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1961 noch gut im Gedächtnis Ein besonderes Weihnachtsfest in Heithöfen

Von Gertrud Premke | 23.12.2014, 19:35 Uhr

In aller Welt feiern Christen an Weihnachten die Geburt Jesu. Weihnachten ist ein besonderes Fest, ein Fest der Gefühle, der Gerüche und der Erinnerungen.

Gertrud Premke aus Heithöfen kann sich genau an das Jahr 1961 erinnern: Es war draußen bitterkalt. Schließlich hatten wir den 21. Dezember 1961. Das Weihnachtsfest stand kurz vor der Tür, doch zuvor sollte die goldene Hochzeit meiner Großeltern August und Charlotte Grützediek gefeiert werden.

Als kleines Mädchen im Alter von elf Jahren nimmt man nicht alles auf wie ein Erwachsener, doch von dem einmaligen Ereignis vor nunmehr über 50 Jahren sind dennoch Bilder im Gedächtnis geblieben.

Seltsam, dass die Großeltern sich so kurz vor Weihnachten im tiefsten Winter am 21. Dezember 1911 das Ja- Wort gegeben hatten. Vielleicht hatte es mit der Ausrichtung des Festes an sich zu tun, dem zuvor meistens ein Schlachtfest stattfand, denn die Lagerung von Lebensmitteln und Speisen zur kälteren Jahreszeit war damals sicherer und einfacher.

So hing im Dezember 1961 kurz vor dem Hochzeitsfest ein Schwein am Haken auf der Großen Diele. Großmutter nahm alles in die Hand. Vater bekam erst einmal den Auftrag, den Traktor von der Diele in die Scheune zu stellen. Dieser stand meistens in harten Wintern oben auf dem wärmeren Teil der Diele, damit der Diesel nicht einfror und er fahrbereit war. Die im unteren Dielenbereich liegenden Heuhaufen, wo wir drei Kinder so gerne spielten, mussten ebenfalls verschwinden. Dann wurde der Lehmboden gefegt.

Aber was sollte nur mit Lore, Fanny, Liese und den anderen drei Kühen geschehen, die im Stall an der Diele entlang standen? Man entschied sich, sie sollten am Festgeschehen teilnehmen. Sie blieben also dort stehen.

Fahrer für den Pastor

Da Großvater schon recht gebrechlich war und an Kirchgängen nicht mehr teilnehmen konnte, kam morgens Pastor Häussler. Ein nächster Nachbar, damals im Volksmund der sogenannte Totennachbar, hatte für den Transport gesorgt, denn der Pastor selbst besaß kein eigenes Auto. So war es häufig üblich, dass der Geistliche von dem motorisierten Nachbarn auf Abruf gefahren wurde.

Auf diese Weise erhielten meine Großeltern den Segen und das Abendmahl morgens zu Hause. Und es war auch durchaus üblich, dass sich weitere ältere Nachbarn anschlossen, ebenfalls das Abendmahl zu empfangen. Ein Auto zu besitzen war damals noch ein Privileg,

Für uns Kinder jedoch war der angekündigte Besuch der Verwandten aus dem Ruhrgebiet ein Höhepunkt. Der beliebte Onkel und die Tante kamen häufig per Zug bis nach Bohmte und von dort mit dem Taxi, welches sie bereits für den Rückweg wieder orderten. So geschah es auch dieses Mal, denn Weihnachten wollte sie gerne wieder bei ihren Kindern sein.

Nachmittags ging es lebhaft zu, und nach Kaffee und Blechkuchen wurden die allerletzten Vorbereitungen für den Abend getroffen. Bäcker Hegerfeld vom „Weißen Schwan“ schob das frische Schlachtfleisch in seinen großen Backofen, einige Nachbarsfrauen verarbeiteten in einem „Schweinepott“ im Flur die Hochzeitsgabe der Nachbarn – meistens Hühner und Eier.

Obgleich es draußen bitterkalt war, die Eisblumen in den nicht geheizten Räumen Bilder an die Scheiben zauberten, wurden auf der Diele mit weißen Leinentüchern Tische eingedeckt. „Wie halten wir bloß den Nachtisch, den gekochten Reis warm?“, war Großmutters größte Sorge spätnachmittags an ihrem Jubeltag.

„Ach was, den packen wir in Tüchern ins Bett“, rieten die helfenden Nachbarsfrauen. An heißer Suppe, knusprigen Schweinebraten, in vielen Töpfen gekochte Kartoffeln, Soße und „Fitzebohnensalat“ und danach am warmen Reis mit Zimt und Zucker sollten die Gäste sich laben. Später wurde erzählt, dass der Bratenbäcker nachdem er die Braten angeliefert hatte, den Reis auf seine Esstauglichkeit beschmeckt habe, indem er Zimt und Zucker mit einem großen Löffel vorweg abgeschürft habe.

Nur wenige Autos

An den Tischen waren fast nur die Nachbarn vereint, denn welche Verwandtschaft wollte auch schon im tiefsten Winter weite Wege per Rad oder zu Fuß auf sich nehmen? In Sundern vor den Toren des Wittlager Landes besaßen zur damaligen Zeit ganze zwei Familien ein Auto.

So fand dieses 50. Jubiläum im kleinsten Kreis auf der kalten Bauerndiele statt. Die fehlende Ofenwärme gaben Tiere und Menschen ab. Wenn die Kühe das Maul aufmachten oder mal ein „Muh“ von sich gaben, dann ging von ihnen ein warmer Hauch aus in die kalte Luft.

Aber in der Nachbetrachtung scheint es so gewesen zu sein, dass die besondere innere Wärme unter den Menschen, die friedliche Atmosphäre, die Hilfsbereitschaft, das Miteinander und Füreinander die fehlende Zentralheizung ausglichen.

Oma und Opa freuten sich dann über ihr Hochzeitsgeschenk: vier nagelneue Buchenstühle von den Nachbarn, die das Geld wie üblich bei solchen Gelegenheiten dafür gesammelt hatten. Natürlich wurde die „Gabe“, der Sachwert Huhn und Eier, dann wieder vom Geldgeschenk abgezogen.

Das goldene Hochzeitspaar, die Familie und die geladenen Gäste waren mit dem wenigen glücklich und zufrieden, was heute kaum mehr vorstellbar ist, wo derartige Feierlichkeiten in Restaurants stattfinden, wo man beim Essen die Qual der Wahl hat.

Tags darauf war nach diesem außergewöhnlichen Ereignis am Sunderner Hügel wieder beschauliche Ruhe eingekehrt. Mit dem großen Resteverzehr war das Fest endgültig beendet,Y und man sah besinnlich dem Weihnachtsfest entgegen.