Ein Artikel der Redaktion

Im Frühling schießt der Wald ins Kraut Genussvolle Kräuterwanderung am Teutoburger Wald

Von Dr. Stefanie Adomeit | 08.04.2016, 20:18 Uhr

Mit Angelika Adam durch den Teutoburger Wald zu wandern verwandelt unbedarfte Kräuter-Laien in sehende und schmeckende Entdecker. Schon mal eine Gierschonade probiert? Der Trunk aus dem vermeintlichen Unkraut schmeckt überraschend anders, aber richtig gut.

Obwohl ein heißer Tee jetzt passender wäre: Es ist Freitagmorgen, 10 Uhr, sieben Grad, ein eisiger Wind drückt von Süden auf den Waldrand: für eine Kräuterwanderung nicht unbedingt die besten Bedingungen. Aber die Kälte hält Angelika Adam nicht davon ab, genau hinzuschauen, jahrhundertealtes Wissen in die Moderne zu transportieren – und mit Geschichten von Rausch, Liebeszauber und Giftmord zu garnieren.

Die Kräuterexpertin mit dem schönen Vornamen Angelika – Engelwurz – führt Touristen und Einheimische seit vier Jahren durch die Iburger Wälder. Wo andere nur „grün“ sehen, spürt sie Scharbockskraut, Gundermann, wilden Schnittlauch und Schöllkraut auf.

Ein Jahr lang hat sie eine Schule für Phytotherapie besucht. Dieses Wissen gibt sie gerne weiter. Eine ideale Zeit für Kräuterwanderungen ist das frühe Frühjahr: Im Frühling schießt der Wald ins Kraut.

In der Zwiebel steckt der Vorrat

Botanisch betrachtet sind Buschwindröschen und Lerchensporn ein Kraut. Beide sind Geophyten (Erdpflanzen) und damit echte Überlebenskünstler. Ihr Trick: Sie haben im Vorjahr in ihrer Zwiebel alles gespeichert, was sie für das frühe Wachsen und Blühen brauchen. In der Zwiebel steckt der Spross, in den Zwiebelscheiben die Nährstoffe.

Weil es am Boden wärmer ist, erwachen die Krautpflanzen früher als Bäume und Sträucher. Wenn erste warme Sonnenstrahlen durch die unbelaubten Kronen der Bäume fallen, ist ihre Zeit gekommen. Denn die Kräuter sind schlau: Viele Frühblüher erkennen mit den Blättern, wie lang die Tage sind. Wenn sich die Buchenblätter entfalten, ist die Zeit der Frühblüher schon wieder vorbei.

Angelika Adam stapft über den Feldrand, links breitet sich im Morgendunst die münsterländische Tiefebene aus, rechts ragt der bewaldete Teuto in die Höhe: „Hier, das ist der hohle Lerchensporn, seine Zwiebel ist wirklich hohl. Er zieht alle Nährstoffe aus der Schale.“ Violett und weiß breitet sich das Wahrzeichen der Südkreis-Wälder wie ein gefleckter Teppich aus. „Der Lerchensporn wird von Hummeln und Bienen freudig begrüßt“, erzählt Angelika Adam, während es wie auf Kommando geschäftig brummt.

Allzweckwaffe Brennnessel

Wenige Meter weiter weist die Expertin auf eine Pflanze, mit der jeder schon mal eine schmerzhafte Erfahrung gemacht hat: Dabei ist die Brennnessel so nützlich, vor allem in diesen Tagen: „So jung und frisch wie jetzt ist sie am gesündesten.“ Zubereiten könnte man sie wie Spinat – dann ist ihr Geschmack aber wirklich Geschmackssache. Schon etwas angenehmer ist Brennnesseltee für eine entschlackende und stärkende Frühjahrskur. Die schmackhafteste Variante ist es, die kleinen Samen zu trocknen und wie Salz zu verwenden. Konzentration und Gedächtnisleistung sollen davon profitieren.

Die Dosis macht das Gift, das gilt, als Angelika Adam ein kleines grünes Pflänzchen mit einem innerlich gelben Stängel auszupft. „Das ist Schöllkraut, nach der Signaturenlehre von Paracelsus wirkt es gegen Leber- und Gallenleiden.“

Noch giftiger ist der Aronstab, dessen erste Blätter an Bärlauch erinnern. Also Vorsicht! Der Aronstab wird auch Pfaffenpint genannt, sein Blütenkolben galt als Phallussymbol. Kein Wunder, dass der Aronstab in früheren Zeiten für Liebeszauberkünste herhalten musste. „Er enthält Blausäure, soll aber gekocht als Gesichtswasser gegen Hautunreinheiten und Falten wirken“, sagt Angelika Adam.

Sanfter als Bärlauch

Essbar ist dagegen die Knoblauchrauke, die nur wenige Meter entfernt wächst – und duftet. Noch ist sie winzig, „aber sie wird einen halben Meter hoch und schmeckt zart nach Knoblauch.“ Vielen, denen Knoblauch zu deftig ist, reiche das Aroma der Knoblauchrauke.

