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Kunsthaus Bad Iburg am Sonntag mit "Ombre di luci" Erst Stahlhändler, dann Künstler: Wilfried Schneiders spätes Werk

Von Stefanie Adomeit | 26.08.2019, 19:03 Uhr

Wer Wilfried Schneider auf seinem Fachwerkhof in Glane-Visbeck besucht, sollte auf zwei Dinge gefasst sein: Großformatige Kunst und ein ebensolches Sendungsbewusstsein ihres Schöpfers. Ein Rundgang durch das Kunsthaus Bad Iburg - mit überraschenden Einsichten in Gedanken und Werke.

Wilfried Schneider ist ein Spätberufener, vielleicht muss bei ihm deshalb alles ein bisschen schneller gehen, wirkt er deshalb ein wenig getrieben von der eigenen Schaffenslust. Sein erstes Bild: eine Erfolgsspirale. Das setzt Maßstäbe, auch für den eigenen Anspruch.

"Ich hatte viel Glück im Leben", sagt der 67-Jährige, der sein Geld im Stahlhandel verdient hat, als junger Mann in der zweiten Bundesliga für den SC Herford spielte und dabei auch mal mit Rummenigge zum Tor stürmte.

Elegant ums Thema herumzudribbeln ist nicht sein Ding. "Ich glaube, das ist ein ganz heißes Bild", zeigt Wilfried Schneider auf ein Gemälde. Das Malen brachte er sich selbst bei. Im Volkshochschulkurs war er der einzige Teilnehmer. Das gefiel ihm nicht. "Ich dachte mir, ihr könnt mich mal", ging und malte los.

Eines der Ergebnisse habe gerade für 89.000 Euro den Besitzer gewechselt: "Im November geht es weg." Das großformatige Gemälde braucht hohe Wände, weite Blickwinkel. Farbflächen in Blau, grau, türkis verschwimmen ineinander, ein dunkleres Rechteck strebt ins Bild. Die Farbe hat Tiefe. Im Heuerhaus hängt das Gegenstück, Schneiders Lieblingsbild, in schwarz und grün: "Das sind elf Schichten Öl."

Das Heuerhaus von 1870 ist Mittelpunkt eines Ensembles traditioneller Fachwerkhäuser, moderner Kunst und eines Traumgartens. Das Backhaus stand einst in Bersenbrück und fand in Glane eine neue Heimat.

Dass Kunst am Visbecker Ring eine tragende Rolle spielt, zeigt sich schon kurz hinterm Gartentor: ein stählerner Ring, geschmiedet im Hamburger Hafen: Die Steine im Inneren und die einzelnen blaugrünen Glassplitter hat Wilfried Schneider im Osnabrücker Hafen gesammelt, "die haben mich dort einen Tag laufen lassen". Das Objekt wiegt sechs Tonnen und ist neu, wie alle Skulpturen auf dem 6000 Quadratmeter großen Grundstück zwischen Feldern und Höfen nicht älter als ein Jahr.

"Dieses heißt Mikado", weist Schneider auf eine Gruppe blauer und roter Stäbe, die einfach so hingesteckt aussehen. Sind sie aber nicht. Denn dass er es sich leicht macht, kann man dem 67-Jährigen nicht vorwerfen: "Es hat ein dreiviertel Jahr gedauert, es zu komponieren." Am Ende halfen Strohhalme und Blumensteckmoos der Vorstellungskraft auf die Sprünge. Man muss sich zu helfen wissen, "auch wenn mich dann alle nach meinem Geisteszustand gefragt haben". Das 5,50 Meter hohe Objekt ist symmetrisch und dennoch voller Spannung. Schneider schlägt gerne Pflöcke ein - nicht nur in der Kunst.

Und schon streifen wir wieder durch sein früheres Leben. Mit 20 Jahren kam er als Angestellter zu Winkelmann, einem Hersteller von Autokomponenten, fand dort einen Mentor, der ihn schließlich zum Compagnon machte. "Wir hatten erst 100 Angestellte, als ich ging, waren es 2750."

Vier Millionen Tonnen Stahl habe er verkauft und geliefert, bis nach China, Innovationspreise eingeheimst. Dieses Wissen zahlt sich nun aus, beispielsweise in Gestalt einer Schnecke: "Das ist Cortenstahl. Die Schnecke wurde warm gewalzt, die Kugel kalt." Zwei benachbarte Objekte zeigen Silhouetten, Negativ und Positiv, per Wasserstrahl mit 1100 atu aus Stahl geschnitten. "Ein Laserstrahl schafft maximal 2,5 Zentimeter."

Über Lavendel, Katzenminze und Golfrasen schweben meterhohe rote und blaue Blumen: "Außerirdische haben mich auf die Idee gebracht, die landen hier hinten auf dem Feld", erzählt Schneider ernsthaft, und nur das leichte Zucken eines Mundwinkels verrät, dass der Alien-Besuch auch einfach nur eine nette Geschichte sein könnte.

