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„Den Deutschen geht es ziemlich gut“ Bad Essenerin ist Botschafterin in Georgien

Von Johannes Zenker | 23.12.2015, 18:37 Uhr

Seit dem 15. Juli dieses Jahres ist Betttina Cadenbach deutsche Botschafterin in Georgien. Aufgewachsen ist die Diplomatin in Wie sie ihre Heimat aus der großen, weiten Welt betrachtet, warum es den Deutschen ihrer Meinung nach gut geht und wie ihr Leben als Diplomatin verläuft, erzählt sie im Gespräch mit unserer Redaktion.

Vor 21 Jahren hat Bettina Cadenbach ihre erste diplomatische Stelle angetreten – als Referentin für Politik und Protokoll an der Deutschen Botschaft in Ankara. Es folgten weitere Stationen unter anderem in New York, Tallinn und Teheran, ehe sie im Sommer nach Tiflis gegangen ist. Das Engagement als Botschafterin ist zweifellos der Höhepunkt ihrer bisherigen diplomatischen Karriere.

Erholung in der Heimat

An die Arbeit und das ständige Leben im Ausland hat sie sich längst gewöhnt; umso schöner seien die Besuche in der Heimat, die sie drei- bis viermal im Jahr bereise, um die Mutter in Damme und den Bruder in Heithöfen zu besuchen. „Ich nutze die Aufenthalte im Wittlager Land zur Entschleunigung, um mal zur Ruhe zu kommen“, sagt Cadenbach und ergänzt: „Es ist immer wieder schön, hier zu sein, an einem Ort, wo vieles so ist wie früher. Hier kann ich mich erholen und Kraft tanken.“

Georgien mit Potenzial

Für ein dauerhaftes Leben im Wittlager Land sei ihr das Tempo in der Region aber doch zu gemächlich, wie sie einräumt: „Mich zieht es immer dorthin, wo sich etwas in Bewegung befindet, wo sich etwas dynamisch entwickelt und verändert.“ Aus diesem Grund sei ihre derzeitige Aufgabe als deutsche Botschafterin in Georgien auch genau das Richtige für sie: „Georgien befindet sich inmitten eines Transformationsprozesses. Das Land unternimmt Reformanstrengungen und sucht die Partnerschaft mit westlichen Staaten. Es möchte kurzfristig Mitglied der NATO und längerfristig der EU werden. Diesen Prozess zu begleiten und mitzugestalten, ist enorm herausfordernd und spannend.“ (Weiterlesen: Berlin und Paris wollen Georgien enger an den Westen binden) 

Konkret bedeutet das für ihre Tätigkeit, dass sie unter anderem Wirtschaftskontakte herstellt und die kulturellen Austauschprozesse zwischen Deutschland und Georgien fördert, um das Kaukasusland auf seinem Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung und bei Fragen von Demokratie, Umweltschutz und Kommunalentwicklung zu unterstützen.

Verhältnis zu Russland

Der Konflikt zwischen Russland, dem großen nördlichen Nachbarn Georgiens, und der Ukraine beschäftigt auch die Menschen in Georgien. Weniger stark nach Westen orientieren sie sich deshalb aber nicht. Dazu belaste die Unterstützung Russlands für die abtrünnigen georgischen Gebiete Abchasien und Südossetien die Beziehungen zwischen Tiflis und Moskau zu stark, so Cadenbach. Das gelte erst recht seit August 2008, als der Südossetien-Konflikt zu einem fünftägigen Krieg eskalierte. „Seither bestehen keine diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Von daher ist der russische Einfluss im Moment gering“, sagt Cadenbach. Dennoch sei eine gewisse Sorge vor Ort spürbar, dass Russland eines Tages seine Fühler wieder stärker in Richtung Georgien ausstrecken könnte.

Cadenbachs Zukunft ungewiss

Dass Cadenbach den ständigen Wandel schätzt, ist nicht nur für ihre Arbeit in Georgien förderlich, sondern überhaupt für die Ausübung ihres Berufes unabdingbar: Als Diplomatin im Dienst des Auswärtigen Amtes ist es nämlich üblich, seine Arbeitsstelle alle drei bis vier Jahre zu wechseln. Schließlich soll ein Diplomat die Interessen der Bundesrepublik Deutschland bestmöglich vertreten und nicht bei einer zu langen Verweildauer im jeweiligen Gastland seine Unabhängigkeit zu verlieren drohen. „Immer wieder etwas Neues zu sehen und sich neuen Herausforderungen stellen zu können, ist sehr reizvoll für mich. Dazu gehört aber auch, innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums gute Arbeit zu leisten und seinen Posten dem Nachfolger ordentlich zu übergeben“, betont Cadenbach.

