Bettina Steinbrügge Gebürtige Hördinghauserin leitet Hamburger Kunstverein

Von Almut Hülsmeyer

Kommt gerne in ihre Heimat, das Wittlager Land: Bettina Steinbrügge. Foto: Natascha UnkartKommt gerne in ihre Heimat, das Wittlager Land: Bettina Steinbrügge. Foto: Natascha Unkart

Hördinghausen. „Es ist hübsch, es gibt Wälder, und ich schätze die Bodenständigkeit der Menschen“, sagt Bettina Steinbrügge über ihre alte Heimat, den Wittlager Altkreis. Das einfache, unaufgeregte Landleben bildet einen wohltuenden Kontrast zu ihrer Arbeitswelt. Als Direktorin des Kunstvereins in Hamburg bewegt sie sich in einer Branche, „in der es um unglaublich viel Geld geht“. Da verliere mancher die Bodenhaftung, deshalb sei es gut, wenn man wisse, wo man herkomme, betont Steinbrügge.

Seit diesem Jahr steht die 44-Jährige als erste Frau an der Spitze des traditionsreichen Hamburger Vereins. Zuvor arbeitete sie mehrere Jahre als Kuratorin für zeitgenössische Kunst am 21er Haus der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien.

Dass sie mal „irgendetwas mit Kunst“ machen möchte, wusste die gebürtige Hördinghauserin bereits mit 14 Jahren. Engagierte Kunstlehrer in Preußisch Oldendorf und in Bad Essen weckten bei ihr Interesse für das Fach. So folgten nach dem Abitur Studienaufenthalte am Chicagoer „The School of the Art Institute“ und in Paris. Der Umzug vom Dorf in die Großstadt bedeutete für Steinbrügge eine große, aber „gewollte“ Veränderung. „Es war klar, dass, wenn ich etwas mit Kunst mache, ich das nicht im Wittlager Land tun kann. Zeitgenössische Kunst ist urban, man muss in die Städte gehen“, sagt sie.

In Kassel studierte Steinbrügge nach ihren Auslandsaufenthalten Kunstwissenschaft, Englische Philologie und Vergleichende Literaturwissenschaft. Parallel arbeitete sie als Studentin für das Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest und entwickelte dadurch eine starke Affinität zum Medium Film, die sie auch für ihre derzeitige Tätigkeit nutzen kann. „Rund 50 Prozent aller Kunstproduktionen sind heute mit Bewegtbildern. Es gibt zahlreiche Überschneidungen zwischen Kunst und Film, es wird in diesem Bereich viel experimentiert“, sagt Steinbrügge.

Ihr Interesse für Film brachte ihr vor sieben Jahren auch die Anfrage ein, ob sie für die Internationalen Filmfestspiele Berlin arbeiten wolle. Bis heute ist sie Mitglied im Kuratorenteam des Forums Expanded, das sich mit Experimentalfilm und Videokunst im Kino und im Ausstellungsraum beschäftigt.

Neben ihrer Arbeit als Kuratorin und Direktorin des Kunstvereins ist Steinbrügge seit mehreren Jahren in der Hochschullehre tätig. Als Leiterin der Halle für Kunst Lüneburg, die sie von 2001 bis 2007 war, dozierte sie am Fachbereich Kulturwissenschaften der städtischen Hochschule. 2009 folgte eine Lehrtätigkeit an der Haute École d’Art et de Design in Genf. Seit diesem Wintersemester hat die 44-Jährige eine Professur an der Hochschule für bildende Künste Hamburg inne. „Ich mag es, junge Leute zu fördern. Ich binde die Studenten immer in aktuelle Projekte ein, damit sie einen Bezug dazu bekommen“, sagt Steinbrügge.

Durch die Zusammenarbeit mit Studierenden gewinnt die Ausstellungsmacherin auch Anregungen für ihre Arbeit im Kunstverein. So beobachtet sie bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein deutlich verändertes Lese- und Rezeptionsverhalten. Eine Erkenntnis, die sich auch in der Kommunikation und Präsentation von Kunst im Hamburger Verein niederschlägt. „Heute geht es in der Kunst viel mehr um Partizipation als früher. Auch performative Sachen sind wichtiger geworden. Außerdem spielen Musik, Mode und Events eine große Rolle“, sagt Steinbrügge, die sich mit ihren Kollegen Gedanken darüber macht, wie man auch die junge Generation mit zeitgenössischer Kunst ansprechen kann.

In den kommenden Jahren möchte Steinbrügge in Hamburg ein gutes Programm mit internationalen Ausstellungen zeigen und klarmachen, wie wichtig die Institution ist, die 2017 ihren 200. Geburtstag feiert. Kein leichtes Unterfangen, denn das Kunstfeld verändere sich derzeit rasant, werde globaler und damit auch unübersichtlicher, wie die Kunstexpertin betont. „Man muss stärker entscheiden, was man nimmt. Der Konsens darüber, was gut ist und was schlecht, ist kleiner. Das bietet einen größeren Spielraum, birgt aber auch die Gefahr, dass man nicht verstanden wird.“ Zwar sei zeitgenössische Kunst noch nie so populär gewesen wie heute, andererseits erreiche man mit ihr trotzdem kein Massenpublikum.

Neben ihren verschiedenen beruflichen Tätigkeiten bleibt der Kunstkritikerin nur wenig freie Zeit. „Doppelt- und Dreifachbeschäftigungen sind durchaus Usus. Man entscheidet sich schon für den Job“, sagt sie. In den Altkreis Wittlage, der für sie Heimat ist und zu dem sie immer noch eine enge Bindung hat, kommt sie trotzdem regelmäßig. Seit sie in Hamburg wohnt, sogar wieder öfter, wie sie erzählt. Schließlich ist die Anfahrt nicht mehr so weit wie von Wien.