Slow Food und Cittaslow Bad Essen setzt auf Regionalität und Nachhaltigkeit


Bad Essen . Gerade hatten Mitglieder der regionalen Gruppe von Slow Food und einige Nicht-Mitglieder aus dem Osnabrücker Land im Restaurant „Kaffeemühle“ in Bad Essen ein köstliches 4-Gang-Menü rund um den Holunder genossen, als Annette Ludzay, Geschäftsführerin des Kur- und Verkehrsvereins Bad Essen, verkündete: „Bad Essen wird ‚Cittaslow‘!“ Damit ist der Kurort direkt am Hang des Wiehengebirges zukünftig die 14. Mitgliedskommune in Deutschland.

Mitte 2015 hat sich Bad Essen um die Mitgliedschaft im Netzwerk ‚Cittaslow‘ beworben. „Dazu mussten wir einen umfangreichen Fragenkatalog beantworten. Es sind rund 50 Seiten geworden“, erläuterte Annette Ludzay. Im Oktober habe man dann eine zweitägige Besichtigung gehabt. Mitte November habe die Cittaslow-Herbsttagung stattgefunden, wo entschieden wurde: „Dass Bad Essen in das deutsche Netzwerk aufgenommen wird. Gleichzeitig haben wir den Niedersächsischen Zukunftspreis bekommen, der mit 25000 Euro dotiert war“, freute sich die Geschäftsführerin sichtbar.

Kriterien erfüllen

Dadurch sei die Umsetzung der geforderten Kriterien, wie beispielsweise ein Internetauftritt, leichter. Derzeit warte man noch auf die Zusage aus Italien. Doch: „ Cittaslow hat schon die neue Broschüre aufgelegt und da sind wir bereits drin; das hat uns sehr beruhigt“, sagte Ludzay, die in diesem Zusammenhang für das Jahr 2016 einen Tourismustag ankündigte. „Damit feiern wir dann unsere Aufnahme in das Netzwerk!“

Die von Carlo Petrini initiierte Slow Food-Bewegung und das Bauernetzwerk Terra Madre zeigen, wie es möglich ist, kleinere Städte und Gemeinden hervorzuheben. So wird zum Beispiel auch das Internet positiv genutzt, indem man ein Netzwerk bildet, um Erfahrungen, Kulturen oder innovative Ideen und Projekte auszutauschen. Auf diesem effektiven Boden entstand Cittaslow, ein internationales Netzwerk über 25 Länder, das an Slow Food anknüpft und im Oktober 1999 in Orvieto in Italien gegründet wurde.

Anspruchsvoller Katalog

Was ist der Unterschied zwischen Slow Food und Cittaslow? „Slow Food ist eine Vereinigung, die sich um Regionalität von Lebensmitteln kümmert, einen sehr guten Ansatz von Lebensmittelproduktion hat. Cittaslow ist eine Vereinigung von Städten, die sich Grundsätze der Nachhaltigkeit auf die Fahnen geschrieben haben, die umgesetzt sind in einem ziemlich umfassenden und anspruchsvollen Katalog von Kriterien, die die einzelnen Cittaslow-Mitglieder auch erfüllen müssen“, erklärte Dr. Edgar Klinger, Leiter des Conviviums Osnabrück, der nach Bad Essen mit seinen Stellvertretern Oscar Alvarado und Dagmar von Kathen gekommen war. Cittaslow gehe in vieler Hinsicht über den Slow-Food-Ansatz hinaus. „Immer dann, wenn es zum Beispiel auch um stadtplanerische Aktivitäten, wenn es um gesellschaftliche Entwicklungen geht.

Interessante Betriebe

Slow Food ist eigentlich, wie der Name schon sagt, eine Vereinigung, die zunächst eher aus dem Lebensmittelbereich gekommen ist“, so Klinger, der gerne nach Bad Essen gekommen war. Denn: „Es gibt so viele interessante Betriebe, sowohl im gastronomischen Bereich, als auch beim produzierenden Handwerk“, betonte der Convivium-Leiter, der gespannt auf das besondere Menü war. Dessen Ausrichter war das Slow Food Convivium Osnabrück in Zusammenarbeit mit dem Kur- und Verkehrsverein Bad Essen. Küchenchefin Jutta Kessen hatte sich mit ihrem Team vier Gänge rund um den Holunder mit viel Liebe zum Detail einfallen lassen.

