunden Punkt berührt.“

„Das Vergessen ist ein Affront“

Das langsame Schwinden der geistigen Fähigkeiten der Mutter und ihre Verzweiflung darüber beobachtet Burkhard Spinnen präzise und analysiert mit psychologischer Tiefenschärfe. So schafft er es, die Zuhörer durch die Augen der Dementen auf ihr Dilemma blicken zu lassen. Zwischen dem noch erinnerten, funktionierenden Selbst und dem hilflosen Rest davon herrscht eine Diskrepanz, die die Betroffene spürt, aber nicht begreifen kann.

Dazu kommen die Schwierigkeiten des Sohnes, die Auswirkungen der Krankheit nicht persönlich zu nehmen: vor allem die Vergesslichkeit, die nicht wie bei Gesunden ein Zeichen von Gleichgültigkeit ist. Aber das Wissen darum nützt nichts, oder nur wenig: „Das Vergessen ist ein Affront“, schreibt Spinnen. Er kann nicht anders, als sich beleidigt zu fühlen, wenn seine Mutter ihre Enkel, seine Söhne, vollständig vergisst. Und trotzdem tut er weiter, was er kann. Nach einem schier endlosen Gespräch im Heimzimmer wendet er sich erschöpft zum Gehen. Als er die Tür öffnet, ruft ihn die Mutter zurück. Sie erinnert sich schon nicht an das Besprochene. Er geht zurück und setzt sich wieder: „Der Abend beginnt von vorn.“

Wortfindungsschwierigkeiten machen nervös

Stefanie Adomeit dankte im Anschluss für „die beeindruckende, konzentrierte und leise Lesung. Man möchte jetzt eigentlich schweigen und nachhören.“ Aber das musste warten, denn natürlich sollten die Gäste die Gelegenheit zum Gespräch mit dem Autor bekommen. Sein Buch sei kein Ratgeber, betonte der, aber das Thema bringe mit sich, dass viele Betroffene zu den Lesungen kämen, also vor allem Angehörige von Erkrankten: „Die Gespräche mit dem Publikum sind für mich zur Selbsthilfegruppe geworden.“

Ein Fragesteller wollte wissen, ob sich an Spinnens Leben etwas geändert habe durch die Erfahrungen während des langjährigen Leidens der Mutter, die schließlich 95-jährig verstarb. Denn die Iburger Lesung war für Spinnen eine besondere: die erste nach dem Tod seiner Mutter vor zwei Monaten.

Wie intensiv die Erfahrungen der vergangenen Jahre ihn geprägt haben, schilderte er anhand seiner aktuellen Gefühlslage: Wie leichte Wortfindungsschwierigkeiten ihn nervös machen. Wie er Schlüssel und Portemonnaie immer an exakt derselben Stelle ablegt, um das abgründige Gefühl zu vermeiden, das ihn beschleicht, wenn er nicht weiß, wo seine Sachen sind. Lebhaft und anschaulich ist das beschrieben, mit nicht wenig Selbstironie.

Äußerst eloquent

Überhaupt zeigte sich der Autor äußerst eloquent und sprach auch dann druckreif, wenn er nicht las, sondern die gelesenen Passagen erläuterte oder Fragen beantwortete. Der überaus feinsinnige Vortrag lud dazu ein, den Gedanken in allen Bahnen zu folgen, was das Publikum augenscheinlich auch tat. Auf Einladung der Gastgeber von den Lions-Clubs im Osnabrücker Land verweilten viele Besucher im Anschluss noch und nutzten auch die Gelegenheit, Burkhard Spinnen am Büchertisch zu treffen. Die Hälfte des Eintrittsgeldes geht als Spende an den ambulanten Kinderhospizdienst Osnabrück.


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