Interview mit dem Philosophen und Bestseller-Autoren Finger auf dem Smartphone ist keine Berührung - Wilhelm Schmid liest in Bad Essen

Macht sich stark für die Kraft der Berührung: Der Philosoph und Buchautor Wilhelm Schmid. Foto: Schmid/PrivatMacht sich stark für die Kraft der Berührung: Der Philosoph und Buchautor Wilhelm Schmid. Foto: Schmid/Privat

Bad Essen. Was die Menschen heute am meisten berühren, sind die Glasoberflächen ihrer digitalen Geräte. Der Philosoph Wilhelm Schmid befasst sich auch mit diesem Thema in seinem neuen Buch "Von der Kraft der Berührung" (seit kurzem im Handel). Am 21. 9. liest er in der Aula der Bad Essener Grundschule daraus vor - im Interview mit unserer Redaktion spricht er darüber, warum es nie genug Berührungen geben kann.

Ende September geht es in Bad Essen noch einmal um das Genießen mit allen Sinnen und um alles, was mit „Slow Tourismus“ und „Slow Food“ zu tun hat. Entschleunigung, Nachhaltigkeit, Individualität und mehr, das sind die Stichworte, um die es geht. Zu dem Veranstaltungsbogen gehört auch die Lesung mit dem bekannten Philosophen Wilhelm Schmid, die am Samstag, 21. September, um 19 Uhr in der Aula der Grundschule Bad Essen statfinden wird. 

Wilhelm Schmid, ganz spontan (und ohne das nachzugucken): Was verbinden Sie ganz persönlich mit den folgenden Begriffen? Erstens „Cittaslow“ und zweitens „Slow Food“...

Langsames Essen ist mir vertraut, und ich kenne auch die entsprechenden Veranstaltungen unter diesem Namen. Im vergangenen Jahr war ich als Diskutant beim Slow-Food-Kongress in Turin. Zur Verlangsamung der Stadt trage ich selbst bei, da ich mich gerne mit einem Espresso in ein Straßencafé setze. Das übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Andere aus, es dem Müßiggänger gleichzutun. 

Sie halten eine Lesung in Bad Essen – spontan gefragt: Was verbinden Sie mit Bad Essen?

Von diesem schönen Ort hatte ich noch nie gehört. Schön muss er sein, denn den Bad-Zusatz bekommt ja nicht jeder Ort. Ich dachte mir also sofort, die Einladung dorthin kannst Du unmöglich ablehnen, und ich bleibe auch gleich zwei, drei Tage.

Es gibt hier einen sehr ansehnlichen und wunderschönen Ortskern mit viel Fachwerk und viel Sehenswertem – sicher auch etwas, von dem man sich berühren lassen kann. Aber Ihr neues Buch ist so nicht gemeint, oder?

Berührung ist natürlich nicht nur körperlich gemeint, und im Buch versuche ich das auch zu zeigen, welche Bedeutung es hat, sich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch und geistig berühren zu lassen. Äußere Eindrücke wirken auf uns ein, wenn wir uns dafür öffnen, dazu gehört sicherlich auch der Eindruck, den eine Stadt auf uns macht.

Ein ganzes Buch dem Thema der Berührungen zu widmen, das ist ein spannendes Experiment. Mal Hand aufs Herz (auch eine Form von Berührung): Hatten Sie jemals Zweifel, ob das Thema soviel hergeben könnte?

Nein, da gab es keine Zweifel. Das begann alles in einem Krankenhaus, in dem ich über zehn Jahre hinweg nebenher als philosophischer Seelsorger gearbeitet habe. Dort fiel mir auf, wie wichtig Berührungen für Menschen sind. Also machte ich das ausdrücklich zum Thema, mit allen unterschiedlichen Facetten. Es war ein Stich ins Wespennest. Damals wurde mir zum erstenmal klar, wie viel in diesem Thema steckt.

Was wir modernen Menschen heute am meisten berühren, sind die Glasoberflächen unserer Multimediageräte, Smartphones, Tablets, usw. War das auch eine Motivation, dieses Buch zu schreiben?

Ja, das können wir auf Schritt und Tritt beobachten, dass sich Berührung heute für viele Menschen darauf reduziert. Oder positiv gesehen: Dass viele Menschen auf diese Weise wieder die Bedeutung von Berührung kennenlernen und dann das Bedürfnis entwickeln, auch mal einen realen Menschen zu berühren und von ihm oder ihr berührt zu werden: Streichle mich mal, statt immer nur dein Smartphone.

Immer wenn wir in den Medien ein Sterbethema bebildern müssen, greifen wir allzu gerne zum Symbolbild „Hand eines alten Menschen wird gehalten von jüngerer Hand“. Also zumindest in der Symbolsprache können wir uns über einen Mangel an Berührungen nicht beklagen – oder ist es gar zu viel des Guten?

Mir sind nicht viele Menschen bekannt, die darüber klagen, dass sie zu viel Berührung bekommen. Das Gegenteil ist viel häufiger der Fall. Gerade ältere Menschen sehnen sich danach, die Hand eines anderen und gerne auch jüngeren Menschen halten zu dürfen. Es ist eine vertrauliche Geste und sehr viel Energie strömt durch die Hände hin und her. Überhaupt könnte das Händchenhalten wieder mehr in Mode kommen, es ist einfach schön!

Die Lesung ist eingebunden in die vierten „Slow Tourismus Tage“ in Bad Essen. Karten für die Lesung mit Wlhelm Schmid (12 Euro Vorverkauf, 15 Euro Abendkasse) gibt es im Vorverkauf in der Tourist-Information und der Wiehen-Buchhandlung. Weitere Infos unter www.badessen.info.


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