Mit seinen "Quadraten" allerdings spaßt er nicht. "Es sind 3000, daran habe ich ein halbes Jahr lang gemalt." Akkurat sollten die Quader gemalt werden, aber so, dass sich ein leichter Schimmer der Umrandung erhielt. Ach ja, eine Ausbildung als technischer Zeichner habe er auch mal absolviert. "Das Genaue geht mit Ölfarbe besser als mit Acryl." Dass Ölfarbe sehr langsam trocknet, stört ihn nicht: "Ich habe da so meine Tricks." Kobaltblau dominiert die "Quadrate", man könnte es auch Yves-Klein-Blau nennen. Kein Zufall: "Das ist meine Lieblingsfarbe."

In Madrid und Bilbao hat er sich Stier-Zeichnungen angeschaut, von Picasso und anderen: "Viele Künstler malen Stiere. Das musste ich auch." Jetzt kostet einer 6500 Euro. "Und die Leute sind ganz wild drauf." Übrigens entstehen auch Tiere zuerst auf Millimeterpapier, für die Entwicklung einer Zeichnung braucht Wilfried Schneider eine Woche. Das Ergebnis, findet er, spricht für sich: "Der könnte doch direkt in die Arena stürmen, oder?"

Oder auf die Wiese, die Skulpturenpark werden soll. Der frühere Pferdestall soll zum Café mit Wintergarten umgebaut werden. Durch einen Gang geht es dann zum neuen Kunsthaus, denn Schneider braucht Platz: "Ich kann nicht mehr Bilder aufhängen, es wird eng."

Das liegt zu einem Quentchen auch daran, dass er derzeit Objekte des bekannten Hammer Künstlers Wolfgang Lamché zeigt. "Der ist Weltkünstler!" "Und Sie?" "Ich arbeite daran", sagt Wilfried Schneider.

Seine Ideen jedenfalls sprudeln wie die Quellen unter seinem Gartenteich. Dabei lässt sich Schneider gerne von den Großen der Kunstgeschichte inspirieren. "Anlehnung" nennt er das: Und so fühlt man sich mal an Miró, mal an Kandinsky, Liechtenstein oder Klee erinnert. Doch Kopien sind es nicht, die in Glane entstehen. Schneider hat ein Auge für Formen, ein Gespür für Farben - und Witz.

Denn "Alles ist Käse", behauptet das zimmertaugliche Modell für ein drei Meter hohes Objekt. Die gelben Laibe hat er - woher auch sonst - aus einem holländischen Käseladen, wo die goudagelben Rundlinge als unkaputtbarer Appetitanreger im Schaufenster lagen. "Können Sie mir welche besorgen?" Die Käseladenbesitzerin konnte. Eine Woche später waren die Kunststoffkäselaibe da. Dazu ein Abflussrohr und reichlich Autolack: Fertig ist der Käse.

Das gefällt: "Ich habe viele Besucher und Käufer aus dem Ruhrgebiet, aus Düsseldorf und Ostwestfalen, und ich habe viele Fans am Westerberg", erzählt Schneider. Dort wohnt er mit seiner Frau, wenn ihm mal nicht nach Landluft ist.

Im Moment steht der Frieden im Mittelpunkt seines Schaffens. Ein Friedensstern soll Symbol für den europäischen Frieden werden, der 2020 in Europa 75. Jahrestag feiert. 28 Zacken hat das Objekt, für 28 europäische Länder. Bis Idee und Zeichnung standen, dauerte es ein Jahr. Da wurde der ungestüme Macher zum geduldigen Denker.

Den Prototyp auf dem Tisch hat der Venner Kettensäge-Holzskulpturenkünstler Wilhelm Placke gebaut. Schneider plant groß: "Der Stern wird einen Umfang von sechs Metern haben. Die Zacken bestehen aus massiven Eichenbalken." Der Clou: Weil das Sieben-Tonnen-Objekt im Ganzen nicht transportabel wäre, kann es wie ein Puzzle zusammengesetzt werden. Dann wiegt jeder Balken nur noch 80 Kilogramm. Das Kunstwerk soll im Rahmen eines Gottesdienstes in Glane, später in Berlin und Brüssel ausgestellt werden.

Was Wilfried Schneider besonders freut: Die Osnabrücker Band "Ombre di Luci", die am Sonntag in seinem Garten ein Konzert gibt (siehe Info-Box), will eigens für das symbolträchtige Kunstwerk einen Song komponieren: "La stella della pace". Und er? "Ich schreibe jetzt an den Bundespräsidenten und erzähle ihm von meinem Projekt."

Mehr Informationen:

Das Kunsthaus am Visbecker Ring 19 in Glane ist jeden Samstag von 15 bis 18 Uhr und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 5 Euro. Telefon 0152 26146716.Im Moment gibt es zusätzlich zu den Werken des Hausherrn eine Sonderausstellung zum 100. Geburtstag des Bauhaus und Skulpturen von Wolfgang Lamché. An diesem Sonntag, 1. September, lohnt sich ein Besuch nicht nur aus optischen Gründen. Die falschen Italiener, die Osnabrücker Combo "Ombre di luci", gastieren um 16 Uhr für ein Konzert auf der Terrasse von Wilfried Schneider. Karten für das Konzert gibt es an der Tageskasse für 18 Euro, im Vorverkauf kosten sie 15 Euro per Überweisung an die Kontonummer DE07 2655 0105 1552 0243 15. Der Überweisungsträger gilt als Eintrittskarte.