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Netzwerktreffen in Bad Iburg Schütteltrauma verhindern: "Frühe Hilfen" will Kinder schützen

Von Susanne Pohlmann | 28.02.2019, 11:04 Uhr

Was bringt einen Menschen dazu, sein Baby so schwer zu misshandeln, dass dieses schwer verletzt wird oder stirbt? Möglicherweise sind viele der Täter nicht von der Tötungsabsicht getrieben sondern schlicht überfordert. Kann also gezielte Unterstützung Kinderleben retten?

Das Netzwerk Frühe Hilfen im Landkreis habe sich genau diese Hilfe auf die Fahnen geschrieben, so Dr. Andreas Faber. Mit einem Vortrag beim 9. Netzwerktreffen klärte er über das Thema Schütteltrauma bei Babys und die fatalen Folgen auf. Und plädierte für mehr Unterstützung für überforderte Eltern.

Vortrag: Unter dem Titel "Bitte nicht schütteln" hielt Faber in Bad Iburg einen aufrüttelnden Vortrag. Mit dabei waren Vertreterinnen der Familienservicebüros, des Babybesuchsdienstes, des Jugendamtes, der Kindertagesstätten, sowie Tagesmütter, Hebammen, Kinderarztmitarbeiter, ein Vertreter der Polizei und weiterer Einrichtungen, die sich um Kinder und Familien kümmern.

Rechtzeitig erkennen: Für einen Mediziner wie Faber, ehemaliger Oberarzt in der Osnabrücker Kinderklinik und jetzt im Ruhestand, gehörten Misshandlungen an Kindern, auch an den Kleinsten zum Alltag. Daher ist es ihm wichtig, gerade auch Menschen, die sich beruflich um das Kindeswohl kümmern, darüber aufzuklären, wie eine Kindeswohlgefährdung aus medizinischer Sicht erkennbar ist und welche unvorstellbaren Folgen es haben kann.

Kopfverletzungen: Erschreckend die Zahlen, die Faber präsentierte. Über 10.000 Straftaten gegen Kinder, die in Kliniken behandelt werden müssen, erfasst die Polizei jedes Jahr in Deutschland. Wie hoch Dunkelziffer ist, ist nicht bekannt. Die häufigsten Verletzungen bei Kindern unter einem Jahr sind dabei Kopfverletzungen mit 2500 Fällen.

Schütteltrauma: In den meisten Fällen handelt es sich dabei um ein Schütteltrauma. Dieses tritt auf, wenn ein Baby heftig hin und her geschüttelt wird. Dabei kommt es zu einem unkontrollierten Umherrotieren des Kopfes, weil das Kind noch nicht in der Lage ist, den Kopf selbst zu halten. Folge ist eine massive Schädigung des Gehirns durch Blutergüsse im Schädelinnenraum bis hin zu Blutungen. Bis zu 30 Prozent der betroffenen Kinder sterben an den Folgen eines solchen Schütteltraumas, bis zu 70 Prozent überleben mit schweren neurologischen Folgeschäden.

Zeichen deuten: Erkennbar sind solche Kindesmisshandlungen für die Fachleute ziemlich schnell, auch wenn Faber davor warnt, zu früh jemanden zu beschuldigen. Er erinnert an einen Osnabrücker Fall: "Die behandelnden Ärzte wussten sofort, " so der Experte, "dass die Verletzungen des kleinen Jungen im vergangenen Jahr nicht von einem Hund stammen konnten." Auf welche Zeichen man achten sollte seien nicht nur äußerliche Verletzungen wie Hämatome an den Armen oder Rippenbrüche. Dazu kommen Trinkschwäche, Apathie, Schläfrigkeit, Krampfanfälle, Atemstörungen oder auch Erbrechen.

Risikofaktoren erkennen: Wenn sich Ärzte, Polizei und Justiz mit einem Fall beschäftigen, ist es aber oft schon zu spät. Wichtig sei es, dass potentielle Helfer, die Einblick in die Familien erhalten, schon im Vorfeld Risikofaktoren erkennen. Es sei für Eltern sicherlich eine starke Belastung, wenn ein Baby exzessiv Tag und Nacht schreit. Das kann Eltern an den Rand der Belastungsgrenze führen. Dazu komme das mangelnde Wissen der frischgebackenen Eltern, wie man mit Kindern umgehen kann, wenn diese Probleme haben.

Problemeltern: Vielleicht hätten die Eltern selbst als Kind Misshandlungen erfahren oder sind abhängig von Drogen und Alkohol. Faber: "Vorwürfe helfen in solchen Fällen nicht. Hier braucht es Unterstützung und praktische Hilfe." Und genau hier käme das Netzwerk Frühe Hilfen ins Spiel. Die Mitarbeiterinnen vor Ort können schon früh Hilfe anbieten und so eine Eskalation der Lage für die Kinder vermeiden. "Vertrauen Sie da ruhig ihrem Gefühl und ihrer Erfahrung", rät der Mediziner. "Die meisten Eltern, so habe ich es selbst immer wieder erlebt, sind froh, wenn sie angesichts des Gefühls der Überforderung und der Hilflosigkeit, Unterstützung bekommen ohne Bevormundung." Das Netzwerk Frühe Hilfen sei daher für die Kinder lebensrettend.

Infos: Informationen für junge Eltern und zum Netzwerk Frühen Hilfen gibt es unter anderem auf www.georgsmarienhuette.de/fruehe-hilfen