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„Halunkenpoet“ faszinierte Kontrapunkt mit Zwischentönen im Schafstall Bad Essen

Von Christa Bechtel

<em>Widmen</em> sich dem „Halunkenpoeten“: Oskar Ansull und Alfons Bock. Foto: Christa BechtelWidmen sich dem „Halunkenpoeten“: Oskar Ansull und Alfons Bock. Foto: Christa Bechtel

Bad Essen. War der Auftakt der 18. Literakur im Bad Essener Schafstall der leichten Muse gewidmet, so war die Fortsetzung am Samstagabend eher ein Kontrapunkt mit Zwischentönen. Oskar Ansull, ein äußerst professioneller Rezitator und Alfons Bock, ein kompetenter Interpret auf dem Bandoneon, erwiesen sich dabei als Sympathieträger der literarisch-musikalischen Szene.

„Heute darf ich Sie einstimmen, mit mir den Halunkenpoeten Fritz Grasshoff kennenzulernen“, sagte Wolfgang Bielefeld, Vorsitzender des Kur- und Verkehrsvereins. Er hatte dazu zwei Künstler gewonnen, die gekonnt Balladen, Moritaten, Rattenpfiffe, Krimis und auch musikalisch Nachdenkliches des Malerpoeten in Szene setzten.

„Oskar Ansull und Alfons Bock werden Sie leidenschaftlich, temperamentvoll mit wohlgeformten Stimmlagen unter dem Motto „…und leuchte im Gelichter“ mit den Werken Fritz Grasshoffs vertraut machen“, versprach Bielefeld. Beide Künstler würden seit mehr als zwanzig Jahren mit unterschiedlichen Programmen auftreten.

Dann wendete sich Bielefeld wieder dem „Halunkenpoeten“ zu: „Im nächsten Jahr wäre Fritz Grasshoff 100 Jahre alt geworden,“ sagte er. Oskar Ansull ging dann weiter auf die Vita des Zeichners, Malers, Schriftstellers und Schlagertexters ein: „Er wurde am 9. Dezember 1913 in Quedlinburg geboren und ist am 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada, verstorben.“ In der Gefangenschaft 1945 habe er das „Heiligenhafener Sternsingerspiel“ geschrieben, aus dem der gebürtige Celler nun eine Passage rezitierte. Kriegs- und Nachkriegserlebnisse habe Grasshoff in den sogenannten literarischen Albträumen wie „Finale der Odyssee“ oder „Mein alter Freund, der Busse“ verarbeitet.

Seine Texte und Gedichte der 1950er-Jahre würden als „poetischer Realismus“ bezeichnet. Die sogenannte Aufsteigergeneration dieser Jahre belege Grasshoff mit Ironie und Satire. Ansull trug anschließend die Gedichte Vertretung, Erfahrung, Poltawa und Minoschka vor, musikalisch untermalt von Alfons Bock mit Werken wie Petite Fleur, Summertime und Black Orpheus.

Die differenzierte Sprechweise Ansulls ermöglichte eine bildhaft-szenische Darstellung, gewissermaßen Miniaturhörspiele mit Untermalung eines Bandoneons. Ließ Alfons Bock authentische Tangomusik erklingen, verband sich ein durchgehend starrer Rhythmus mit einer wehmütig klagenden Melodik. Im Verlauf des Abends verließ das Bandoneon aber mehr und mehr die musikalischen Spielregeln des Tangos und präsentierte passend zur Rezitation musikalische Adaptionen aus dem Bereich des Soft-Jazz (Take 5), des Irish Folk, der französischen Musette-Walzer bis hin zur Seemannslied- und Schlagerromantik (Hamburger Veermaster).

Nach der Pause wurde das Auditorium in die letzten Grasshoff-Jahre mit ihren einzelnen Aspekten entführt. Musikalisch untermalt von einem lyrisch-versponnenen Musette-Walzer las Oskar Ansull zum Beispiel Auszüge aus dem biografischen Roman „Der blaue Heinrich“ (1980). Die Ausdruckspalette des Duos reichte von feinsinnig und lyrisch versponnener Melancholie bis zur derben spöttisch-lästerhaften Diktion, was sich an der Reaktion des Publikums ablesen ließ, das mal heiter und unbeschwert und im nächsten Augenblick wieder nachdenklich und besinnlich reagierte. Der derbe und urige Humor Grasshoffs zeigte sich besonders im meisterhaft vorgetragenen Gedicht aus der Halunkenpostille „Im Tingel-Tangel tut sich was!“ oder in der „Moritat vom eiskalten Gasanstaltsdirektor.“

„Normalerweise geben wir hier gar nichts zu, weil wir nichts zuzugeben haben“, läutete Oskar Ansull mit einem launigen Kalauer die Zugabe ein: Ein Solo für Bandoneon und als Abschlussgedicht „Die Ballade vom aufgegessenen Bein“.


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