Ein Artikel der Redaktion

Bad Essen Sexy Friedensbotschaft

19.07.2009, 22:00 Uhr

Kondome gibt es im alten Griechenland nicht. Auch Bier ist der Antike eigentlich fremd. Mehr eingestreute Aktualisierungen durch Jan Graf-Betge sind aber nicht notwendig, denn die Sprache von Aristophanes ist auch heute noch aktuell. Umso mehr, da in „Lysistrata“ der Kampf der Geschlechter im doppelten Sinne ausgetragen wird.

Ausgefochten wird er seit Samstagabend im Pfarrgarten von der „Theaterbande Phoenix“, denn in der 2500 Jahre alten Komödie herrscht Bruderkrieg zwischen Sparta und Athen. Seit 20 Jahren. Das ist den Frauen beiderseits der Front zu viel, und sie schwören, sich den Männern so lange zu „verweigern“, bis diese die Waffen ruhen lassen.

Am Ende zeigt sich natürlich, wer das wirklich starke Geschlecht und der eigentliche „Herr im Haus“ ist. Doch es wird auch deutlich, dass Frau und Mann nicht ohne einander können. Symbolisiert durch ein abschließendes Friedenslied im Fackelschein, das gemeinsam gesungen wird. Geschrieben wurde es von Mikis Theodorakis.

„Eine weitere ‚neuzeitliche‘ Ergänzung“, so Graf-Betge. Ansonsten aber bringt der Spielleiter des Meller Tourneetheaters ausschließlich ernste Einschübe über den Krieg von Sophokles und Euripides ein. Beide Tragödiendichter sind Zeitgenossen von Aristophanes. Der aber ist ein ausgewiesener Komödiant.

Dementsprechend frech, witzig und spritzig geht es zu, wenn sich im Pfarrgarten „der Vorhang hebt“. Und natürlich derb frivol. Da platzt schon mal ein unter „Dampf“ stehendes Organ. Da rennt schon mal ein unter Druck stehender Kinesias (urkomisch: Sascha Tonsor) durch die Sitzreihen und stöhnt: „Oh, wie es reißt, wie es zieht, zwickt und schmerzt!“

Die Titelheldin wird von einer überzeugenden Eva Groppel verkörpert. Die Hamburger Schauspielschülerin zeigt als Lysistrata (= Die Heeresauflöserin) nicht nur schauspielerisches und sprachliches Können, sondern begeistert außerdem tänzerisch in einer Choreografie von Jurek Makarowski. Ihr zur Seite steht dabei Björn Schäffer.

Im Stück spielt er den Priester und zeigt sich anfangs sehr empört über den Entschluss der Frauen. Ebenso wie die übrige Männerwelt. Dann aber beginnt die Not. Selbst Klagen an der Mauer jener Festung, hinter der sich die Frauen verschanzen, werden nicht mit Liebreiz, sondern mit einem kalten Wasserguss beantwortet.

Sämtliche Rollen sind hervorragend besetzt, einerseits mit „alten Hasen“ wie Michael Broermann, Karin und Rolf Herrmann, Mark Joost, Ulrike Bösemann oder Iris Dieckmann, andererseits durch relativ neue Bühnengesichter wie Sarah Allewelt, Natascha Büttner, Simone Huge, Volker Metz oder Mario Schalk.

Ihnen und den übrigen Mitgliedern gelingt mit dem kurzweiligen, humorgeladenen, aber auch nachdenklichen Stück eine reife Ensembleleistung und „ein etwas anderes Statement zu ‚2000 Jahre Varus’, bei dem weniger der Kampf auf dem Schlachtfeld als vielmehr die Auswirkungen für das Volk, für die Menschen daheim in den Mittelpunkt gerückt werden“, so Graf-Betge.

Und auch wenn es manchmal verbal richtig derb zu-geht: Der Pfarrgarten ist wie geschaffen als Kulisse für „Lysistrata“. Es bedarf nur weniger Bauten und Requisiten, schon herrscht mediterranes Flair. Gerade jetzt im Sommer. Weitere Aufführungen werden am ersten Augustwochenende präsentiert.