„Holunder ist in den letzten Jahren für Bad Essen zu einer Identifikationsfrucht geworden“, unterstrich Edgar Klinger in seiner Begrüßung. Ziel des Menüs sei es gewesen: „Einige Beispiele auf die Teller zu bekommen, wie vielfältig letztlich Holunder einsetzbar ist.“ Allein von der Aromen-Vielfalt gebe er eine Menge her, „sei es als Blüte, sei es als Beere“, bemerkte Klinger, der allen einen genussreichen Abend wünschte.

Zuerst Parmesanplätzchen

Als Gruß des Hauses schlemmten die Gäste zum Einstieg Parmesanplätzchen mit Balsamico-Zwiebeln. Zum ersten Gang gab ́s dann eine Tomatenessenz mit Holunder-Grießklößchen, die etwas süßlich schmeckten, da Holunderblütengelee verwandt worden war. Als Nächstes folgte ein köstliches Rote Beete Carpacchio mit roten Zwiebeln und Winterportulak, veredelt mit Holunderblütenessig.

Bevor der Hauptgang kam, veranschaulichte Annette Ludzay: „Wir arbeiten schon seit Jahrzehnten an regionalen Dingen, die man genießen kann.“ Als Erstes stellte sie das Bad Essener Urmeersalz vor, das vielfältig einsetzbar sei. Da man übergreifend mit der Varusregion zusammenarbeite, habe man gemeinsam die „Kaffeezeit“ entwickelt, an der sich 21 Cafés beteiligen würden. Als typisches Gericht für die Varusregion gebe es zudem die „Kartoffelplate“.

Landfrauen zu Gast

Als vor einigen Jahren ein Bus mit Landfrauen aus dem Emsland in Bad Essen zu Gast gewesen sei, hätten die geschwärmt: „Oh, was habt ihr hier viel Holunder.“ Ludzay: „Mittlerweile haben die Leute bei uns in der Region festgestellt: Es gibt nicht nur den einfachen, ganz normalen Holunder, der überall wächst. Es gibt auch einen schwarzen Holunder und ganz viele Sorten, die unterschiedlich duften und schmecken. Es ist tatsächlich so etwas wie Begeisterung für den Holunder geworden, sodass die Leute sagen: Der gehört zu uns!“ Mittlerweile gebe es auch zahlreiche Holunder-Produzenten, erwähnte Ludzay, die sich freute: „Dass sich die Kaffeemühle heute auf dieses Experiment, im Winter etwas Herzhaftes mit Holunderakzenten anzubieten, eingelassen hat.“

Mit allen Sinnen

Mit allen Sinnen genossen die Gäste dann ein Schweinerückensteak vom bunten Bentheimer Schweinchen auf einer raffinierten, leckeren Holunderbeerensoße mit Möhrengemüse und selbst gemachten Nudeln und Ofenkartoffeln. Die Krönung war der Nachtisch: Ein Bratapfel, gefüllt mit Marzipan, angerichtet auf süßer Holundersoße und verfeinert mit selbst eingemachtem Hagebuttenmus. Die Gäste waren begeistert und spendeten Jutta Kessen mit ihrer Partnerin Liane Bendrich und dem Kaffeemühlen-Team mit einem kräftigen Beifall Lob und Anerkennung für die ausgefallenen Holunder-Kreationen.


Was bedeutet Cittaslow?

Cittaslow (= langsame Stadt) ist eine Bewegung, die 1999 in Italien gegründet wurde, inspiriert von der Slow-Food-Bewegung. Zum Netzwerk zählen rund 150 Orte in 25 Staaten. Bundesweit sind es mittlerweile 14. Bad Essen ist dieses 14. Mitglied des Netzwerks und das Erste in Niedersachsen. Was ein touristisches Alleinstellungsmerkmal ist. Cittaslow umfasst mehr als regionale Produkte mit kurzen Wegen vom Erzeuger zum Kunden. Die Bewahrung der Kulturlandschaft zählt ebenso dazu wie ein lebendiger Ortskern. Eine nachhaltige Umwelt- und Energiepolitik mit Schonung der Ressourcen in den Kommunen ist weiteres Merkmal von Cittaslow. Die Förderung von Kultur und regionaler Identität sind weitere Aspekte.

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