Ein Artikel der Redaktion

Netzwerktreffen am 5. März in Osnabrück "Omas gegen Rechts" jetzt auch in Osnabrück

Von Stefanie Adomeit | 19.02.2019, 18:28 Uhr

Vier Frauen zwischen 69 und 82 sitzen bei Milchkaffee und Apfelschorle in einem Café. Sie sprechen nicht über – Achtung Klischee – Krankheiten oder das weltbeste Apfelkuchen-Rezept, sondern über ihre Facebook-Gruppe, Administratorenrechte, die letzte What's App-Nachricht und die nächste Demo. So sind die "Omas" von heute. Erst recht, wenn sie Omas gegen Rechts sind.

Wer ein Bild von Best Agern sucht. Hier sind sie. Frauen mit einer Mission: Mit Plakaten und Flyern, Aufklebern und Buttons, vor allem aber mit dem eigenen Gesicht stellen sie sich gegen Rechts.

Für die meisten von ihnen ist der zivile Protest dabei nichts Neues. Als Altachtundsechziger wissen sie, wie Meinung zeigen geht und wie man braunen Staub aufwirbelt: Die Omas gegen Rechts sind im Osnabrücker Land angekommen.

Sie sind nach dem Krieg geboren, doch war der noch ganz nah, sie haben mit ihren Eltern über den Nationalsozialismus diskutiert, heute engagieren sie sich in der Flüchtlingshilfe, an Schulen oder in der Nachbarschaftshilfe – die meisten sind tatsächlich Großmütter.

Erst Wiener Wut

"Vor zehn Jahren hätte ich nicht für möglich gehalten, was heute passiert", sagt Annegret Kersten aus Bad Laer. Mit Christa Hofmann aus Osnabrück, Monika Lepper aus Bad Iburg und Anne Ferié aus Georgsmarienhütte plant sie das erste Netzwerktreffen der regionalen "Omas gegen Rechts" in Osnabrück.

Denn was angesichts der drohenden Regierungsbeteiligung der FPÖ in Österreich mit einer gehörigen Portion Wiener Wut begann, zieht Kreise.

Mehr Informationen:

Die Omas gegen Rechts sind eine überparteiliche Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest, die sich für den Erhalt der parlamentarischen Demokratie in einem gemeinsamen Europa einsetzt. Gründerinnen waren Monika Salzer und andere Frauen über 60 aus Wien, die sich im November 2017 zusammenfanden und eine Facebook-Gruppe gründeten, als sich eine Regierung unter Beteiligung der Rechtspopulisten der FPÖ abzeichnete. Mit augenfälliger Symbolik erheben ältere Frauen, die sogenannten Omas, ihre Stimme. Mittlerweile gibt es in Österreich und Deutschland Vereine und in allen Bundesländern Omas gegen Rechts.Sie kämpfen für gleiche Rechte für alle, soziale Standards, Respekt und Achtung gegenüber anderen, unabhängig von Religion und ethnischer Zugehörigkeit. "Dabei müssen die bedrohlichen Entwicklungen wie Antisemitismus, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Faschismus erkannt, benannt und im Konkreten auch der politische Widerstand und die Bewusstseinsbildung organisiert werden", heißt es auf der Homepage. Die ältere Frau als politische Kraft sei im öffentlichen Bewusstsein nicht präsent. "Deshalb müssen Frauen öffentlich auftreten, nicht als Einzelperson und Ausnahme, nicht als Star, sondern als Gruppe, die auffällt. Wir tragen Verantwortung für die Jugend."Warum gerade sie aktiv werden? "Wir haben keine kleinen Kinder (mehr), wir müssen nicht mehr hart in Jobs arbeiten, wir haben mehr Zeit, uns politisch zu engagieren und gerade jetzt scheint es notwendig zu sein, einen Beitrag zu leisten. Es geht hier auch um Ermutigung, Vernetzung und sichtbar machen: Alt sein heißt nicht stumm sein." Im Internet ist die Gruppe unter omasgegenrechts.at zu finden.

