Theodor Fontane im Mittelpunkt Eine literarische Zeitreise im Schafstall Bad Essen

Von Christa Bechtel

Virtuos untermalte die Harfenistin Giedrė Šiaulytė die Fontane-Lesung im Bad Essener Schafstall 
 Foto: Christa BechtelVirtuos untermalte die Harfenistin Giedrė Šiaulytė die Fontane-Lesung im Bad Essener Schafstall Foto: Christa Bechtel

Bad Essen. Am zweiten Abend der Literatur- und Musiktage wurden die literarisch-musikalischen Höhepunkte im Bad Essener Schafstall an der Bergstraße fortgesetzt. Dort gastierten im Rahmen des 200. Geburtstages von Theodor Fontane Stephan Schäfer aus Köln, der Reisebeschreibungen des 1819 geborenen deutschen Schriftstellers, Journalisten und Kritikers vorstellte, und Giedrė Šiaulytė, die die Lesung auf ihrer keltischen Harfe mit englischen und schottischen Traditionals umrahmte.

Begrüßt wurden die Besucher von Wolfgang Bielefeld, Vorsitzender des Kur- und Verkehrsvereins Bad Essen, und Beatrice le Coutre-Bick vom Literaturbüro Westniedersachsen. Dabei stellte Bielefeld heraus: „Gestern Abend hatten wir schon einen tollen ‚Aufgalopp‘ mit Musik, Liedern der 20er Jahre – und hatten damit einen wunderbaren Einstieg in unsere Literatur- und Musiktage. 

Nachfolgerin

„Eine schöne Brücke, die schon über Jahre besteht“, erklärte Beatrice le Coutre-Bick mit Blick auf die Verbindung Kur- und Verkehrsverein und Literaturbüro. Besonders freute sie sich: „Luisa Korte wird in die Fußstapfen von Annette Ludzay treten.“ Heute gehe es auf literarische Zeitreise zu Theodor Fontane, so le Coutre-Bick, die verdeutlichte: „Er gehörte damals zu den großen Realisten der Literatur. Denn er war auch ein früher Feminist, da er mit Romanen wie „Effi Briest“ und „Jenny Treibel“ – ungewöhnlich als Mann– auf die gesellschaftliche Situation der Frau mit all ihren Problemen hinwies. Nicht unbedingt kämpferisch, sondern eher mit Humor und Distanz.“ 

Stephan Schäfer stellte im Rahmen der Literatur- und Musiktage literarische Impressionen von Theodor Fontane aus England und Schottland vor. Foto: Christa Bechtel

Mit großer Begeisterung bereiste Theodor Fontane England und Schottland, was er literarisch festhielt. Nachdem Giedrė Šiaulytė engelsgleich und mit zartesten Klängen das Programm mit „Water is Wide“ eröffnet hatte, entführte Stephan Schäfer die Zuhörer souverän und mit dunkel-timbrierter Stimme von Gravesend bis London – ganz im Zeichen der alten Sprache, die manchmal für ein Schmunzeln sorgte. Gravesend bezeichnet der Schriftsteller als Herold, das nicht im Bann von London, aber doch in seinem Zauberbann liegt. 

Wie eine Stadtrundfahrt

„Und unruhig erwartungsvoll schweifen unsere Blicke die Themse herauf“, las Schäfer, der in dieser ersten Lesung den Zauber Londons, das ein Gefühl des Unendlichen vermittelt, schilderte. Federleicht und mit diversen Techniken ließ die Harfenistin brillant „The Parson´s Farewell“ erklingen. „Überall in London wird Musik gemacht“, definierte der ausgebildete Schauspieler, der nun auf die „Musikmacher“ und „Die Dockskeller“ einging. Schäfer: „Wenn man sich vergegenwärtigt, welche musikalischen Unbilden das englische Ohr sich von früh bis spät gefallen lässt, so könnte man in der Tat geneigt werden, dem Engländer jeden Sinn für Wohlklang abzusprechen.“ Aber das eigentliche Schrecknis Londons seien die Straßenmusikanten. Passend dazu ließ Šiaulytė „The Grenadier and the Lady“ erklingen. Schäfers Lesung von der Hyde Park Corner bis zur London Bridge mutete dann wie eine Stadtrundfahrt an, die die Instrumentalistin mit dem bekannten „Greensleeves“ untermalte.

Nächste Station: Schottland

Nach der Pause entführte Stephan Schäfer nach einer kurzen Einführung in die Reiseerzählungen Fontanes das gespannt lauschende Publikum nach Schottland, dem Schauplatz zahlreicher Shakespeare-Stücke wie Macbeth. Für Fontane eine große Inspirationsquelle und Höhepunkt seiner Reise. Humorige Begegnungen mit skurrilen Einheimischen mischten sich dabei mit der Schilderung der grandiosen schottischen Landschaft und dem majestätischen Edingburgh. Für den Autor die „schönste Stadt der Welt“. 

Alles in allem verbinden sich Fontanes Betrachtungen, spontane Eindrücke mit historischen Rückblicken und die Würdigung des Erhabenen mit dem augenzwinkernden Blick auf das Alltägliche. Das begeisterte Auditorium entließ das Duo nach anhaltendem Applaus erst nach einer Zugabe: Ein virtuos gespieltes schottisches Traditional auf der keltischen Harfe, das den stimmungsvollen Abend wunderbar abrundete.


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