Fünf Grad unter Null So ergeht es den Obdachlosen bei Minusgraden in Bad Essen

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Bad Essen. Minus fünf Grad nachts: mit den niedrigen Temperaturen verschärft sich auch die Lage der Obdachlosen. Doch nicht alle nehmen das Angebot der Ehrenamtlichen an und schlafen in den beheizten Unterkünften. Das Leben in Übergangswohnungen hält nur die Hälfte von ihnen aus.

Ralf Westkamp lebt seit acht Jahren auf der Straße, seinen Schlafplatz hat er sich unter einer Bad Essener Kanalbrücke eingerichtet. Ein Karren ist mit Tüten und Decken beladen. Daneben steht ein Fahrrad, sein Transportmittel. Aus einem kleinen Handradio kommt scheppernd Musik. Immer wieder donnert es, wenn Autos über die Brücke fahren.

Egal, ob es Null oder minus zehn Grad sind, der 50-jährige Westkamp schläft immer draußen. Wie er das aushält? Sein Armeeschlafsack, der auf mehreren Isomatten ruht, wärme ihn, selbst bei größtem Frost. Angeblich halte der minus 25 Grad aus. Man müsse nur Kleider und Schuhe bis auf Unterhemd und Unterhose ausziehen und alles am Fußende des Sackes verstauen – „wie bei der Bundeswehr“, sagt er –, sonst erfriere man.

Früher Lkw-Fahrer, heute unter der Brücke

Dass er mal verheiratet war, Lkw-Fahrer und dass er fünf Kinder hat, das alles sieht man dem zauselig bebarteten Gesicht nicht an, jedoch leuchten die Augen wie von einem vergnügten Männlein, er lächelt in die Kamera, lässt sich gern fotografieren.

Mehrmals wollten ihn Ehrenamtliche bei grimmer Kälte schon überreden, nachts in der Unterkunft zu schlafen. Doch er lehnte jedes Mal ab. Er fühle sich wohl so, wolle sich nicht abhängig machen und mit anderen zusammen schlafe er ungern. Jeden Tag bringen ihm zwei Frauen Selbstgekochtes von zu Hause mit. Auch ein Bad Essener Pensionär schaue regelmäßig vorbei, wie es ihm gehe. Nun kam er vor ein paar Tagen schließlich doch einmal in den Keller unter der Bad Essener Marienkirche, wo sich die Obdachlosenunterkunft der Gemeinde befindet – unter dem Altar.

Obdachlosenunterkunft im Keller der Marienkirche

Zwölf Ehrenamtliche, davon vier Berufstätige kümmern sich im Wechsel um die Wohnungslosen. Lassen sie im Winter kurz vor 17 Uhr und im Sommer fünf Minuten vor 18 Uhr in die Unterkunft, nach Vorzeigen des Ausweises und Eintrag ins Buch. Hier können sie sich waschen, etwas kochen, sich aufwärmen. Zwei Betten stehen in dem Raum, ein Fernseher, Sessel, es gibt eine Kochzeile und nebenan einen Waschraum mit Dusche, Waschmaschine und Trockner.

Straßenmuff und Zigarettenqualm

Obwohl erst gelüftet wurde, ist der Straßenmuff nicht zu überriechen. Dazu Zigarettenqualm. Und die Fahne eines Obdachlosen, der am Montagabend schon 15 Minuten vor 17 Uhr da war. Der Mann ist schon betrunken in die Unterkunft gekommen. Im Haus selbst ist Alkohol eigentlich verboten. Genau kontrollieren können die Helfer das aber nicht, sagt Conrad Zösche, einer von ihnen. „Wir lassen die Leute ja über Nacht allein, sie sollen auch etwas selbstbestimmt sein. Wir sind ja keine Babysitter.“ Wer sich jedoch nicht an die Regeln halte, randaliere, beschmutze, pöbele, der riskiere auch ein halbjähriges Hausverbot.

