Ein Artikel der Redaktion

Von virtuos bis gnadenlos Holger Mantey eröffnete Bad Essener Klavierfestival

Von Christa Bechtel | 17.09.2018, 14:06 Uhr

Holger Mantey ist Klaviervirtuose par excellence und gilt als Geschichtenerzähler auf dem Flügel. Auf Einladung des Kunst- und Museumskreises in Kooperation mit dem Kur- und Verkehrsverein eröffnete er am Samstagabend im Bad Essener Schafstall an der Bergstraße fulminant den ersten Teil des Klavierfestivals. Das Motto: „Von Bach bis Bonanza! Von Virtuos bis Gnadenlos!“

Doch bevor es im gut gefüllten Schafstall gnadenlos virtuos wurde, erläuterte Hartwig Ventker, warum das Klavierfestival stattfand. „Den Grotrian-Steinweg Flügel hat der Kunst- und Museumskreis 1986 gekauft. Der ist inzwischen in die Jahre gekommen – und er wurde immer nur gestimmt, sonst nichts. Das hat verheerende Folgen, so, als wenn man ein Auto immer nur volltanken und nie eine Inspektion machen würde. Da die Register und die Mechanik verschoben waren, wurde er jetzt von Grund auf erneuert.“

Um es vorwegzunehmen: Holger Mantey spielt intensiv mit großer Leidenschaft und verschmilzt fast mit dem Flügel. Elemente aus Klassik und Jazz, angereichert mit Improvisation und Meditativem, gehen bei ihm eine neuartige und originelle Verbindung ein. Genial kleidet der gebürtige Rügener bekannte Themen in ein neues, mit reichen Ornamenten verziertes Gewand, aus dem jedoch die Konturen des Originals immer durchscheinen. Für sein Konzert hatte er nicht nur Eigenkompositionen und eigene Bearbeitungen mitgebracht, sondern zudem etliche „Zutaten“, die im Verlauf des Abends für so manches Staunen im Publikum sorgten.

Wunderbare Klänge

„Ich werde an diesem besonderen Ort und in dieser schönen Atmosphäre mein Bestes tun, um Ihnen einen schönen Abend auf diesem wunderbaren Flügel zu bereiten“, versprach der Wahl-Lübecker, der zuvor sein Programm mit den „Seven Waves“ eröffnet hatte. Während die „Wellen“ nur so pulsierten, konnten die Zuhörer mit „Mayenzeit“ von Neidhart von Reuental, der einer der bedeutendsten lyrischen Dichter und Minnesänger des Mittelalters war, nur noch genießen. Wunderbare Klänge zogen durch den historischen Schafstall, die eine Symbiose mit Flügel und Rav Vast – die einzige Handpan, die eine vollständige Harmonie von vier bis sieben Tönen auf jeder Zunge hat – eingingen und fast fernöstlich wirkten.

Eine Auftragskomposition war für Holger Mantey „Bonanza“. Die erste Geschichte, in deren Mittelpunkt Ben Cartwright stand. Mit Käuzchen, knarrender Tür, einer Klapperschlange, die auf dem Weg zu den Ställen zu sein scheint. Dabei scheucht sie eine Schar Vögel auf… und variabel erklang die bekannte Filmmelodie. Aus Impro-Ethno-Jazz besteht seine Version der „Etüde op. 25 Nr. 2“ von Chopin. Sein „Hänschenklein“, das der Pianist augenzwinkernd als Brückenwerk zwischen musikalischen Welten sieht und in der Zwölftonmusik mit atonalen Kaskaden angesiedelt hat, hat er so analysiert, dass die Lachmuskeln der Zuhörerschaft gehörig in Wallung gerieten. Mit „Summertime“ von Gershwin entließ er alle in die Pause.

Alles kann anregend sein

Woher Holger Mantey seine Ideen für seine Kompositionen bekommt, erklärte er für unsere Zeitung so: „Es kann sein, dass man etwas hört, sieht oder irgendetwas ausprobiert. Ich bekomme nicht meine Ideen, weil ich am Klavier sitze oder am Strand liege. Es kann alles anregend sein; deshalb bin ich auch, vor allem wenn ich unterwegs bin, sehr darauf besessen, mir Ausstellungen, Bilder, Theater anzugucken.“ Am Strand großgeworden, habe er in seinem Zimmer das Rauschen des Meeres gehört, „und dabei Klavier üben können“, sagt er lächelnd.

„Seriös“, wie er sagte, eröffnete er den zweiten Teil mit „Smoke on the Water“ von Deep Purple – aber verjazzt. Zur bekannten Filmmusik „Black Orpheus“ schlug er die Takte mit indischer Trommel plus Oberschenkeln. Oder mit „Köter und der Rolf“ hat er ein neues Genre geschaffen und die Oper „Peter und der Wolf“ auf den Punkt gebracht – nur eine von vielen Geschichten. Bravorufe brachten dem Virtuosen seine „Habanera“ aus Bizets Oper „Carmen“ mit Klavier und Kastagnetten ein. Schlusslicht des Konzerts sollte Mozarts „Alla Turca“ sein, den Mantey als „Tückischen Marsch“ bezeichnet. Doch die Besucher im Schafstall wollten noch mehr dieser virtuos-gnadenlosen Musik. Und das bekamen sie mit einer Zugabe auch.