„Die Damen und Herren Daffke" Spagat zwischen Unterhaltung und Politik in Bad Essen

Von Christa Bechtel

Brillierten in Bad Essen: „Die Damen und Herren Daffke“. Foto: Christa BechtelBrillierten in Bad Essen: „Die Damen und Herren Daffke“. Foto: Christa Bechtel

Bad Essen. Beifallsstürme, verbunden mit langanhaltendem Pfeifen, brachten den Schafstall zum Brodeln. Im Rahmen der Literatur- und Musiktage hatte das Ensemble „Die Damen und Herren Daffke“ fulminant einen Spagat zwischen Unterhaltungsmusik und politischem Lied gewagt, sodass ein vielschichtiges Bild der 1920er Jahre entstand und sie ohne zwei Zugaben die Bühne nicht verlassen durften.

In Bad Essens Kultur-Kleinod, dem Schafstall, hatten gut zwei Stunden zuvor Wolfgang Bielefeld und Annette Ludzay die Besucher zu dieser ausverkauften Veranstaltung willkommen geheißen. Ursprünglich sollte an diesem Abend der preisgekrönte Entertainer Jo van Nelsen auftreten, der jedoch erkrankt war. Kurzfristig sprangen „Die Damen und Herren Daffke“ ein, „die sogar aus Basel oder Berlin angereist sind“, erläuterte Annette Ludzay.

Annette Ludzay und Wolfgang Bielefeld vom Kur- und Verkehrsverein Bad Essen hießen die Besucher im Schafstall in Bad Essen willkommen. Foto: Christa Bechtel

Die „Daffkes“ - das waren an diesem Abend Ilan Bendahan Bitton, Pianist, Markus Paul, Sänger und Schauspieler, sowie die Sopranistinnen Franziska Hiller und Friederike Kühl; es fehlte Dennis Kuhfeld. „Daffke“ kommt übrigens aus dem Jiddischen und bedeutet so viel wie aus Spaß, aus Trotz, aus Eigensinn. „Was beschreibt, was wir machen“, so das Ensemble. Die Daffkes sind Schauspieler, Musiker, Sänger, die sich hinter alten Klostermauern kennengelernt haben, nämlich an der Hochschule für Musik und Theater in Rostock. Seit 2014 versprühen sie ihren Charme auf den Kleinkunstbühnen Deutschlands. Sodann wurde das Bad Essener Publikum ins Berlin der 1920er Jahre entführt.

Eindringlich brillierte Franziska Hiller mit der „Ballade vom Paragraphen 218“ von Bertolt Brecht. Dahinter Markus Paul als „Herr Doktor“. Foto: Christa Bechtel

Eindrucksvoll eröffneten die „Daffkes“ das Programm mit „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ von Friedrich Hollaender. „Wir wollen heute Abend Geschichten erzählen und ein paar Blicke wagen in die Cafés, Bars, Bordelle, in die Clubs des Berlins der 20er Jahre. Aber auch einen Blick unter die Staubschicht werfen – und ganz menschliche Geschichten erzählen“, erklärte Markus Paul. Aber: „Wenn wir über die 20er Jahre erzählen, müssen wir auch ein bisschen über die Zeit danach erzählen, über die dunklen Jahre.“ Das seien auch Geschichten, „die uns heute betreffen und mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Doch wir werden trotzdem noch ein wenig feiern; das gehört dazu und muss immer sein.“ Aber erst einmal malten sie ein bedrückendes, düsteres Bild von den 20er Jahren bis in die 40er.

Ein sensibler Begleiter: Pianist Ilan Bendahan Bitton. Foto: Christa Bechtel

Von Hollaender stammt auch „Die Kleptomanin, die Friederike Kühl sang. Dabei beeindruckte sie mit ihrem facettenreichen Timbre, als auch mit ihrem Tonumfang von einigen Oktaven. Eindringlich brillierte Franziska Hiller mit der „Ballade vom Paragraphen 218“ von Bertolt Brecht. Er war einer der vielen Künstler, die sich in den 20er Jahren in Deutschland für die ersatzlose Streichung des Abtreibungsparagraphen oder wenigstens für Straffreiheit bei einem Abbruch in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten engagierten. Für eine beklemmende Atmosphäre sorgten aber auch ihre Lieder und Geschichten von Flucht, Vertreibung und Identitätssuche. Dabei verlor das Ensemble nie den Blick für die Hoffnung, das Glück und die Menschlichkeit.

„Ich bin ein Vamp“ 

Frech, frivol ging´s im zweiten Teil in andere Ecken Berlins in den 20er Jahren. Wie „Ich bin das Nachtgespenst“ oder auf der Suche nach „Sind das meine Beine oder seine?“ oder „Ich bin ein Vamp“ und „Reich mir zum Abschied noch einmal die Hand“. Zum Finale ging´s dann zum Ball im Savoy. Aus der Operette von Paul Abraham sang das Trio mit ansteckender Begeisterung „Es ist so schön am Abend bummeln zu gehen…“. „Und da war noch ganz viel Glitzer“, meinten die „Daffkes“, die in Bad Essen für einen kurzweiligen Abend sorgten


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