Für Diplomaten gibt es eine Liste für Vakanzen, sprich Stellen, die weltweit zu besetzen sind. Hier können die Betreffenden eine Prioritätenliste aufstellen. „Georgien war meine Top-Wahl, nicht nur wegen des großen Potenzials, das es zu entwickeln gilt, sondern auch wegen der landschaftlichen Schönheit des Landes: Wenn sich der Kaukasus vor einem entfaltet, ist das ein atemberaubender Anblick“, so Cadenbach.

Wohin es sie nach ihrer Arbeit in Georgien führen wird, weiß sie noch nicht: „Ich lasse mich überraschen, welche Vakanzen es dann gibt. Flexibilität und Neugier gehören zu meinem Beruf dazu.“ Auf eine Familie muss Cadenbach bei der Wahl des Ortes keine Rücksicht nehmen. Das habe aber mit ihrem Weltenbummlertum nichts zu tun: „Die meisten Botschafter haben Partner und Kinder. Die Gründung einer Familie ist mit dem Leben als Diplomat vereinbar.“

Befreiung von Journalisten und 11. September

Auch vor ihrer Zeit in Georgien hat die Diplomatin spannende Dinge erlebt: So war sie zwischen 2009 und 2012 als Ständige Vertreterin des deutschen Botschafters in Teheran tätig. Im Gedächtnis geblieben ist ihr dabei vor allem der monatelange diplomatische Kampf mit den iranischen Behörden um die Freilassung zweier Bild-am-Sonntag-Journalisten aus einem Gefängnis, die nur dank des persönlichen Einsatzes vom damaligen Außenminister Guido Westerwelle zu erwirken gewesen sei.

Zudem erlebte sie während ihrer Zeit bei den Vereinten Nationen in New York die Terroranschläge vom 11. September 2001. „Das war ein sehr bewegendes Ereignis. Das New York, das ich verlassen habe, war ein anderes New York als jenes, in das ich gekommen bin. Die Stimmung veränderte sich schlagartig, die Ausgelassenheit war plötzlich verflogen“, erinnert sich die Botschafterin.

Blick auf Deutschland

Cadenbach ist es gewohnt, im Ausland zu leben und zu wirken. Dadurch verändere sich auch der Blick auf das eigene Land. So schätzt sie an Deutschland vor allem, dass hier vieles sehr gut funktioniere: „Man mag es kaum glauben, aber in Deutschland gibt es viel weniger Bürokratie als in anderen Ländern. Zudem ist die kommunale Selbstverwaltung sehr weit fortgeschritten. Selbst im kleinsten Ort ist die Grundversorgung sichergestellt. Das ist ein hohes Gut, das man gar nicht genug wertschätzen kann.“

Die beiden aktuell in Westeuropa zentralen Themen Terrorgefahr und Flüchtlingskrise seien in Georgien nicht präsent: „Die Terrorgefahr wird von offizieller Seite als gering eingestuft, und für Flüchtlinge ist Georgien nicht attraktiv“, sagt Cadenbach.

Flüchtlingsthematik

Dennoch bildet sich die Botschafterin aus der Ferne und während ihrer Heimataufenthalte ein Urteil über die Vorgänge in Deutschland: „Ich würde mir wünschen, dass die Flüchtlingsdebatte weniger emotional geführt werden würde und rechte Strömungen wieder verschwinden. Den Deutschen geht es ziemlich gut, da habe ich während meiner Laufbahn schon ganz andere Lebensbedingungen kennengelernt. Wir sollten insgesamt Menschen mehr Verständnis entgegenbringen, die Krieg und Elend erlebt haben und Hilfe benötigen. Gerade Personen mit sicherem Arbeitsplatz, die keine Geldsorgen haben, schreien gefühlt am lautesten.“ Und so hofft Cadenbach, dass nicht nur der Wandel in Georgien weiter voranschreitet, sondern dass sich auch in ihrem Heimatland noch das eine oder andere verändert.