„Für euch bin ich der Penner“

„Für euch bin ich doch sowieso der Penner“, sagt der Obdachlose, als die Reporterin und ihr Fotograf sich nach der Herkunft des Mannes erkundigen. Seine Augen sind rot, in der Hand hält er eine Flasche Bier – das, was bei ihm ausnahmsweise geduldet wird. Denn der Mann ist schwerer Alkoholiker. „Leider wird es seine Leber nicht mehr lange mitmachen“, sagt Zösche, der den Obdachlosen schon über dreizehn Jahre kennt. So lange, wie er sich schon als Helfer engagiert.

Der Obdachlose wird von seinen Schicksalsgenossen nur der „Bürgermeister“ genannt. Er sei bei den anderen nicht besonders beliebt, habe schon öfters Obdachlose vergrämt oder angerufen und gesagt, dass die Unterkunft schon voll sei, obwohl dem nicht so war. Da erstaunt es nicht, dass außer ihm an diesem Abend niemand weiter gekommen ist, obwohl es draußen minus fünf Grad sind.

Unterstützung von Landkreis und Niedersachsen

Von 20 bis 70 reiche das Alter der Wohnungslosen in den Unterkünften von Ostercappeln bis Melle, erzählt Anette Kaiser, die seit 1996 für das Diakonische Werk in Melle arbeitet. Frauen kämen fast gar nicht und wenn, dann fast nur mit Partner. Viele Obdachlose würden von einer Unterkunft zur nächsten ziehen, weil sie jeweils nur ein bis zwei Nächte am Stück bleiben dürften. Seit 2010 bekommt die Bad Essener Unterkunft vom Landkreis Osnabrück zehn Euro pro Übernachtung, acht Euro davon gehen an die Kirche für Heizung, Wasser, Reinigung, die restlichen zwei Euro werden für Waschmittel, Reparaturen, neue Matratzen aufgewendet. Davor lief alles über Spenden. Insgesamt sieben Übernachtungsstellen unterstützt der Landkreis im Kreisgebiet, manche schon seit 1992 wie jene in Ostercappeln.

Wachsende Übernachtungszahlen seit 2014

In den letzten Jahren hat die Zahl der Übernachtungen in den Unterkünften in Bad Essen und Ostercappeln, wo es ebenfalls zwei Schlafplätze gibt, zugenommen. Das Diakonische Werk listete für 2016 insgesamt 768 Übernachtungen, 456 fielen davon auf Bad Essen. 2015 waren es 727 und vor zwei Jahren 630. Was auf den ersten Blick erstaunt beim Betrachten der monatlichen Übernachtungszahlen im zweiten Halbjahr 2016 in Bad Essen: 42 im Juli, 53 im Oktober, aber nur 37 im Dezember. Da im Winter mehr Leute in Übergangswohnungen lebten, zeige die Statistik eine geringere Zahl, erklärt Anette Kaiser.

Übergangswohnungen sind knapp

Das Diakonische Werk vermittelt Wohnungslosen, die das wollen, eine Interimswohnung. Dort sollen sie den Übergang schaffen weg von der Straße in ein geregelteres Leben. Sie bezahlen die Wohnung von Hartz 4, das sie beantragen müssen. Doch billiger Wohnraum sei äußerst knapp. Kaiser und ihre Kollegen fänden immer schwieriger Wohnungen, die bezahlbar seien.

Knochen leiden, Rücken darbt

Viele Obdachlose würden es jedoch nur ein halbes Jahr oder kürzer in den Wohnungen aushalten. „Die meisten kehren wieder auf die Straße zurück“, sagt Zösche. Weil sie nicht in der Lage seien, den normalen Alltagsablauf zu gewährleisten. Nach Kaisers Erfahrung kehrten ungefähr die Hälfte aller Obdachlosen der Übergangswohnung wieder den Rücken. „Oft fällt denen die Decke auf den Kopf, Schulden holen sie ein, der Stress häuft sich.“

Doch auf der Straße würden sie oft nicht nur die Kälte unterschätzen. „Viele von ihnen werden nicht sehr alt“, sagt Kaiser. Die Knochen würden leiden, der Rücken darbe unter der Last der herumgeschleppten Sachen.


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