Ein betörendes Bouquet verbreitet dagegen die Viola odorata, das Duftveilchen, über das Kräuterfee Angelika Adam wieder eine schöne Geschichte weiß: „Männer steckten sich früher ein Veilchen ans Revers, bevor sie in die Kneipe gingen. Taumelten sie später benebelt wieder heraus, sollte der Veilchenduft ruckzuck ihren Geist wieder klären. „Veilchenöl soll gegen Zecken und Hautreizungen wirken.“

Gut und böse liegen oft dicht nebeneinander, auch im Wald. Denn der in der Nähe wachsende Fingerhut ist hochgiftig – was einen Teilnehmer einer Kräuterwanderung heftig interessierte. Vor einem Fingerhut fragte er Angelika Adam: „Wie viel braucht man denn davon?“ Angelika Adam hielt die Frage für Flachs und konterte: „Wie schwer ist sie denn?“ Antwort: „So 95 Kilo.“

Die Kräuterexpertin erschrak und warnte den mutmaßlichen Gattinnenmörder: „Heutzutage lässt sich das alles nachweisen.“ Was ihr nach dem obligatorischen Gruppenfoto auffiel: Der Mann hatte sich hinter einen anderen Teilnehmer geduckt – Name und Telefonnummer hatte er bei der Anmeldung auch nicht nennen wollen. „Das war sehr seltsam.“

Die meisten Kräuterwanderer aber sind richtig nette Menschen: „In der Woche sind es meist Rentner, am Wochenende auch Familien mit Kindern.“

Ihnen erzählt Adam vom Gundermann, auch Gundelrebe genannt, mit seinen lila Blüten ein hübscher Blickfang: „Den Gundermann verwendete man vor der Entdeckung des Hopfens zum Bierbrauen.“

Viele Pflanzen sind giftig

Und der Fuchsbandwurm? Eine Infektion sei beim Essen von Wildkräutern zwar theoretisch möglich, aber unwahrscheinlich, sagt Angelika Adam. Sie rät dazu, Kräuter nicht direkt am Wegesrand oder dort zu sammeln, wo Tiere gerne ihr Revier markieren. Vor allem aber, sollte man Kräuter nie auf Verdacht sammeln. Zu viele von ihnen sind giftig. Wie das Buschwindröschen, das wie hingetupft zwischen altem Laub aufblitzt: Die Windröschen verdanken ihren Namen der zarten Gestalt – beim leisesten Hauch schwanken sie hin und her. Giftig sind auch sie: „Aus den Blüten wurde Pfeilgift hergestellt“, enthüllt Angelika Adam. Gekocht und als Umschlag soll das Röschen, das zu den Bachblüten gehört, aber gegen Gelenkerkrankungen helfen.

Gänzlich gesund – vor der Blüte – ist das unscheinbare Scharbockskraut: Scharbock, so nannte man einst den Skorbut, die gefürchtete Vitamin-C-Mangelkrankheit der Seefahrer. Das Scharbockskraut ähnelt dem Hahnenfuß, ist vor der Blüte ungiftig und enthält jede Menge Vitamin C. Kapitäne nahmen es deshalb mit auf die Reise. Seine Blätter kann man als Salat zubereiten.

Augen zu und schnuppern

Vom Feldrand geht es in den windgeschützten Wald. Und hier prangt er, satt und grün, der schwer angesagte Star des Frühlingswaldes. Einmal Augen zu und schnuppern: Eine kräftige Knoblauchwolke liegt über dem Bärlauchteppich.

Bärlauch soll Bärenkräfte verleihen und bringt wintermüde Stoffwechsel wieder auf Trab. Er hat eine antibakterielle und antivirale Wirkung, beugt Arteriosklerose vor und senkt den Blutdruck.

Aber Achtung: Bärlauch kann leicht mit der Herbstzeitlosen verwechselt werden, später im Jahr auch mit dem Maiglöckchen. Beide sind giftig.

Bärlauchblätter haben zwar den typischen Knoblauchgeruch, wenn aber schon einige Blätter gepflückt wurden, klebt der Duft an den Fingern. Dann ist es schwierig, Maiglöckchen- oder Herbstzeitlosenblätter zu identifizieren. Bärlauch gibt es inzwischen aber auch auf dem Wochenmarkt. Angelika Adam schätzt vor allem die Knospen. Sie schmecken knackig lauchig.

Und was ist das? Es sieht aus wie Schnittlauch. „Es ist auch Schnittlauch, wilder Schnittlauch.“ Er schmeckt genauso gut wie sein Verwandter aus dem Garten – und soll in Verbindung mit Sekt verblüffende aphrodisierende Fähigkeiten entwickeln. Adams augenzwinkerndes Rezept für die Libido: Eine Tasse geschnittenen wilden Schnittlauch in zwei Tassen Sekt, das Ganze erwärmen, abkühlen und trinken. Erfahrungsberichte werden gerne entgegengenommen.