Immer mehr "Omas gegen Rechts"-Gruppen wehren sich gegen Rassismus, Antisemitismus, Ungerechtigkeit, Ausgrenzung und Vorurteile. Die selbst gewählte Bezeichnung Oma zeigt in einer jugendfixierten Gesellschaft Widerspruchsgeist und Selbstironie. Dabei ist es keine Voraussetzung, biologische Großmutter zu sein. Auch Opas, Kinderlose und Enkel sollen mitmachen.

Die „Omas“ nehmen regelmäßig an größeren und kleineren Demos teil – damit Demokratie und Teilhabe gestärkt, Länder, Ethnien, Generationen, Geschlechter und Menschen nicht auseinander dividiert werden.

"Diese braune Butter", ärgert sich Monika Lepper über Wahlerfolge und Parolen der AfD und die Umtriebe Rechtsextremer: "Wenn wir jetzt nicht auf die Straße gehen, sieht es bald wieder düster aus", fürchtet die pensionierte Lehrerin. „Wir möchten uns dann nicht von unseren Enkeln fragen lassen, warum wir nichts getan haben“, betont sie und spielt damit auf Diskussionen an, die sie mit ihren Eltern über die Nazi-Zeit führte.

"Wir tragen Verantwortung, dass so etwas nicht noch einmal passiert", sagt Anne Ferié. Sie ist fassungslos, dass Juden in Deutschland wieder Angst haben, die Kippa zu tragen. Das Demonstrieren kennt sie aus ihrer Studentenzeit:

„"Ich bin Jahrgang 1950. Als Studentin war ich jeden Samstag gegen den Vietnam-Krieg oder die Militärjunta in Griechenland auf die Straße." “

Nicht alle haben eine 68er-Vergangenheit. Christa Hofmann, die Älteste der Vier, hat die Nazi-Zeit als Kind noch selbst erlebt: "Ich erinnere mich noch an Schilder mit der Aufschrift 'Der Feind hört mit'. Diese Angst vor Denunziantentum – und später lief es genauso mit der SED. Solche Angst möchte ich nicht noch einmal erleben."

Deshalb standen die Frauen in der Demo gegen den AfD-Parteitag im Osnabrücker Heinz-Fitschen-Haus. Auch am 10. März, wenn die Partei in Räumen des Osnabrücker Abfallwirtschaftsbetriebs ihren Kreisparteitag abhält, werden sie dabei sein.

Gegen die große schweigende Mehrheit

Damit wollen die Vier aus dem Osnabrücker Land auch jüngere Menschen politisieren, "so wie wir in den 60er und 70er Jahren aktiv waren. Nicht weggucken, sondern uns einmischen und Gesicht zeigen." "Es gibt so eine große schweigende Mehrheit", findet Kersten. "Da muss endlich etwas passieren."

Und ihr Bekenntnis wirkt. "Letztens hat ein junger Mann den Aufkleber auf meinem Auto kommentiert: Voll geil." Und Monika Lepper wurde in Bad Rothenfelde von einer Frau gefragt:

„"Wo gibt es diese Aufkleber?"“

Wie viel Intoleranz sie privat erlebt haben? "Ich bin sehr hellhörig geworden, wenn ein Satz mit den Worten 'Das muss man doch mal sagen dürfen' beginnt", erzählt Anne Ferié. Ihre Empfindung: "Die Stimmung im Verhältnis zu Flüchtlingen ist seit 2015 gekippt." Chemnitz war ein Fanal für sie. Aber auch der Versuch der AfD, Schüler zu Denunzianten ihrer Lehrer zu machen. "Ich verstehe nicht, dass das Innenministerium hier nicht richtig aktiv wird", ärgert sich Hofmann. Kersten möchte nicht, dass ihre Enkel in solch einer Atmosphäre aufwachsen.

Die "Omas gegen Rechts" aus der Osnabrücker Region möchten dabei auch Vorbild sein: "Auch in unserem Alter kann man etwas machen." Dabei gilt: Je mehr, desto besser. Dafür brauchen die "Omas gegen Rechts" andere Omas, Opas, Kinder, Enkel, einfach jeden, der Gesicht zeigen will – ganz ohne Verein und Satzung.

Die Osnabrücker "Omas gegen Rechts" treffen sich am Dienstag, 5. März, um 16.30 Uhr im Stadtgalerie-Café am Osnabrücker Markt. Mehr Infos gibt es bei Monika Lepper, Mail: monikalepperqi@gmail.com.