Projekttag zum Wendejahr Bad Essener Gymnasiasten diskutieren über Mauerfall

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Bad Essen. Wie nahmen Zeitzeugen den Fall der Mauer wahr? Wie sah der Aufbau der innerdeutschen Grenzanlage aus? Und was wäre, wenn die Mauer nicht gefallen wäre? Mit diesen und weiteren Fragen haben sich die Jahrgangsstufen 11 und 12 des Gymnasiums Bad Essen während eines Projekttages beschäftigt. In 17 Gruppen erarbeiteten die Schüler verschiedene Aspekte zum Thema „Mauerfall vor 25 Jahren“, die sie auf Stellwänden im Schulforum präsentierten. Abschluss und Höhepunkt des Tages war eine Diskussion mit Professor Jochen Oltmer von der Universität Osnabrück und dem ehemaligen Europaabgeordneten Horst Schnellhardt.

Zunächst hielt Oltmer, der sich auf Migration in der Neuzeit spezialisiert hat, ein Kurzreferat zum Thema „Die späte DDR: Gehen oder bleiben?“. Darin warf Oltmer einige Schlaglichter auf die Abwanderung der Menschen aus der DDR vor und nach dem Mauerbau. So stellte die massenhafte Abwanderung gerade junger und gut qualifizierter DDR-Bürger vor 1961 für die damalige Staatsführung ein erhebliches Problem dar. Die Zukunft des Staates habe auf dem Spiel gestanden, so der Wissenschaftler. Nach dem Mauerbau hätten sich viele DDR-Bürger ins Private zurückgezogen. In den 80er Jahren habe es dann eine neue Phase der Abwanderung gegeben, die zusammen mit den Protesten und Demos schließlich zum Niedergang des politischen Systems der DDR führten, erläuterte Oltmer den Stand der Forschung.

Einen persönlichen Einblick in die Zeit des Mauerfalls gab der Europapolitiker Horst Schnellhardt, der in der DDR aufwuchs und später als Tierarzt und Leiter des Kreisveterinäramts in Sachsen-Anhalt tätig war. Den Fall der Mauer am 9. November habe er zunächst gar nicht mitbekommen. „Wir haben in unserer Wohnung renoviert“, erzählte Schnellhardt. Als er von der Öffnung der Grenze erfuhr, sei er losgefahren. Allerdings sei man unsicher gewesen, ob die Nachricht tatsächlich stimmen würde. An der Grenze zeigte er pflichtschuldig seine Papiere vor, doch der Polizist winkte ihn sofort durch. „Wo ich 24 Stunden vorher noch erschossen worden wäre, wurde ich jetzt einfach durchgewunken“, verdeutlichte Schnellhardt die Bedeutung des Mauerfalls .

Im wiedervereinigten Deutschland wurde Schnellhardt zunächst Mitglied des Landtags von Sachsen-Anhalt und ab 1994 Mitglied des Europäischen Parlaments. In seinem Vortrag schilderte er seine politische Unerfahrenheit als junger Abgeordneter, der sich nach Jahrzehnten der Diktatur erst einmal in der Demokratie und ihren Institutionen zurechtfinden musste.

Im Anschluss an die Kurzvorträge hatten die Schüler Gelegenheit, ihre Fragen an beide Referenten zu stellen. So interessierte die Jugendlichen, wie man die Erinnerungen an die Mauer wachhalten könne und ob es Migration von West nach Ost gegeben habe. Auch die Meinung Oltmers und Schnellhardts zur Frage, ob der 9. November nicht nationaler Feiertag sein solle, wollten die Schüler wissen. „Der 9. November wäre ein würdiges Datum für einen nationalen Feiertag, aber ich bin auch mit dem 3. Oktober zufrieden. Wichtig ist, dass wir einen Feiertag haben“, sagte Schnellhardt. Oltmer wies darauf hin, dass die Entscheidung für den 3. Oktober eine politische sei. Der 9. November berge mit der Reichspogromnacht und der Novemberrevolution eine Konkurrenz des Erinnerns, die man mit dem 3. Oktober umgehe.


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