Wann ist das Kindeswohl gefährdet? Fortbildung des Netzwerks „Frühe Hilfen“ in Bad Iburg

Von Petra Pieper

Thema Kindeswohlgefährdung: (von links) Annemarie Schmidt-Remme, Anja Prante, Irene Wellmann und Anja Plaßmeyer organisierten eine Fortbildungsveranstaltung für Profis. Foto: Petra PieperThema Kindeswohlgefährdung: (von links) Annemarie Schmidt-Remme, Anja Prante, Irene Wellmann und Anja Plaßmeyer organisierten eine Fortbildungsveranstaltung für Profis. Foto: Petra Pieper

Bad Iburg. Das Thema Kinderschutz stand im Zentrum einer großen Fortbildungsveranstaltung, zu der sich auf Einladung des Netzwerks „Frühe Hilfen“ rund 80 Fachleute aus dem Südkreis in der Realschule Bad Iburg trafen.

„Kinderschutz geht uns alle an“, begrüßte Irene Wellmann, Gleichstellungsbeauftragte und Leiterin des Familienservicebüros Bad Iburg, die Gäste. Im Plenum saßen Familienhebammen, Erzieherinnen aus Krippen und Kindergärten, Tagesmütter, Lehrer, Ärzte, Mitarbeiter des Jugendamts und andere, die beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern zu tun haben. Seit zwei Jahren ist die Stadt Mitglied im Netzwerk „Frühe Hilfen“, das werdende Eltern und Eltern mit Kindern bis zu drei Jahren in der Förderung einer gesunden Entwicklung ihrer Kinder unterstützt.

Kinderschutz für jedes Alter

Die Fortbildung zum Thema Kinderschutz umfasste allerdings nicht nur Kleinkinder, sondern auch ältere Kinder und Jugendliche. In jeder dieser Altersgruppe kann es vorkommen, dass das Wohl eines Kindes gefährdet ist. „Wie erkenne ich das, wie kann ich mir da sicher sein und was ist zu tun?“ seien die Fragen, mit denen Verantwortliche sich dann auseinandersetzen, so Anja Plaßmeyer vom Fachdienst Erziehungs- und Beratungshilfen des Landkreises.

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Absolute Sicherheit gebe es nicht, da der Gesetzgeber zwar einen Schutzauftrag formuliere (Sozialgesetzbuch VIII), aber keine klar definierten Tatbestände nenne. Das Jugendamt – nach Möglichkeit in Zusammenarbeit mit dem Kind/Jugendlichen und seinen Sorgeberechtigten – sei aufgefordert, bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung das Gefährdungsrisiko abzuschätzen und Hilfen zur Beseitigung der Gefährdung anzubieten. In der Realität, so Plaßmeyer, gebe es viele Gefahren, denen Kinder ausgesetzt sein können: körperliche Misshandlungen, psychische Schädigung (indem zum Beispiel die Eltern „als Strafe“ nicht mit dem Kind sprechen), sexueller Missbrauch, Vernachlässigung oder häusliche Gewalt unter den Eltern.

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Praxisorientierung

Mit einer praxisorientierten Herangehensweise an das Thema sollten die Teilnehmer – so das Konzept der Veranstalter – „mehr Handlungssicherheit“ in Verdachtsfällen erwerben. Annemarie Schmidt-Remme, Koordinatorin „Frühe Hilfen“ für den Landkreis Osnabrück, forderte die Anwesenden auf, am „Fall Pippi Langstrumpf“ zu entscheiden, ob Risiken vorhanden seien, die Anlass gäben, sich an das Jugendamt oder den Kinderschutzbund zu wenden.

Nur wenige der Anwesenden würden das trotz erkannter Vernachlässigung oder mangelnde Schulbildung tatsächlich tun. Irene Wellmann plädierte dennoch dafür, dass sich Verantwortliche „lieber einmal mehr als einmal zu wenig beraten lassen“ sollten. Es gehe nicht um Repressalien, sondern darum, Eltern Hilfen anzubieten.

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Live-Demonstration

Das vorgestellte Handlungskonzept sieht unter anderem Beratung durch Fachkräfte vor. Diplom-Psychologin Anja Prante vom Kinderschutzzentrum Osnabrück zählt zu ihnen. Sie demonstrierte den Anwesenden „live“, wie eine Beratung ablaufen kann. Dazu wurde ihr ein Fall aus einer auswärtigen Kita mitgeteilt, den sie vorher nicht kannte.

Diese Live-Beratung habe die Teilnehmer überzeugt und mögliche Schwellenängste reduziert, resümierte Wellmann. Die Fortbildungsveranstaltung habe den Teilnehmern Beurteilungskriterien und insgesamt mehr Sicherheit im Umgang mit dem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung gebracht.

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