Erinnerung an Heinrich Aspelmeyer Der letzte Scherenschleifer der Wittlager Region

Von Gertrud Premke


Heithöfen. Er war ein ungewöhnlicher Mann, dieser Heinrich Aspelmeyer. Er war bekannt wie ein bunter Hund.

Noch heute kommen mitunter die Erinnerungen an diesen Sommernachmittag hoch, als „Nachbar“ Heinrich Aspelmeyer, ein alter, verwahrlost erscheinender Mann mit langem schwarzen Mantel, plötzlich wie aus dem Nichts auf unserem Hof am Sunderner Hügel auftauchte und sich mit meinem Großvater an das von den warmen Temperaturen trockene Stroh des Misthaufens lehnte und erzählte.

Ein Gespräch wie unter Nachbarn, was er tatsächlich auch war, denn Heinrichs Unterkunft befand sich auch am Sunderner Hügel.

Es war im Sommer 1954. Ich war vier Jahre alt. Es war in dem Jahr , wo Deutschland in der Schweiz „Das Wunder von Bern“ Wirklichkeit werden ließ, Elvis Presley und der Rock ’n’ Roll die Welt eroberten, das Lieblingsauto der Deutschen der VW Käfer war und ein Monatslohn durchschnittlich 320 Mark betrug – und der Scherenschleifer Heinrich Aspelmeyer sich kaum einen Laib Brot leisten konnte.

Der eigenwillige Mann streunte über die Dörfer zwischen Dümmersee und Wiehengebirge, um sein Leben mit Schleifen und Trinken zu verdingen.

Ein Landstreicher, Obdachloser oder Bettler, ein asozialer Nichtsesshafter wollte Aspelmeyer nicht sein, sondern ein umherziehender Scherenschleifer, der sein Handwerk kannte, allerdings auch gerne „ einen oder auch einen mehr mochte“.

Aspelmeyer wurde am 13. April 1887 in einem kleinen Haus neben dem Haupthaus der Familie Geldmeyer 44 in Arrenkamp geboren. Später wurde dieses Haus wegen Baufälligkeit abgerissen, und Aspelmeyers wohnten am Rande des Sunderner Hügels in Levern. Der Vater hatte sich seinen Lebensunterhalt mit dem Herstellen von Fußbänken, Besen und Holzlöffeln verdient und war damit über Land gezogen. Das mag Heinrich, der elf Geschwister hatte, und seinen Vater auf vielen Touren begleitete. Dies mag ein Grund für den späteren Wandertrieb gewesen sein.

„Wenn he in ein Duorpe anköümp, frögte he glieks: Hebbt gi wat tou Schliepen, Schäern, Messter...“, so nachzulesen in einer Arrenkamper Dorfchronik.

„Schlodde (Charlotte) häs du watt to schliepen“, so ist auch die zweite Erinnerung an ihn, als er eines Tages im gleichen Sommer plötzlich in unserer Wohnküche stand. Und als Großmutter verneinte, denn Großvater hatte am Tag zuvor den gesamten Messervorrat an einem Sandstein „geschärft, kam spontan die Frage nach einem Schluck Alkohol. „Wie hebbt käin Schnaps in Huse“, musste Großmutter abermals verneinen. „Aber wenn du döstig bis, denn hebbe ick watt fo die.“

Großmutter holte unter dem Spülstein eine Essigflasche hervor, füllte Daumenbreite von der Flüssigkeit in einen Becher und dann den Rest aus der Schwengelpumpe mit Wasser auf, reichte es Heinrich, der alles in einem Zug hinunterschluckte.

Obgleich Heinrich Aspelmeyers Erscheinungsbild mit seinem lumpigen Mantel Angst einflößend war, muss er ein gutmütiger Mensch gewesen sein. Im früheren Hause Hegerfeld Nr. 17 erinnert man sich heute, dass er auf Hochzeiten gerne uneingeladen erschien, so zum Beispiel auf der Hochzeit der Tochter Irmgard im Jahre 1948. Sogar ein Geschenk, eine Tasse und Untertasse mit Hahn und Huhn zog er unter seinem speckigen Mantel hervor. Und als „Nachbar“, wie er sich selbst bei den Einheimischen in Levern und Umgebung sah, gab es dann einen „Balkenbrand“, einen Selbstgebrannten.

Bei Feierlichkeiten wollte er dabei sein, denn hier gab es Schnaps umsonst, und auf Hegerfelds Hochzeit feierte er nicht weniger als drei Tage lang mit. Kinder, die ihn ärgerten und hinter ihm herriefen, zeigte er drohend seinen Stock, aber zugeschlagen hat er nie.

Vor Beginn seiner Schleifarbeiten musste erst ein derber Schluck aus der Flasche genommen werden. „Dat mott man sick günnen, denn wir leben nur so kurze Zeit und sind so lange tot“, wird der legendäre Scherenschleifer in der Arrenkamper Chronik zitiert. Und bei der Arbeit draußen in der Sonne sang er wohlgelaunt und vielleicht auf eine Besserung seines Lebenswandels hin: „Ach liebe Sonne, scheine auf meine kalten Beine. Ich will auch nicht mehr saufen. Ich will mir Strümpf und Schuhe kaufen...“

Die Winter über verbrachte Heinrich Aspelmeyer nicht selten hinter dem großen warmen Backofen in der Bäckerei und Gastwirtschaft Hegerfeld „Zum Weißen Schwan“ in Arrenkamp, direkt an der Grenze zu Sundern. Für Käte, die Bäckersfrau, hatte er zuvor Holz für den Backofen gespalten, und als Dank gewährte man ihm Unterschlupf.

Oft waren seine Unterkünfte aber nur Scheunen und Pferdeställe. Streichhölzer, Pfeifen und auch sein Werkzeug, den Schleifstein, hatte er vorher abgegeben, damit nichts passieren konnte und ihm keine Brandstiftung nachgesagt werden konnte. Und vor einem Gewitter hatte er Angst, die Ställe mussten offen bleiben.

Zur damaligen Zeit gab es auch einen Holzschuhmacher Mügge in Hunteburg, der von Haus zu Haus ging und seine Ware anbot. Häufig trafen sich beide, und Heinrich machte für den Holzschuhmacher Werbung: „Gähsse vowärts, gähsse trügge, de besten Holzken lierwert Mügge...“

Die Gemeinde Dielingen hatte zeitlebens einen Minimalsatz in die Rentenversicherung für Heinrich eingezahlt, und so bekam er im Alter eine kleine Rente.

Irgendwann in diesem Sommer 1954 gab es die dritte Begegnung mit dem Scherenschleifer. Sturzbetrunken lag er auf einem Strohbund im Schweinestall auf unserem Hof, und meine Eltern waren besorgt , dass „irgendetwas“ passieren könnte. Wochen später, einen Tag nach dem Haldemer Markt, wurde er von einem Fuhrwerk mit nach Wagenfeld genommen, wo er in der Scheune am 12. Oktober 1954 verstorben ist.

Einmal soll er an eine Kuhklappe ( Stalltür) geschrieben haben: „Wir haben hier keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir.“

Diese bleibende Statt fand er nach seinem Tode auf dem Arrenkamper Friedhof.

Die Arrenkamper richteten ihm ein ordentliches Begräbnis aus und noch heute zieren wilde Röschen, Bodendecker und eine dornige Diestel am Grabstein das Fleckchen Erde, wo Heinrich seine letzte Ruhe fand.